Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Greta

Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Greta

26.09.2017

Greta
Greta saß in ihrem Lehnsessel, vor ihr auf dem Boden stand der Karton mit den alten Fotos. Ihre Enkelin Katja war zu Besuch gekommen und hatte so lange gebettelt, bis sie die Bilder aus dem Schrank holen durfte.
Stundenlang hatten sie zusammen die Fotos betrachtet, Katja stellte Fragen, Greta erzählte, auch wenn manche Bilder schmerzliche Erinnerungen in ihr weckten. Noch immer hielt sie ein Foto in ihren Händen, eines, das sie glaubte, verloren zu haben. Ihre Enkelin hatte es gefunden, es war unter eine Bodenklappe des Kartons gerutscht und nur eine Ecke schaute heraus. Aber Katja hatte so lange gezupft, bis sie es hervorgezogen hatte.
„Oma, wer ist das? Den habe ich ja noch nie gesehen“, fragte sie neugierig und hielt ihr das Bild vor die Nase.
Gretas Finger zitterten, als sie das Foto erkannte und die Hand danach ausstreckte. Tränen traten in ihre Augen, als die Erinnerungen sie überrollten – so viele Jahre! So viele Jahre hatte sie es aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Und nicht gefunden, als sie bereit war, es zu betrachten.
Ihre Fingerspitzen glitten liebkosend über die leicht verschwommene Fotografie, folgten den Umrissen des jungen Mannes, der darauf zu sehen war. Er war groß und schlank, fast hager. Die Hände hatte er tief in den Taschen der Jeans vergraben und lachte in die Kamera.
Greta hatte Katjas Frage nicht beantwortet, auch wenn die Kleine bettelte. Sie war gefangen in der Vergangenheit, betrachtete die Augen des Mannes. Sie hatten nichts von ihrer Ausstrahlung verloren, hatten sie in ihren Bann gezogen.
Sie waren dunkel, ihr Blick strahlend und warm, voller Lebenskraft und doch erkannte Greta darin den Hauch Melancholie. Sie konnte in diesen Augen versinken, sich vergessen und sie hatte es getan, immer und immer wieder.
Sie hatten nur ein Jahr. Ein Jahr voller Liebe und Zärtlichkeit, Freude und erfüllter Sehnsüchte. Nie zuvor und niemals danach hatte Greta so intensiv gelebt.
„Tom“, flüsterte sie, strich erneut über die Züge des Mannes. Ihr Herz zerbrach, als er ihr mitteilte, er müsse sie verlassen. Sie sah den gleichen Schmerz in seinen Augen, spürte seine Verzweiflung, als er sie ein letztes Mal umarmte und küsste, bevor er sich umdrehte und in den Nebeln verschwand.
Ihr Leben ging weiter, auch ohne ihn, sie heiratete, bekam Kinder, später folgten die Enkelkinder. Erst als ihr Mann starb, fühlte sie sich in der Lage, wieder an ihre erste große Liebe zu denken. Es wäre ihr wie ein Betrug an Gerald vorgekommen, er hatte sich stets bemüht, alles für sie zu tun, die Leere auszufüllen, die Toms Verschwinden in ihr hinterlassen hatte.
Greta erhob sich langsam aus dem Sessel, das Foto immer noch in der Hand. Sie wusste, was sie zu tun hatte.
Es waren nur wenige Schritte hinunter zum Strand. Sie lief am Ufer entlang, bis sie die Stelle fand, an der Tom damals verschwunden war. Nebel schwebte um den Eingang der kleinen Höhle, für einen Moment griff Angst vor dem Unbekannten nach Gretas Herz, presste es zusammen, dann trat sie entschlossen ein.
„Ich wusste, dass du mir folgen würdest!“ Tom lächelte und breitete die Arme aus.
Sie lief los und mit jedem Schritt fielen die Jahre von ihr ab. Als er sie auffing, war sie wieder das junge Mädchen, das das Foto gemacht hatte.
„Du hast mir so gefehlt“, flüsterte sie und schmiegte sich an ihn.
„Willkommen in meinem Reich!“ Tom lachte und zog sie mit sich.
Sie hatte lange gebraucht, um sich für ein Leben jenseits der Welt zu entscheiden, hatte gewusst, würde sie den Schritt wagen, gäbe es kein Zurück für sie. Erst jetzt fand sie den Mut, alles zurückzulassen und Toms Beispiel zu folgen.
Katja zupfte an dem Foto, das am Boden des Kartons klebte. Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie es betrachtete. Der junge Mann darauf zwinkerte ihr zu, dann drehte er sich um und verschwand im Nebel.
©Silvia Nagels 2017

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