Geschichte des Tages: Ute Dombrowski – GEORG

Geschichte des Tages: Ute Dombrowski – GEORG

18.09.2017

GEORG

Ich bin Georg und vor vier Minuten aus dem Fenster meiner Wohnung im dritten Stock gesprungen. Jetzt liege ich auf dem Rücken und meine Gliedmaßen sind eigenartig verdreht. Die Schmerzen sind nicht so schlimm, wie ich mir vorgestellt hatte. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, dass ich tot bin.
Ich höre Stimmen, Schritte und versuche, meine Augen zu öffnen. Das linke Augenlid bewegt sich ein bisschen, das rechte ist wie zugetackert. Also blinzle ich kurz und sehe viele Schatten um mich herum.
Es piept dreimal. Jemand ruft den Notarzt.
Ich fühle warme Finger, die meine linke Hand festhalten und eine weiche Stimme flüstert: „Gleich kommt der Rettungswagen.“
Weitere Stimmen dringen in meinen Kopf.
„Ist das nicht der Alte aus dem dritten Stock?“
„Ja, das ist Georg.“
„Kennt den jemand?“
„Der ist doch nie vor die Tür gegangen. So ein Einzelgänger.“
„Ist der Typ tot?“
„Nein, guck doch richtig hin! Der atmet noch.“
„Scheiße, ob das wehtut, wenn man so krass auf den Beton knallt?“
Einer lacht und sagt: „Nein, das juckt nur ein wenig. Bist du bekloppt? Natürlich tut das weh.“
Ich will erwidern, dass es nicht so schlimm ist, aber es kommt nichts aus meinem Mund. Immer mehr Menschen stehen um mich herum und starren mich an. Sie überlegen gerade, warum ich das getan haben könnte.
„Sicher weil er keinen Job hatte.“
„Quatsch, darum springt man doch heutzutage nicht mehr aus dem Fenster.“
„Das sagt der Richtige! Wenn man einen festen Job hat wie du, dann kann man so reden.“
„Vielleicht ist er krank und will nicht operiert werden.“
„Möglich.“
Sie ziehen es in Betracht, dass ich vielleicht Krebs habe, bis jemand eine neue Idee hat.
„Seine Frau ist vor ein paar Jahren weg. Sie war blond.“
„Jetzt wo du es sagst, erinnere ich mich. Hatten die Kinder?“
„Keine Ahnung. Aber wenn die Kinder hätten, wären sie doch sicher bei der Frau.“
„Ja, Kinder kommen immer zur Mutter.“
„Was für ein Scheiß. Kinder kommen auch mal zum Vater.“
„Sind deine Kinder bei dir?“
Der Angesprochene schweigt.
„Wie lange dauert das denn noch, bis der Notarzt kommt? Das muss man sich mal vorstellen: Du springst aus dem Fenster und dann musst du ewig auf den Notarzt warten.“
„Na und? Denkst du, du lebst noch, wenn du aus dem Fenster springst?“
„Der da lebt noch.“
„Da wäre es mal besser, wenn der Notarzt endlich kommt, sonst kratzt der ab.“
Ich liege da und hoffe, dass ich schneller tot bin, als der Notarzt kommt, und halte die Luft an. Ohne Luft kann man nicht leben. Einer hat mich beobachtet und klatscht plötzlich in die Hände.
„Jetzt atmet er nicht mehr! Ach du Kacke.“
„Wieso? Der wollte doch sterben. Jetzt hat er es geschafft.“
„Da! Er atmet wieder. Das ist Schicksal. Das muss Schicksal sein. Jetzt kriegt der eine zweite Chance.“
„Wozu denn? Arbeitslos, von allen verlassen, einsam. Sag mal, was machst du denn da?“
Ich blinzle noch einmal und versuche zu erkennen, warum sich der neutrale Ton in Entsetzten gewandelt hat. Es klickt ein paarmal.
„Wann bekommt man sowas schon mal zu sehen? Ich brauche nur ein paar Fotos für meinen Account.“
„Leg das Handy weg, du Arschloch. Stelle dir vor, jemand würde dich fotografieren, wenn du hier liegst.“
„Ich liege aber nicht hier. Und sowieso, halt die Fresse, das macht doch heutzutage jeder.“
Es klickt noch einige Male, jetzt holen auch andere ihr Handy heraus und bannen meinen Anblick für die Ewigkeit zwischen die Fotos ihrer Kinder oder ihres letzten Grilltellers. Wie lange ist mein letzter Grillteller her? Während ich noch überlege, reden die Menschen weiter.
Die Stimme an meiner Hand flüstert: „Die sind doch alle bescheuert. Mach dir nichts draus, Georg, gleich kommt der Notarzt.“
Es juckt an meiner rechten Wade und ich möchte kratzen, aber leider komme ich nicht dran.
„Sag mal, wer spielt eigentlich heute Abend?“
„Keine Ahnung, ist doch egal, solange es Fußball ist. Grillen wir heute wieder?“
„Ja klar, ich habe eben die Würste gekauft, die im Angebot waren. Zehn Stück zu zwei Euro.“
„Sehr gut, ich bringe das Bier mit.“
Jetzt kommt Bewegung in die Menge, ich höre Schritte von festen Schuhen.
„Gehen Sie beiseite, damit ich zu dem Verletzten kann!“, ruft eine energische Stimme.
Ein großer Schatten beugt sich zu mir herunter.
„Hallo, hören Sie mich? Ich bin der Notarzt und werde Ihnen jetzt helfen. Können Sie mich hören?“
Ich versuche den Mund zu öffnen, dieses Mal gelingt es mir und mein Flüstern bahnt sich seinen Weg durch die blutigen Lippen: „Kann ich jetzt gehen?“
Ich spüre einen kurzen Stich und versinke im Nebel.

(c) Ute Dombrowski

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Ute Dombrowski – GEORG

  1. Petra Weise sagt:

    Das ist sehr harte Kost und sehr gut geschrieben. Du hast meinen vollen Respekt für den kompletten Text. Die Reden sind ganz hervorragend echt. Ich sehe die Gaffer richtig lebendig vor meinem Auge und habe tiefes Mitgefühl mit dem armen Verletzten, der so gern sterben wollte und nun offenbar daran gehindert wird.

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