Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le dernier cadeau – das letzte Geschenk

Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le dernier cadeau – das letzte Geschenk

16.10.2017

Le dernier cadeau – das letzte Geschenk

«Madame, bitte, ich muss Euch sprechen.»
Die Frau des Königs ist erstaunt. Der Gärtner ist ein großer, kraftvoller Mann, stolz auf das, was er unter seinen Händen wachsen lassen kann. Nun strahlt er nichts mehr davon aus. Er wirkt hilflos, dreht seinen Hut unbeholfen zwischen den sonst so geschickten Händen.
Der Blick der künftigen Königin liest in den Augen des Mannes.
«Monsieur», erwidert sie sanft, «kommt nachher zu mir. An meinen liebsten Ort hier. Dann sprechen wir in Ruhe. Und … Allein.»
Sie spürt, dass eine Audienz nicht der passende Rahmen für das ist, was der Gärtner ihr zu sagen hat.

Trotz der winterlichen Jahreszeit sitzt die Königin auf ihrer liebsten Bank im nun kahlen Garten des Trianon. Er nennt sie bereits jetzt so. Die Eheschließung mit dem König, die nach Ablauf des Trauerjahres noch einmal in der Öffentlichkeit erfolgen soll, ist ein offenes Geheimnis.
Die Königin hat ihr Wort gehalten. Das tut sie stets. Blass ist sie, noch immer, in einen dicken Mantel gehüllt. Seit Wochen scheint nichts sie wärmen zu können. Sie trauert um den Sohn, den sie verloren hat, und muss doch Mutter für den Kleinen sein, den sie in der gleichen Nacht zur Welt brachte. Heimlich. Die Mauern des Trianon bergen ein Geheimnis.
Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, nahezu entrückt, als gebe es dort etwas, was nur sie sehen kann. Ihr Sohn, der nunmehr der Älteste ist, besitzt die gleiche innere Einkehr, den gleichen Ausdruck in den Augen. Auch der Duc du Maine kommt hierher, wenn er die Stille sucht – oder seine Mutter. Ein weiteres Geheimnis, das keines ist.
Und nun muss der Gärtner dieser Frau, die er verehrt und schätzt, die ihm und seiner Familie viel Gutes getan hat, einen weiteren Schlag versetzen.
Königin Louise lächelt.
«Bitte, Monsieur, setzt Euch zu mir.»
Hier, an ihrem Platz, gelten für sie keine Konventionen. Die ehemalige Mademoiselle de La Vallière hat ihre Anfänge nicht vergessen. Auch das schätzt er an ihr. Und er, der sonst so redegewandt sein kann, findet die Worte nicht.
«Frei heraus, Monsieur, bitte.»
Der Gärtner holt tief Luft.
«Majesté … Meine Tochter.»
«Eure Tochter?»
Louise kennt die junge Frau. Ungefähr sechzehn Sommer zählt sie nun, ein zartes Geschöpf, das nichts von der Robustheit des Vaters geerbt zu haben scheint. Auch sie liebt die Stille der Gärten und begleitet ihren Vater, wann immer sie kann.
Noch einmal atmet der Gärtner durch.
«Sie … Erwartet ein Kind, Majesté.»
«Oh.» Die Königin ist überrascht.
«Ist der Vater bekannt? Gibt es da Schwierigkeiten?»
«Ja, Majesté. Der Vater ist bekannt. Und ja, es gibt Schwierigkeiten. Er … ist nämlich nicht mehr am Leben.»
Eine kalte Hand fasst nach dem Herzen der Königin. Der Gärtner sieht das Verstehen in ihren Augen.
«Sprecht weiter, Monsieur», sagt sie leise.
«Madame», erwidert er behutsam, «meine Tochter erwartet … Euer Enkelkind.»
Louise entgegnet nichts, doch ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie weint. Still. Lautlos.
Entgegen jeder höfischen Regel streckt der Gärtner den Arm nach ihr aus, umfasst sie sanft.
Als sich die Minuten zu Jahrhunderten dehnen, fragt sie:
«Wann wird es soweit sein?»
«Wahrscheinlich im Mai, Madame.»
Die Königin lächelt unter Tränen.
«Der Wonnemonat. Wie schön … Dann sieht man die Anzeichen bereits?»
«Ja, Madame.»
Die Königin strafft den Rücken.
«Monsieur, ich danke Euch für Euer Vertrauen. Und ich werde alles Erdenkliche für Euch und Eure Tochter tun. Für das Kleine. Mein Enkelkind … Ihr hättet es mir nicht sagen müssen.»
Nein, das hätte er nicht. Er hätte wie so viele sein Vermögen darauf verwenden können, seiner Tochter einen Ehemann zu verschaffen. Einen, der sich über die Frühgeburt so rasch nach der Hochzeit freut. Geld kann einige Freude hervorrufen.
«Der König, Madame …»
«Überlasst den König mir. Ich werde mit ihm sprechen. Er wird dieses Kind ebenso willkommen heißen wie ich. Eine letzte Hinterlassenschaft unseres Sohnes … »
Der Gärtner schüttelt stumm den Kopf.
«Nein, Madame, nicht die letzte.»
Er fasst in seinen Rock, zieht ein versiegeltes Schreiben daraus hervor, reicht es an Louise.
Sie erkennt die Schrift, erbleicht.
«Mon Dieu», flüstert sie.
In ihren Händen hält sie den letzten Brief ihres Sohnes.
In der fahlen Wintersonne sitzen die künftige Königin von Frankreich und ihr Gärtner und weinen um den, den sie verloren haben. Um sein Vermächtnis.

Louise Bourbon, Oktober 2017 – dem Comte de Vermandois gewidmet

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