Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Im Einkaufzentrum Teil I

Geschichte des Tages: Ellen Wolff – Im Einkaufzentrum Teil I

02.10.2017

Im Einkaufzentrum Teil I

Oder: Wenn Männer mit der Handtasche ihrer Frau orientierungslos umher irren.

Es fängt damit an, dass sie sagt: „Schatz, halt mal bitte. Ich gehe nur eben kurz da rein.“
Und schon startet der Tragödie erster Teil. Dann steht er da, der arme Tropf, guckt sich gelangweilt um, anderen Frauen hinterher und schon weiß er nicht mehr, in welchem der vielen Geschäfte seine Frau verschwunden ist. „Da rein“ ist eine für Männer eher unspezifische Ortsangabe. Das kann im Notfall alles heißen…
Das ist ein ähnlicher Effekt wie bei den Rot-Grün-Schwäche-Patienten. Für die sehen die Farben gleich aus, für verlassene Handtaschen-Männer sehen die Shops gleich aus. Klamotte ist Klamotte, egal welcher Name über dem Eingang prangt. Also eine Art Shop-Blindheit.
Da bleibt ihm doch nichts anderes übrig, als sich auf eine der vielen Warteinseln zu begeben, die wie Walross-Felsen aus dem Strom der Kaufsüchtigen aufragen. Dort sitzen andere Männer mit Handtaschen, manche sogar mit Spinnweben überzogen. Die haben nicht kapiert, dass der Satz: „Schatz, warte mal eben“, soviel bedeuten kann wie: „Ich gehe Zigaretten holen“. Die warten und warten und warten. Ganz treue Seelen sind das, die mit den Spinnweben.
Die meisten Männer werden aber wieder abgeholt. Die wenigsten allerdings liebevoll an der Hand genommen und heraus geführt aus dem Konsumtempel. Viele werden angemeckert. – „Wo warst du denn? Ich suche dich überall. Kannst du nicht einfach da stehen bleiben?“
Das ist meist eine Art Übersprungshandlung der Shopping-Queen, um zu vertuschen, dass sie
a) zu lange weg war,
b) doch nicht nur ein Teil gekauft hat und
c) sich über sich selber ärgert. Denn die Beleuchtung in der Umkleide ist unvorteilhaft, wenn frau über dreißig, mit ein bisschen Übergewicht genau dann in den Spiegel schaut, wenn sie gleichgewichtslos gegen die labberige Trennwand rummst, weil Hosengröße achtunddreissig doch nicht mehr geht.
Diesen Frust bekommt der Handtaschen-Festhalter auf seiner Warteinsel ab und das vor allen anderen Leuten. Mit blanken Hundeaugen schauen die unter den Spinnweben auf, aber sie sind nicht gemeint. Leider.
Erleichtert lächelnd steht dann einer der Wartenden auf und stapft beseelt seiner Frau hinterher. Gern trägt er ihre Tasche und die weiteren Plastiktüten gleich mit, und gutmütig folgt er ihren Schimpftiraden, denn er ist einer der Auserwählten. Er wurde wieder abgeholt. Was für ein Glück! Bis zum nächsten Shop…
„Schatz, warte mal eben. Ich gehe nur kurz da rein.“

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.