Geschichte des Tages: Walter Zeis – Zwischen Pinscher und Porzellansittich

Geschichte des Tages: Walter Zeis – Zwischen Pinscher und Porzellansittich

28.10.2017

Zwischen Pinscher und Porzellansittich

Abenteuer eines Studenten
Man versetze sich in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, und zwar in ein teilzerstörtes Halle an der Saale. Stichwort DDR, realsozialistische Lebensbedingungen, Wohnungsnot.
Und dennoch mittendrin eine Insel kleinbürgerlichen Behagens

Nun hatte ich schon die vierte Adresse in der Tasche und ging in den berüchtigten Stadtteil Glaucha, im Rücken noch die Warnungen meiner Kommilitonen: Ich begäbe mich in den unverfälschtesten Stadtteil des ehrwürdigen Halle, aber auch in den unerträglichsten, sagten sie.
Angenehm überrascht, wie sauber der Treppenaufgang war, drückte ich auf den Klingelknopf. Sogleich vernahm ich ein jähzorniges und dünnes Gekläff, dazwischen schwerfällig tapsende Schritte. Kurz bevor die Tür geöffnet wurde, verstummte diese merkwürdige Hundestimme; ich hörte ein paar beschwichtigende Worte in jener gaumenbreiten Glauchaer Mundart, dem Sächsischen ähnlich.
Wie gesagt, das Gekläff verstummte, und sogleich öffnete sich die Tür. So wie einem der Geruch einer fremden Speise entgegenschlägt, umgab mich eine auf- und abschwellende Wortflut: „Sie wolln hier wohn? Aha. Was studiern Se denn? Aber ich sage Ihn’n gleich … Na, so schlimm is es nu och wieder nich! Nur geene Angst! Wir sin gar nich so in Glaucha! Ich müsste ja gar nich vermieten, wenn nich der Krieg … Wissn Se, mei Mann …
Wir führten eene so gute Ehe! Hier war unser Schlafzimmer. Sei Bett steht noch da. Auch die Bettsachen sin noch drauf. Jeden Morgen streif ich se glatt. Komm Se rein. Stehn Se doch nich so da! Und Ordnung müssn Se haltn könn.“
Sie stand da, halb verdeckt vom Türflügel. Ich wagte einen Blick hinein in die große reich geschmückte Diele und gewahrte unweit der Tür einen hockenden Dackel. Ich war ganz irritiert! Konnte ich mir doch nicht denken, das er dieses fistelnde Gekläff von sich gegeben hatte. Dazu saß er zu ruhig da und sah mich zu gelassen an. – Das Missverhältnis zwischen dem ersten und dem zweiten Eindruck verwirrte mich, und die Frau, die immer noch auf mich einredete, schien das bemerkt zu haben.
„Vor dem brauchn Se geene Angst zu habn, der is aus Gips!“ sagte sie, und in diesem Moment nahm ich einen ganzen Gartenzwergstamm wahr, der im Umkreis des Gipsdackels die Diele bevölkerte. „Hier“, sagte sie und streckte mir dabei ihren linken Arm entgegen, „hier, der war’s, der Sie als erster begrüßt hat, mei zweeter Ordnungssinn, mei Gackarsch!“
Ich sah auf ihren Arm und erblickte dort den Kopf eines im Moment zwar ruhigen, aber außerordentlich nervösen Rehpinschers. „Na, gefällt er Ihn’n?“ wollte die Dame wissen. Ich war gewissermaßen sprachlos. Sie schien meine Reaktion zu verstehen und wandte sich deshalb, um mich zu beruhigen und einen ersten Grundstein für mein Heimatgefühl zu legen, an den Pinscher, zog ihn unter ihrem Oberarm hervor, zeigte auf mich und sagte:
„Gugge ma, das is unser neies Herrchen. Musst hübsch aufpassn auf ihn!“ Wie sie das gemeint hatte, erfuhr ich erst nach genauerer Bekanntschaft mit dem Pinscher meiner Wirtin.
Ich schüttelte meine Befangenheit ab und widmete mich nun abwechselnd, aber auch gleichzeitig dem Hund und seiner Herrin. Ich klatschte mit den Händen auf meine Schenkel, sagte „ja, ja“, „ach nee“, klatschte wiederum auf meine Schenkel, sagte „nee, was Sie nicht sagen!“ und sagte schließlich schenkelklatschend: „Ist ja unglaublich!“
Beide, Herrin und Hund, schienen von meiner Wandlung angetan zu sein, so dass ich, nach beiden Seiten freundlichst reagierend, in die Küche geleitet werden konnte.
Zum ersten Mal sah ich die Dame des Hauses in voller Gestalt. Sie war außerordentlich breithüftig, Schulterblätter und Wirbelsäulenende waren auffallend aufeinander zugeschoben.Die Knie schien sie beim Gehen kaum zu krümmen. Sie fiel sozusagen nur von einem Plattfuß auf den anderen. Sie hatte graues gepflegtes Haar und trug es in einem kurzen Schnitt. Die Hände gestikulierten selbst zu ihren Gedanken.
Nun stand ich also in der Küche. Zuerst fiel mir der Wellensittich auf und dann eine dem Jahresfestkreis entsprechende, jetzt mit Ostereiern, Gras und Langohren bestickteTischdecke. Letztere war mit zwei Glasplatten abgedeckt. Auf einer dieser Glasplatten sollte später meine Kaffeetasse stehen. Ein milieuwidriger Übermut, etwa beim Frühstück ein beschwingtes rhythmisches Klopfen mit dem Kaffeelöffel auf die Glasplatte, war undenkbar. Das zu tun, so musste ich erfahren, war nicht einmal in Anwesenheit des abwegig benannten Pinschers möglich, der, wie ich erfahren musste, hinlänglich dressiert war, den Ordnungssinn seiner Herrin, so sie abwesend war, durch seinen Blick und sein Kläffen, vollkommen zu ersetzen.
Mein Zimmer hatte keinen Ofen, keinen Kleiderschrank, zum Nächtigen ein 7/8-Sofa, dessen Kopfende unter einem Fenster stand, dessen eine Scheibe von einem diagonal verlaufenden Sprung durchzogen war. An der Längswand des Zimmers stand ein schwarzes Eichenbuffett, auf dem in der ansehnlichen Stückzahl von achtundzwanzig wahre Kleinodien aus Porzellan aufgebaut waren: Meißner Teller, sorglich aufgerichtet auf Drahtgestellen, eine Reihe von verschiedenfarbigen Porzellansittichen und -papageien.
Sogleich beim Betreten des Zimmers war ich verwarnt worden, mir ja nicht den Zorn von – Pardon – Kackarsch und Herrin zuzuziehen, indem ich mir, nicht vorsichtig genug, an dem Buffett zu schaffen machen würde: denn es sollte nicht noch einmal pasieren, was dem Hause widerfahren war durch einen Griff meines grobhändigen Vorgängers, der es verstanden hatte, durch einen sorgsam um einen Papagei gewundenen Zwirnsfaden dessen Zertrümmerung bis nach seinem Auszug zu verheimlichen. – Der Pinscher auf dem Arm seiner Herrin, schienen beide tränenden Auges und einen erholsamen Moment schweigend den Verlust zu beklagen.
Über dem Buffett hing ein üppiges, schräg in das Zimmer geneigtes Gemälde mit einer wahrhaft fluoreszierenden Herbstwaldszene, die in quasi hochsommerliches Licht getaucht war.
Für meine Kleidung und Wäsche wurde mir das linke Buffettfach zugewiesen. Dass meine Anzüge ausreichend Platz fanden, war nur dem Umstand zu verdanken, dass meine Jacketts – der damaligen Mode gemäß – nicht länger waren als meine halbe Körpergröße minus zehn Zentimeter.
Nur am Rande sei vermerkt, dass meine Füße in ausgestreckter Körperhaltung bis in Wadenhöhe über das Sofa, mein allnächtliches Bett, hinausragten. Wesentlicher erscheinen mir noch zwei Abenteuer, die zu verschweigen ein großer Verlust für den geneigten Leser wäre.
Als ich mich nach Einsicht in die zahlreichen Notwendigkeiten einigermaßen wohnlich eingerichtet hatte, sollte es sein, dass ich mir unter dem unüberspürbaren Luftzug vom Fenster her – es war inzwischen jener neblige und grauschneeige Winter über Halle gekommen – eine Neuralgie am Kopf zugezogen hatte. Meine Intervention, durch Umdrehen des Sofas meine Füße dem Luftstrom aussetzen zu dürfen, schlug, wie zu erwarten war, fehl, und noch heute erzittere ich im Gedanken an diese meine Vermessenheit. Doch an Einsicht fehlte es der Dame des Hauses mitnichten. Ich hatte mich eben gerade zu Sofa begeben, als es an der Tür klopfte. Herein trat eben jene Dame des Hauses mit dem unabweisbaren Pinscher, dem sie sogar im Hinblick auf meine Person die einmalige Ehre zugedacht hatte, mir eine einschlägige Hand- sprich Schnauzreichung zuteil werden zu lassen. – Ich erhob meinen neuralgischen Kopf und erblickte in der Schnauze des schwanzstummelwedelnden Hundes etwas, was mich an eine Kopfbedeckung erinnerte. Konsequent zu kombinieren hinderte mich die Neuralgie. Die Herrin des Hundes entnahm der dienstbaren Schnauze die, wie sie überzeugt war, einzig wirksame Lösung meines schmerzhaften Konfliktes, in den ich in dieser musealen und zugigen Umgebung geraten war. Das Mitleid hatte den Wortschwall der Frau gewissermaßen in ein der Situation entsprechendes Korsett gezwungen. Auch der Hund beschränkte sich nur auf verhaltene Zuckungen seines Körpers.
Sie wüsste mir zu helfen, sagte sie, über mich gebeugt. Ich sollte mich ihrer ausgedienten Kraftfahrerhaube bedienen, die sie über den Krieg aus der Zeit zu retten vermocht hatte, in der sie – noch glücklich – mit ihrem Mann im offenen Dixi durch die Lande gefahren sei. Diese Milde zurückzuweisen wäre vermessen gewesen. Dass ich aber einen weitaus größeren Schädel hatte als sie, ließ sie mit langwährendem Bedauern davonziehen. So blieb ich dem Sprung in der Scheibe und meiner Neuralgie letztlich doch ohne heilsame Unterstützung überlassen. Mein wohlaffektionierter Dank für die leider misslungene Maßnahme musste allerdings noch gar manchen Tag anhalten.
In der Diele sollte sich mein zweites winterliches Abenteuer abspielen; sozusagen als Ouvertüre dazu war über den Küchentisch unter den veredelnden Glanz der Glasplatten schon zu adventlicher Zeit eine reich mit Tannenzweigen und Tannenzapfen sowie mit brennenden Kerzen bestickte Decke gebreitet worden. Eine mit Tannenzweigen dekorierte Schale versperrte mir endgültig, denn sie war als unentfernbar bezeichnet worden, den Zugang zum Tisch in meinem Zimmer. Es adventete also allenthalben.
In der Diele entfaltete sich, als Weihnachten immer näher kam, der Höhepunkt jener festlichen Verwandlung der Wohnung. Hier zeigte die Dame des Hauses eine bisher ungeahnte Phantasie: zuerst hatte sie auf dem Tisch, der zu einer Gartenmöbelgarnitur gehörte, einen Tannenkranz gewunden, der bis an die äußerste Kante des runden Tisches reichte. Darauf wurden bunte Birnen angebracht, die ihr mildes Licht in die Diele ergossen. An eine Art Terassenlampe, die über dem Tisch hing, wurde ein Gebinde aus Tannenzapfen und papierenen Fliegenpilzen gehängt. Der Einfachheit halber waren die Zapfen in Puderzucker gewälzt worden, was natürlich den winterlichen Eindruck zu vertiefen angetan war.
Was mit einem Blumenständer geschah, das wollte mir allerdings nicht so recht in den adventlichen Rahmen passen: Auf die Bretter wurden, jeweils in ein Nest aus Tannenzweigen getaucht, die verschiedensten Vorgartenzwerge postiert, auf das unterste ein solcher, der sich dem Angeln hingab. An seiner Angelschnur hing ein Fischlein aus Blei, das in eine mit weihnachtlichen Ornamenten reichverzierte Tonschale voller Wasser getaucht war. Auf dem Wasser schwammen einige Zelluloidfische. Sie schienen sich der phantasievollen Dame zu sehr an den Rand der Schale zu drängen, so dass sie sich eines Tages, von der Straße her noch winterlich verpackt und den Pinscher unter dem Mantel, zu der Bemerkung veranlasst sah: „Na, ihr Kleen, ihr friert woll ooch – erneutes Pardon – an’n Arsch“. Nun war die Angelszene eindeutig in den winterlich-weihnachtlichen Zusammenhang gerückt.
Mit einem letzten tiefen Eindruck möchte ich nun enden. In einem besonders leutseligen Moment gestanden mir Herrin und Hund, dass in den besseren Zeiten, die sie miteinander gesehen hätten und in denen sie eben nicht an einen Studenten hätten vermieten müsen, ein berückender Springbrunnen das gemeinsame Schlafzimmer unvergleichlich geziert hätte, doch habe er nur Anlass geteilter, also doppelter Freude sein dürfen und hätte weichen müssen, als der Herr dieses unvergleichlichen Hauses dahingegangen war.

© Walter Zeis
Text aus Zeitwasserzeichen am Wegrand

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