Geschichte des Tages: Regina Störk – Der heilige Martin und das Mädchen am Brunnen

Geschichte des Tages: Regina Störk – Der heilige Martin und das Mädchen am Brunnen

12.11.2017

Der heilige Martin und das Mädchen am Brunnen

„Na, meine Kleine?“
Martin war vom Pferd gestiegen. Er streckte sich. Versuchte eine gerade aufrechte Haltung einzunehmen, was nach dem Langen Ritt gar nicht so einfach war. Aber er fand, er machte immer noch eine gute Figur.

Vor 35 Jahren hatte er an einem eiskalten Tag im Winter mal seinen Mantel mit einem Bettler geteilt. Damals war er 17 und als Soldat in Frankreich stationiert. Der Mann hatte gefroren und Martin hatte nichts als den Mantel, den er selber trug. Er hatte damals kurz überlegt, ob er ihm das warme Kleidungsstück geben sollte. Mit 17 macht man so was. Schließlich hatte er ein gutes Herz, war edel und selbstlos, wie es sich für Männer seines Standes geziemte. Aber das wäre ja nicht wirklich sinnvoll gewesen. Dann wäre es dem Bettler zwar besser gegangen, aber er hätte selber gefroren. Und wer weiß, ob er das überlebt hätte. Es war ziemlich kalt gewesen in dem Winter 334 nach Christi im Norden Frankreichs. Sein Pferd hätte ihm die Kälte vielleicht ein bisschen erträglicher gemacht und zu Hause hatte er noch einen zweiten Mantel gehabt. Schließlich war ihm dann doch die Einsicht gekommen, dass es nichts nützt, einem anderen so zu helfen, dass es einem selbst schließlich schlecht ging. Mit Frostbeulen an Händen und Füßen hätte er als Soldat niemanden mehr schützen können. Und wer weiß, was sonst noch alles hätte passieren können, wenn er seinen Mantel weggegeben hätte.
So hatte er den halben Mantel eben behalten.
Und Gott hatte das gefallen.
Er hatte ihm in der Nacht darauf einen Traum geschickt und sich bei ihm bedankt. Es sei sein Sohn gewesen, dem er geholfen hätte, hatte er gesagt.

Von dieser Geschichte hatte man schließlich noch lange geredet und es hatte ihn ein bisschen berühmt gemacht.
Inzwischen war er ein paar Jahre älter geworden.

Maria stand am Brunnen und holte Wasser. Sie war hübsch. Höchstens 25 Jahre alt, schätzte Martin. Es war Sommer und so war das junge Mädchen nicht ganz so verhüllt wie Frauen das im Winter waren. Man konnte die helle zarte Haut unter ihrem leichten Sommerkleidchen erahnen. Zwei lange geflochtene blonde Zöpfe umrahmten das frische Gesicht mit seinen leicht geröteten Wangen.

Die junge Frau knickste verlegen und sah zu Boden.
Was will der von mir?, dachte sie.

Ein Mädel nach meinem Geschmack. Martin seufzte und sah sie mit verklärtem Blick an.
„Magst du mich ein Stück begleiten?“, fragte er. „Ich binde mein Pferd hier an und wir könnten ein Stück gemeinsam spazieren gehen. Hier am See ist es schön. Vielleicht finden wir sogar ein Lokal, wo man uns an einem lauschigen Plätzchen ein Stück Kuchen serviert.“

Das Mädchen knickste verlegen und sah zu Boden.
Was will der von mir?, dachte sie. Der ist doch mindestens doppelt so alt wie ich.
Sie sah ihn an. Das Gesicht sah ein wenig zerknittert aus. Wenn ich älter wäre, würde ich das vielleicht attraktiv finden, überlegte sie und fand es bewundernswert, wie er sich ganz offensichtlich bemüht hatte, aus den wenigen Strähnen auf dem Kopf eine Frisur zu basteln. Der scharfe Ritt, der Wind, der ihm dabei das Haar zerzaust hatte, hatte sie ein wenig in Unordnung gebracht. Nun war viel Kopfhaut zu sehen.

„Ich bin Martin“, sagte der Mann, zog seinen Bauch ein, der sich leicht über seinen Hosenbund gewölbt hatte und machte eine leichte Verbeugung. „Der Mann mit dem Mantel.“
„Ich denke, wir wären ein schönes Paar“, erklärte er. „Ich finde dich hübsch.“

Maria kannte die Geschichte. Sie fand sie toll. Der Mann war bewundernswert. Aber fand er keine Frau in seinem Alter?
„Ich finde dich…“ Maria sah Martin an und musterte ihn heimlich. „… nett. Ich finde dich nett. Und ich finde es toll, was du damals getan hast. Die Leute reden noch heute davon.“
Was sag ich nur? Maria überlegte fieberhaft.
„Ich denke, ich wäre deiner unwürdig. Ich bin doch viel zu jung für einen so erfahrenen, mutigen und angesehenen Mann“, versuchte sie es diplomatisch.
„Meine Schwester, die ist zehn Jahre älter als ich. Sie ist immer noch sehr hübsch. Vielleicht würde sie… Wenn du magst, kann ich sie mal fragen.“

Einen Moment wirkte Martin fassungslos. Aus dem Konzept gebracht. Maria befürchtete schon, er würde sie in Grund und Boden verdammen, explodieren, wütend werden oder was immer sonst sie sich an unangenehmen Reaktionen vorstellen konnte.

Martin sah Maria an. Erst ernst. Erschrocken. Dann zuckte es um seine Augen, um seine Mundwinkel und er lachte. Sympathisch.

Was für ein attraktiver Mann!, dachte Maria. Wenn auch der Lack vielleicht schon ein bisschen ab ist, aber er hat Humor. Eine tolle Ausstrahlung. Und ein gutes Herz. Ich sollte meine Schwester vielleicht wirklich fragen.

„Ich fürchte, ich muss mich bei dir entschuldigen“, lächelte Martin freundlich. „Ich glaube, ich habe mich ein wenig verschätzt. Ich hab schon lange nicht mehr in einen Spiegel gesehen und ich muss gestehen, ich hatte tatsächlich vergessen, wie alt ich bin.“ Er nahm ihre Hand in seine, verneigte sich und gab ihr einen Handkuss. „Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, höchstens 27 Jahre alt zu sein. Bitte verzeih.“

Er führte sein Pferd an einen kleinen Treppenaufsatz, von so aus es ihm leichter fiel, aufzusteigen, wendete, winkte und ritt davon.

Maria sah ihm verträumt nach.
„Was für ein Mann“, dachte sie.

(c) 2017 Regina Störk 

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