Geschichte des Tages: Nadin Brunkau – Gestört – irgendwie

Geschichte des Tages: Nadin Brunkau – Gestört – irgendwie

15.10.2017

Gestört – irgendwie

„Du bist ja völlig gestört!“, hörte sie ihn sagen und sah an sich herunter.

Ihre Beine standen fest nebeneinander auf dem Boden. Die in den Schultergelenken verankerten Arme baumelten rege am Körper, wie sie nun überprüfte. Ihre Hüfte ließ sich gut nach links und nach rechts drehen. Der Hals ebenso. Sie legte den Kopf in den Nacken und dann wieder auf die Brust.

„Ich denke, ich funktioniere doch sehr gut.“

Der junge Mann schnaufte auf. Seine Wut in ihm wuchs, als er in die großen grünen Augen seiner Schwester sah. Er hasste es, wenn sie das tat.

„Ich meine nicht „zerstört“, sondern „gestört“!“ Dabei schlug er sich bezeichnend mit der flachen Hand seitlich an die Schläfe.

„Im Kopf meinst du?“ Die junge Frau fragte ruhig nach.

Flehend hob er die Arme zum Himmel.

„Da geht es doch schon los! Kein Mensch versteht diesen Satz: “Du bist völlig gestört!“ – nicht!“

„Ich habe ihn ja verstanden“, lenkte sie versöhnlich ein. „Ich suche nur nach dem Fehler.“

Sie sah in seine weit aufgerissenen Augen.

Die Augäpfel mit den blauen, der himmelsgleichen Farbe, sie schienen aus seinem Gesicht zu treten.

„Pass auf, deine Augen, sie fallen gleich raus!“ Mahnend hob sie den Finger.

„Das ist anatomisch gar nicht möglich!“ Der junge Mann wand sich, bald schreiend verlor er fast die Beherrschung.

„Na, das denkst du!“

Sie blieb gelassen, bevor sie den Kopf hin und her schüttelte.

„Was machst du denn jetzt schon wieder?“

„Hörst du irgendetwas klappern?“

Er antwortete nicht. Er konnte nicht mehr.

„Wenn doch ein Teil in meinem Kopf lose wäre, würde es dann nicht bei der Bewegung irgendwie scheppern?“

„Bei dir scheppert´ s überall im Kopf!“

„Und das hörst du?“ Ungläubig nachfragend sah sie ihn zu ihm auf.

„Wenn du das selbst nicht mehr hörst, finde ich das schon bedenklich.“

Der junge Mann sah ein, dass er mit der Gegenrede nicht mehr weiterkam und hatte sich längst entschlossen, sich auf ihr Spiel einzulassen.

„Und du hörst es wirklich?“ Sie fragte noch einmal zur Sicherheit nach.

Er nickte. „Ja, da war es schon wieder – hast du es nicht gehört?“

Der Bruder machte einen erstaunten Gesichtsausdruck. „ So, als ob eine lose Mutter auf den Boden herunterfällt!“

Sie wurde ganz ruhig und horchte erneut in sich hinein.

„Das geht ja gar nicht!“ Erleichtert trug sie ein breites Lächeln. „Mein Kopf ist doch von innen weder gefliest noch mit Parkett ausgelegt.“

Mit der Erkenntnis kam die Gewissheit, dass sie sich nicht irrte. „So ein Geräusch kann da also gar nicht rauskommen.“

Nach einem Geistesblitz hob sie wissend den Zeigefinger.

„Dann muss es ja aus deinem Kopf gekommen sein. Das würde auch erklären, warum nur du es hörst!“

Sie lachte glücklich bei dieser gefundenen Erklärung auf.

„Jetzt habe ich doch tatsächlich kurz an mir gezweifelt.“

Schelmisch zwinkerte sie dem kleinen Bruder glücklich zu.

Sie erleichtert, er resigniert, ließen sie sich auf die weißen Stühle in dem Besucherraum sinken.

„Das sagt man doch nur so: „Du bist gestört“, wenn man den Anderen oder seine Idee für total verrückt hält.“

Der junge Mann sah mit diesen Worten zu seiner Schwester auf.

Er dachte an den abenteuerlichen Vorschlag, den sie ihm eben unterbreitet hatte und der den Anstoß zu dieser Diskussion gegeben hatte.

„Dann sag das doch gleich: dass ich verrückt bin, meine ich.“ Ihr Ton wurde leiser, als sie sich kurz umsah.

„Daran gibt es nichts zu rütteln und deswegen bin ich ja schließlich hier. Und wir beide hätten dann uns jetzt nicht gestritten.“

Der junge Mann sah sich in dem hellen Raum um. Nur wenige Menschen hielten sich heute hier auf. Die zwei nebeneinander am Fenster sitzenden Männer waren gemeinsam und doch einsam, jeder für sich in der eigenen Welt abgetaucht.

Gerade als er sich wieder seiner Schwester zuwandte, schob ein Dritter ebenso unbeabsichtigt wie unsanft die große Gehhilfe gegen seinen Stuhl.

Ein Schmerzaufschrei mischte sich mit dem metallenen Klappern. Von dem in die Jahre gekommenen Rollator brach scheppernd ein Rad.

„Der ist jetzt gestört!“, stellte die junge Frau mit einem Blick auf das Vehikel fest.

Der Bruder hielt sich laut schimpfend das schmerzende Bein, und als er zu ihr aufsah, ahnte er bereits was kommen würde.

„Und du, mein lieber Bruder jetzt übrigens auch!“

(c) Nadin Brunkau

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