Geschichte des Tages: Corina Lendfers – Türkischer Schwarztee

Geschichte des Tages: Corina Lendfers – Türkischer Schwarztee

22.10.2017

Türkischer Schwarztee

„Danke.“
Mit einem galanten Lächeln nimmt mir die Wasserstoffblondine mit dem golden glänzenden Lippenstift die Teetasse aus der Hand. Ich lächle zurück und wische mir mit einem Taschentuch über die Stirn. Die eilig zwischen die blattlosen Äste zweier hoher Sträucher gespannten Baumwolltücher vermögen nur wenig Schatten zu spenden. Erbarmungslos brennt die Sonne auf die türkische Steppe. Es riecht nach Staub und trockener Erde. In der Ferne flimmert der Horizont.
Ein Mann schiebt sich durch den Türrahmen und bleibt keuchend vor dem Reisebus stehen. Unter seinem roten, vom Schweiß dunkel gefärbten T-Shirt mit dem Aufdruck „nobody but me“ wölbt sich ein gigantischer Bauch, der zu wabbeln beginnt als der Mann auf mich zustapft. Wulstige Lippen stülpen sich über den Tassenrand. Er schluckt sichtbar, verzieht für zwei Sekunden das Gesicht, und die glasigen Augen drohen aus den Höhlen zu springen. Dann gibt er mir das weiße Blümchenporzellan schnaubend zurück.
Hinter ihm drängt sich eine kleine, alte Frau. Runzlige, graue Haut überzieht ein knochiges Gesicht und weist keine Spur von Feuchtigkeit auf. Zitternd führt ihre Hand die Tasse an den Lippenstrich, dann wandert ihr linker Mundwinkel in die Höhe. Langsam macht sie einem muskelbepackten Schwarzhäutigen Platz.
„Wann geht’s hier endlich weiter? Ich will raus aus dieser verdammten Wüste!“ Donnernd wirft er mir seine Worte ins Gesicht und stampft mit dem Fuß auf, sodass rotbrauner Staub aufwirbelt.
„Sobald der Motorschaden behoben ist.“
„Und wann ist das?“ Lächelnd zucke ich die Schultern. „Scheißorganisation ist das hier!“ Er trinkt und knallt die Tasse so heftig auf den kleinen Klapptisch, dass sie zerbricht. Ohne ein weiteres Wort dreht er sich um, stapft düstere Drohungen murmelnd in Richtung einer kleinen Buschgruppe davon.
Ich schenke weiter Tee aus und beobachte wie sich der Bus leert. Eine Frau noch. Grauweißes, toupiertes Haar, lange Goldohrringe. Süßliches Parfum umweht meine Nase. Ihre blassblauen Augen fixieren mich, während sie die Tasse mit spitzen Fingern zum Mund führt.
„Pfui Teufel, was ist das für ein Gebräu?“
Ich weiche zurück, dennoch trifft mich ein Teil des ausgespuckten Tees am Hals. „Trinken Sie. Es ist das Einzige, was es hier gibt.“ Ungerührt fülle ich ihre Tasse erneut und schaue zu, wie sie sie mürrisch austrinkt. Ich werfe Tabun, der an der Fahrertüre lehnt, einen fragenden Blick zu. Seine Finger fahren durchs schwarzgelockte Haar und er nickt kaum merklich. „Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Das ist feinster türkischer Schwarztee mit Zitrone und einem Schuss Blausäure.“

Eine halbe Stunde später kämpft sich unser rostiger Bus weiter durch die elende Steppe. Die Sonne steht tief und blendet unter der Sonnenklappe durch die Windschutzscheibe. Der Motor dröhnt viel zu laut und das Getriebe klappert.
Hinter meiner Stirn pocht ein dumpfer Schmerz. Flüchtig streift mein Blick Tabun. Die kleinen Augen unter den buschigen Augenbrauen starren zusammengekniffen auf die Sandpiste.
„Alles in Ordnung mit dir?“ Er stösst seine Worte durch die stickige Luft, ohne mich anzusehen.
Ich zucke die Schultern und schweige. Mein linker Daumennagel bohrt sich in die Kuppe des Zeigefingers. „Wie viel?“, frage ich zurück.
„Zu wenig.“ Der schmale Strich seiner Lippen verschwindet ganz.
Ich lehne mich zurück und seufze stumm. Wieder fünfzehn Menschen mehr, die in der endlosen türkischen Steppe ihre letzte Reise angetreten haben. Und es waren noch nicht die letzten. Dabei hat es diesmal so vielversprechend ausgesehen. So viel Schmuck und dicke Geldbeutel. Morgen muss es reichen. Jeden Moment kann unser Unternehmen auffliegen, und dann ist es aus. Nicht nur für Yusuf.

Ein schrilles Geräusch fährt mir durch Mark und Bein. Ich fahre hoch und starre mit weit aufgerissenen Augen an die grüne Blümchentapete. Meine Halsschlagader schmerzt unter dem Druck des pulsierenden Blutes, ein pelziger Geschmack liegt träge auf meiner Zunge.
Wo bin ich?
Die Tapete beginnt sich zu drehen. Eine Stahlfeder drückt sich in meinen Allerwertesten, und mein Rücken fühlt sich an als steckten tausend Nadeln darin.
Langsam lasse ich mich in mein Kissen zurück sinken.
Zuhause.
Aus der Küche dringt das Klappern des Geschirrs, unter dem zentimeterbreiten Türspalt der verzogenen Tür schlängelt sich der Duft nach schwarzem Kaffee in meine kleine Kammer. Die Matratze neben mir ist leer, Asam muss bereits in der Schule sein. Röchelndes Husten aus dem Nebenzimmer.
Yusuf. Seine Lungenentzündung schreitet hörbar voran, und jeder Hustenanfall steigert meine Verzweiflung. Wenn es Tabun nicht gelingt, rechtzeitig das benötigte Geld für die Medikamente aufzutreiben, weiss ich nicht, wohin mich diese Verzweiflung treiben wird.

Meine Träume weisen bereits in eine beängstigende Richtung.

(c) Corina Lendfers

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