Geschichte des Tages: Gabi Büttner – Abwärtsspirale

Geschichte des Tages: Gabi Büttner – Abwärtsspirale

23.10.17

Abwärtsspirale

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen Lena das Bild, das ihr der Spiegel am Kleiderschrank entgegenschleudert, nicht erträgt. Wann genau hielt sie es für eine clevere Idee, den Schrank gegenüber vom Bett aufzustellen, um sich zu zwingen, sich dem Anblick jeden Morgen aufs Neue zu stellen?
Verdrängung funktioniert nicht, wenn man jeden Tag der Wahrheit ins Gesicht sieht, hatte sie damals gedacht.
Sie sieht hin, als sie auf der Bettkante sitzt. Allerdings reicht ihr der Blick in ihr Gesicht. Ungeschminkt, müde, bleich, aber faltenfrei. Wenigstens etwas.
Die Worte ihrer Psychologin kommen ihr in den Sinn. Konzentrieren Sie sich auf das Positive …
Was spielt es da für eine Rolle, dass Lena ewig nicht beim Frisör war, ihre Brüste widerlichen leeren Schläuchen gleichen, die auf einem Bauch liegen, auf dessen Umfang Buddha stolz gewesen wäre? Wen juckt es, dass ihr Hintern die Hälfte eines 1,40 m breiten Bettes einnimmt, solange ihr Gesicht ohne Falten ist?
Schnell steht sie auf, greift zu ihrer Kleidung, die auf dem Stuhl neben ihr liegt. Angezogen sieht sie nicht ganz so schlimm aus. Allerdings kann kein noch so locker fallender Stoff verbergen, was sie ist. Hässlich, wertlos, schwach.
Scheiß drauf, wem es nicht gefällt, der kann wegsehen!
Nur sehen die Menschen nicht weg, ebenso wenig, wie Lena selbst es kann.
Sie erkennt die Verachtung in den Blicken derer, denen sie auf dem Weg zur Arbeit begegnet. Schlimmer ist die Belustigung, die ab und zu aufblitzt.
Sie ist erleichtert, als sie an ihrem Arbeitsplatz ankommt. Die Kollegen sind nett, geben ihr das Gefühl trotz ihres Aussehens angenommen, ja vielleicht sogar gemocht, zu werden.
Lena nimmt es hin, tut so, als wüsste sie nicht wie oft sie in den Pausen Gesprächsthema ist.
„Hat Lena schon wieder zugenommen?“
„Warum unternimmt sie nichts dagegen?“
„Sie sollte Sport machen.“
Ab und zu spricht sie sogar jemand drauf an. „Ernährungsumstellung, ein bisschen Sport, wäre das nicht was? So schwer ist es doch gar nicht. Man muss nur anfangen“, sagen sie, ohne Lena dabei in die Augen zu sehen. Putzig, dass solche Fragen meist von denen kommt, die keine Probleme mit ihrem Gewicht haben.
Lena nickt dann nur. Sie spart sich die Erklärung, wie oft sie es in den letzten zwei Jahrzehnten versucht hat.
Für jedes Kilo, die sie verlor, hatte sie hinterher zwei wieder drauf. Inzwischen hat sie es aufgegeben. Sie war schwach, das wusste sie mittlerweile, erbärmlich, beschämend, selbst für ihre Familie.
Trotz allem gilt sie als Selbstbewusst. Eine Maske, die sie seit ihrer Pubertät trägt und perfektioniert hat. Sie tritt ein für das, was ihr wichtig ist, duldet keine Ungerechtigkeit, verteidigt die, die sie mag. Nur gehört sie selbst nicht zu denen, denen sie Zuneigung entgegenbringen könnte.
Also schweigt sie zu all den gutgemeinten Ratschlägen, die Löcher in ihre Seele reißen, grinst debil und zuckt mit den Schultern. Wieder etwas, was sie sehr gut kann. Immerhin soll sie sich ja auf ihre Stärken konzentrieren.
Nach Feierabend freut sie sich auf den Schutz ihrer winzigen Wohnung. Aber um dort hinzukommen muss sie erst einmal an der Horde Jugendlicher vorbei.
Wie immer überkommt Lena dabei ein Gefühl der Beklommenheit, dabei stehen die Kids nur zusammen, lachend und schwatzend.
Für einen winzigen Augenblick bedauert Lena es, nie zu einem solchen Kreis gehört zu haben. Ihr Gewicht grenzte sie bereits im Kindergarten aus, war Anlass für Häme und Spott der anderen, aber was soll’s? Die Vergangenheit kann man nicht ändern.
Sie ist fast an der Gruppe vorbei, als es anfängt. Zuerst Geräusche, wie von einem Schwertransporter, dann die unvermeidlichen Witze über gestrandete Wale, danach die Spottrufe.
Lena versucht nicht hinzuhören, ignoriert die Gruppe, erduldet wie immer Respektlosigkeit und die Beleidigungen der Halbwüchsigen. Sie hat es nicht anders verdient. Also versucht sie, die Wut zu unterdrücken, die in ihr aufsteigt und ihr ein Loch in den Magen brennen will. Aus Erfahrung weiß sie, es macht keinen Sinn zu reagieren. Darauf folgen nur noch mehr Frechheiten, mit denen sie an einem Tag wie diesen nicht zurecht kommen würde.
Ein winziges Stocken, dann tragen ihre Füße sie zum Eingang des Supermarktes.
Brav legt sie den Salat in den Einkaufkorb, gefolgt von Tomaten und Paprika. Das leckere Jogurtdressing ignoriert sie. Ein Löffel Olivenöl mit etwas Wasser und Kräutern tut es ebenso. Nach über zwanzig Jahren ständiger Diätversuchen, nach Ernährungsumstellungen, die immerhin manchmal sechs Monate gehalten haben, weiß sie, was sie essen darf. Trotzdem befindet sich auf dem Laufband der Kasse plötzlich Schokolade, Pudding, Laugenbrötchen und Eiersalat. Schwach, so verdammt schwach …
Ab nach Hause, rein in die bequeme Jogginghose, die ganz sicher niemals zum Joggen getragen werden wird. Jetzt noch die Musik. Laut, so laut, dass ihre Gedanken endlich schweigen.
Sie verschlingt beide Laugenbrötchen, dick belegt mit dem Eiersalat. Es fühlt sich beinahe wie eine tröstende Umarmung an. Der Schokopudding folgt. Langsam wird der reißende Schmerz in ihrer Bauchgegend schwächer. Jetzt noch die Schokolade, dann lehnt sie sich zurück. Satt, auf eine Art, die nichts mit einem gefüllten Magen zu tun hat. So getröstet lässt der Schmerz des Tages endlich nach. Bis sie die Schuld überrollt.
Sie verdient es nicht, gemocht zu werden. Wie könnte das auch jemand, wo sie sich selbst verabscheut für das, was sie ist? Schwach, erbärmlich, wertlos …

(c) Gabi Büttner

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