Geschichte des Tages: Bianca Röschl – DIE MÄR VOM GELANGWEILTEN KÖNIG

Geschichte des Tages: Bianca Röschl – DIE MÄR VOM GELANGWEILTEN KÖNIG

11.10.2017

DIE MÄR VOM GELANGWEILTEN KÖNIG

Es drohte einst in prächt’gen Mauern
ein König aus Langeweil gar zu versauern.
Obwohl er sehr viel Macht besaß,
machte ihm das Regieren keinen Spaß.

Audienzen gab er längst nicht mehr
und seine Minister hasste er gar sehr.
Vor den Amtsgeschäften tat er sich drücken,
nichts trieb ihn an aus freien Stücken.

Fürs Reiten war er nicht mehr fit,
drum fehlte zum Essen der Appetit.
Zu Theater, Tanz und Lustbarkeiten
konnte man ihn nicht verleiten.

Des Hofnarrn deftige Zoten
hatte er schon lang verboten.
Auch zur drallen Brust der Königin
zog es ihn kaum mit Freuden hin.

Alles war ihm viel zu fad,
drum fühlte er sich oft malad.
Nichts konnte seinen Alltag füllen,
da halfen auch nicht des Arztes Pillen.

Doch eines Tages, wie durch ein Wunder,
fand er eine Treppe in den Keller runter.
Die Stufen neugierig hinabgestiegen,
fand er eine Tür mit „ARCHIV“ beschrieben.

Ein Archiv ist nun, wie jedermann weiß,
alles andere als langweiliger Scheiß!
Geschrieben einst vor langer Zeit
und für die Ewigkeit ins Regal gereiht,
zeugen von vielen Taten die Schriftstücke,
erzählen von Trauer und vom Glücke.

Die Vergangenheit tat sich auf vor des Königs Augen.
Manches mochte er kaum glauben.
Von Macht und Pracht erzählen die Geschichten
und von jenen, die davon berichten.

Seit Tagen schon ward der König nicht mehr gesehen.
Der Hofstaat fragte erstaunt: „Was ist geschehen?“
Denn bald schon begann der König sein Leben zu ändern:
Er schälte sich aus seinen Hermelingewändern
und zog voller Elan
einen einfachen Staubkittel an.
Die Krone gab er ab an seinen Sohn.
Warum? Ich denk, Ihr wisst es schon:

Das Königsein ödete ihn an.
Drum brachte er das Archiv auf Vordermann.
Archivar zu sein machte ihm so viel Spaß,
dass er darüber hinaus alles andere vergaß.
Die Langeweile war verschwunden,
er hatte innere Zufriedenheit gefunden.

Und die Moral von dem Gedicht?
Manchmal kommt die Pflicht
auf Umwegen
ins Leben.
Manche Leidenschaft, die im Keller ist versteckt
wird in späten Jahren erst entdeckt.

(c) Bianca Röschl, 2017

Homepage

Facebook

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.