Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le Royaume de la Mer Teil I

Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le Royaume de la Mer Teil I

19.11.2017

Le Royaume de la Mer Teil I 

An einem Ort wo der Fluss ins Meer strömt, dort, wo die Sonne das Wasser gülden und lichtdurchflutet macht, liegt das Schloss des mächtigen Meereskönigs. Er war gütig und weise, und seine Untertanen, aber auch die Fische und die Seepferdchen und das andere Meeresgetier liebten ihn ebenso wie seine zahlreiche Familie.
Der König der Meere wiederum liebte seine Königin sehr, denn sie war voller Liebe für ihn und alles, was ihn umgab, das Alter hatte weder ihre Schönheit noch ihre Klugheit getrübt, und er dankte noch immer jeden Tag dafür, dass er seine Frau vor vielen Jahrzehnten aus einer Gegend, die für die schönsten Gärten des Meeres bekannt ist, nach Hause in seinen Palast geführt hatte.
Nun verhielt es sich so, dass der König kein junger Mann mehr war und sich sehr darum sorgte, wer die Krone erbte, würde er dereinst in die Gezeiten einkehren.
Er hatte nämlich zahlreiche Söhne, die alle reich an Fähigkeiten waren, wollte sich aber versichern, dass der weiseste und für sein schweres Amt geeignetste unter ihnen ihm nachfolgen würde. Zudem sollte der Prinz, der seines Vaters Platz einnähme, reinen Herzens sein, denn ein reines Herz ist Bedingung für Güte, und diese sollte allen Herrschern gegeben sein.
So rief der König all seine Söhne zu sich und sprach zu ihnen in dieser Weise:
«Es ist an der Zeit, mes fils, dass ich mich auf das besinne, was nach mir sein wird. Um zu sehen, wer von euch die besten Eigenschaften mitbringt, um die Krone zu erlangen, stelle ich Euch allen die Aufgabe, die rosa Perle zu gewinnen. Jene Perle, so sagt man, liegt in den tiefsten Regionen des Meeres, dort, wo des Nachts nur die Mondfische leuchten. Von dieser bestimmten Perle gibt es nur eine einzige. Derjenige, der als erstes mit der rosa Perle in den Palast des Meeres zurückkehrt, der soll König unter dem Meer sein und mir folgen.»
Die Söhne machten sich also auf den Weg: Einer zu Seepferd, einer in Begleitung eines Delphins, wieder ein anderer gar in einem großen Schwarm silbriger Fische verborgen.
Der jüngste der Söhne war der kleine Wassermann. Eifrig wollte er loseilen und sein Seepferdchen satteln. Allein der König hielt ihn zurück. Der Jüngste war noch klein, und es schien, als sei ein solch unstetes Abenteurerleben nichts für einen zarten Knaben, der noch keine fünfmal die Wale hatte ziehen sehen.
Der kleine Wassermann wurde also in die Obhut seiner Erzieherin übergeben, einer sehr weisen und beherzten Sirene, die sich nicht scheute, ihren Schützling mit Klauen und Zähnen auch unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen.
Denn im Reich des Königs herrschte nicht nur Frieden: In einem Winkel hauste auch eine große Schar von Medusen, giftige Quallen mit langen Tentakeln, die auf nichts anderes als ihren Vorteil bedacht waren und sich den lieben langen Tag nichts taten als sich arglose Fischlein in die amorphen Leiber zu stopfen.
Deren Stolz war ebenso groß wie ihr Appetit. Denn vor einigen Jahrzehnten war es notwendig gewesen, dass der König des Meeres seinen Bruder mit einer Prinzessin aus dem Royaume des Ombres vermählen musste, um mit diesem Frieden zu schließen. Des Königs Bruder wurde wegen seiner zarten Gestalt le Prince des Écumes genannt, der Prinz des Meeresschaums. Als die Prinzessin aus dem Royaume des Ombres als dessen Gemahlin in den Palast des Meeres einzog, erkannte sie zu ihrem Unglück, dass Träume manchmal Schäume sind, und dass ihr der König des Meeres um einiges besser angestanden hätte. So begann sie, die Königin des Meeres zu hassen.
Die Königin sah die Schlangen, die auf deren Kopf zischten, sehr wohl und hütete sich vor ihr und ihren Kindern, denn obwohl der Prinz des Meeresschaums seine Gemahlin nicht liebte, hatte er doch Kinder mit ihr, insbesondere einen Sohn, der im Ganzen das Abbild seiner Mutter war.
So kam es, dass die Medusen fest davon überzeugt waren, man habe ihnen Unrecht getan, als man sie in ihre dunkle Höhle vertrieben hatte, denn sie waren nicht nur gegen die Königin und deren Kinder ungerecht, sondern sie hatten auch wahre Verheerungen unter den Untertanen angerichtet. Jetzt sahen sie die Zeit gekommen, Rache zu nehmen und den Thron an des Königs statt einzunehmen.
Sogleich machten sie sich daran, die Königssöhne aus dem Weg zu schaffen: Demjenigen, der das Seepferd ritt, spannte man ein Seil aus Seetang über den Pfad, so dass er, als er in wilden Ritt angestürmt kam, aus dem Sattel gerissen wurde. Das treue Tier kehrte um und trug seinen verletzten Reiter heim, wo er in den Armen seines Vaters verstarb.
Ein weiterer Sohn wurde in einem Sturm von seinem tapferen Delphin getrennt. Während er ihn zurück zu erlangen suchte, stachelten die Medusen eine Schar großer und scharfzahniger Haie an, sich des Prinzen anzunehmen. Als genau in dem Augenblick sein treuer Gefährte wieder hinzu schwamm, wurde er ebenfalls von den Haien zerrissen.

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