Geschichte des Tages: Frauke Burkhardt – Die schönste Rose

Geschichte des Tages: Frauke Burkhardt – Die schönste Rose

29.10.2017

Die schönste Rose

Nervös betrat Stefanie das kleine Café am Stadtrand und setzte sich an einen Tisch in der Nische. Sie zupfte ihr dunkles, langes Haar zurecht und legte ein Buch vor sich. Verstohlen blickte sie sich um.
Hoffentlich versetzt er mich nicht, dachte sie. Er, das war Floris 28, eine Chatbekanntschaft, mit der sie sich hier persönlich treffen wollte. Das Buch war als Erkennungszeichen gedacht.
„Das Schönste ist eine Rose“, erklang eine freundliche Stimme neben ihr. Rose war ihr Nick Name, also musste das ihr Date sein. Stefanie blickte auf, sah in ein Paar klarblaue Augen, das zu einem großen blonden Mann mit kurzen blonden Haaren gehörte.
Wow, sieht der gut aus.
„Schön, dass du gekommen bist“, stotterte sie verlegen. Er nahm ihr gegenüber Platz. „Ich halte immer mein Wort. Was möchtest du trinken? Ach, das Wichtigste zuerst, im wahren Leben heiße ich Marc und ich arbeite als Gärtner.“ Er lächelte sie charmant an. „Du siehst toll aus.“
„Danke“, erwiderte sie. „Ich heiße Stefanie und bin Erzieherin.“
Marc winkte die Kellnerin herbei und sie bestellten Kaffee du Kuchen.
„An und für sich bin ich kein Freund von Chatbekanntschaften“, erklärte Marc. „Zuviel Lug und Trug.“
„Und warum hast du es diesmal so gemacht?“
Er zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich aus purer Neugier. Und du?“
Sie lachte. „Wahrscheinlich auch.“
Sie aßen und tranken, plauderten über alles Mögliche. Es kam Stefanie so vor, als ob sie Marc schon ewig kennen würde. Und immer, wenn er sie ansah, schlug ihr Herz wie ein Hammer.
Oh Mann, ich glaube, mich hat es erwischt. Er ist so anders, quatscht mir nicht die Ohren von seiner Ex voll, sondern wir können vernünftig über alles reden.
„Ich langweile dich doch nicht?“, unterbrach Marc ihre Gedanken.
„Oh nein, überhaupt nicht, im Gegenteil“, versicherte Stefanie und steckte ihr Buch ein. „Aber, wenn ich ehrlich bin, könnte ich ein wenig frische Luft vertragen.“
Marc bezahlte und sie gingen hinaus. Vor der Tür fasste Marc nach Stefanies Hand und bog in einen kleinen Seitenweg ein. „Du bist so wunderschön“, murmelte er. „So schön wie eine Rose.“ Er küsste sie sanft auf die Stirn. „Deshalb muss ich dir das unbedingt zeigen.“
Nach einigen Metern erreichten sie einen von Seerosen bedeckten Teich, umrahmt von einem Steingarten.
„Gefällt es dir?“
Stefanie war begeistert. „Das ist so romantisch. Die vielen schönen Rosen.“
„Die schönste aller Rosen bist du“, sagte Marc zärtlich und zog Stefanie näher an sich und küsste sie. Sie schloss genießerisch die Augen.
Ein perfekter Tag, ein…
Ein heftiger Schmerz durchzuckte ihren Schädel, sie taumelte
rückwärts, riss die Augen auf. Bevor sie im Wasser aufschlug und ihre Sinne schwanden, sah sie Marc mit einem faustgroßen Stein in der Hand, hörte seine Stimme, die nun kalt, aber auch irgendwie verwirrt klang. „Du musst das verstehen, eine Rose hat Dornen und ich will nicht, dass sie mir wehtun.“

(c) Frauke Burkhardt

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Frauke Burkhardt – Die schönste Rose

  1. Petra Weise sagt:

    Das ist eine recht seltsame Geschichte. Erwartet hatte ich solch ein grausiges Ende zwar, denn wenn ein Mann schon zur Begrüßung von der schönsten Rose säuselt und die ihm Unbekannte küsst, liegt das nahe. Trotzdem schockierte mich der Schluss – seufz … Wahrscheinlich deshalb, weil ich mir immer etwas angenehmes erhoffe.

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