Geschichte des Tages: Susi Menzel – Ein Blatt Papier

Geschichte des Tages: Susi Menzel – Ein Blatt Papier

09.11.2017

Ein Blatt Papier

Erstaunt beobachtete Maja, wie der Wind das zusammengeknüllte Blatt Papier ergriff, es kurz schüttelte und sanft aus dem geöffneten Fenster hinausschob. Es segelte ganz langsam aus dem 3. Stockwerk hinab in Richtung Bürgersteig.
Die Handynummer von Danny stand auf dem Blatt Papier. Die Zahlen hatten sie freundlich aufgefordert: „Nun wähl mich schon, tippe mich endlich ein, er wartet doch schon auf deinen Anruf!“
Im nächsten Moment hatten sie die Zahlen trotz der Herzchen, die sie rundherum gemalt hatte, grimmig angestarrt. Und hämisch gerufen: „Ruf ruhig bei ihm an, mach dich ruhig lächerlich!“
Bei dem Gedanken brach Maja der Angstschweiß aus.
Unter Dannys Telefonnummer hatte sie einige Variationen des Satzes geschrieben, mit dem sie ihm endlich sagen wollte, dass sich in ihn verliebt hatte. Sie war jetzt 36 Jahre alt und es war das erste Mal, dass sie sich vorstellen konnte, ihr ganzes restliches Leben mit einem einzigen Mann zu verbringen: Nämlich mit diesem gutaussehenden Mann, der immer lustig war, der sich mit ihr auseinandersetzte, der ihr zuhörte, der sie ständig ausführte und sie manchmal als seine Freundin vorstellte.
Aber sie hatten sich noch nie geküsst, vielleicht, weil sie wirklich gute Freunde geworden waren – oder weil sich vielleicht einfach nicht trauten?
Maja wusste, wenn sie ihm ihre Liebe gestand, wäre ihre Freundschaft vorbei, egal, ob er ihre Liebe erwiderte oder nicht.
Wenn sie ihm ihre Liebe aber nicht gestand, würde sie es nicht aushalten, weiterhin einfach so neben ihm her zu leben.
Die Unbeschwertheit ihrer Freundschaft hatten sie für immer verloren, egal wie sie sich jetzt entscheiden würde.
Letztendlich war sie zu ihm gefahren, um sich ihm todesmutig zu offenbaren. Er hatte die Tür geöffnet, sie freudestrahlend umarmt und hereingebeten.
„Ich wollte dir schon lange jemanden vorstellen“, hatte er geheimnisvoll gesagt und dann hinter sich in den Raum gerufen: „Jean-Paul, darf ich dir Maja vorstellen? Sie ist meine beste Freundin und wird hoffentlich auch deine!“
Er hatte sie glücklich angestrahlt und nicht bemerkt, wie sich Majas Herz in schlimmer Vorahnung verkrampfte.
Dann hatte er diesen alles entscheidenden Satz gesagt: „Maja, das ist Jean-Paul. Er ist seit gestern offiziell mein Lebensgefährte.“
Erwartungsvoll hatte er sie angeguckt und vermutlich gedacht, dass sie beiden juchend vor Freude um den Hals fiel und ihnen Glück wünschte.
Aber Maja stand nur stocksteif da und stotterte etwas wie: „Oh, äh, ja, wie schön, ääh, wie wirklich schön für euch.“ Sie war immer leiser geworden.
Gleichzeitig erwischte sie sich dabei, wie sie den muskulösen Körper des jungen Mannes an Dannys Seite bewundernd von oben bis unten taxiert hatte. Einen guten Geschmack hat er ja, hatte sie emotionslos gedacht.
Unter einem Vorwand hatte sie fluchtartig die Wohnung verlassen und zuhause erst einmal einen großen Schnaps getrunken, dem noch viele gefolgt waren.
Wie hatte sie nur so dumm und blind sein können? Das fragte sie sich die ganze, verwirrende Nacht lang.
Am nächsten Morgen hatte sie neben Kopfschmerzen dieses widerlich peinliche Gefühl, dass sie sich vollkommen lächerlich gemacht hatte.
„Fahr zur Hölle, Dannyboy!!!!!“ hatte sie schließlich unter ihre unausgesprochenen Liebeserklärungen geschrieben und sehr viele Ausrufezeichen dahinter gesetzt. Dann hatte sie das Blatt Papier zusammengeknüllt und es voller Wut und Enttäuschung an die Wand geworfen. Es war dort mit einem kleinen, leichten „Puff“ abgeprallt und auf die Fensterbank geschwebt, bevor es der Wind entführt hatte.
„Das ist nicht gut!“, dachte Maja und erklärte sich ihr eigenartiges Gefühl damit, dass ja gerade ihr Leben quasi zu Ende gegangen war, als ihr einfiel, dass sie das nächstbeste Blatt Papier umgedreht hatte, als sie etwas zum Schreiben gesucht hatte.
„Ach du Scheiße, mein neues Handy!““, rief sie entgeistert.
Ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig.
Es war der Brief mit der PIN und PUK Geheimnummer für ihr neues Handy gewesen!
Just in diesem Moment der Erkenntnis war das zerknüllte Dokument in die Griffkuhle eines schwarzen Hutes gefallen.
Der Mann, der den Hut trug, guckte sich auf dem Bürgersteig ein wenig irritiert um, sah aber natürlich nichts und trug das Papierknäuel hoch erhobenen Hauptes in Richtung Hauptstraße davon.
Maja schrie hinter ihm her. Aber der Wind war lauter als ihre Stimme.
Sie rannte die Treppen des Hochhauses hinunter, denn erfahrungsgemäß kam der Fahrstuhl nie, wenn man es eilig hatte.
Unten angekommen sah sie den Hut mit Mann in einen Bus einsteigen. Sie lief schreiend und gestikulierend hinterher, aber es war zu spät. Der Bus war weg.
Entsetzt ging sie zurück in ihre Wohnung, schnappte sich das neue Handy und ging in den Laden, in dem sie es kürzlich gekauft hatte.
Gottseidank war derselbe Verkäufer in dem Shop und er erinnerte sich sogar an sie. Somit gab es keine größeren Probleme, die neuen Geheimnummern anzufordern.
Maja hatte ihm natürlich nur erzählt, dass ihr der Wind den Brief sozusagen entwendet hatte und dieser nun auf dem Hut eines Unbekannten spazieren ging. Sie lachten sehr herzlich über dieses eigenartige Missgeschick.
Es lachte noch jemand mit. Ein anderer Kunde hatte sich hinter Maja angestellt. Er sah sehr sympathisch aus und lud sie spontan zu einem Kaffee ein.
Schon nach kurzer Zeit schien es Maja, als würde sie mit ihrer besten Freundin reden…

© 2017 Susi Menzel

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