Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le Royaume de la Mer – Teil II

Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le Royaume de la Mer – Teil II

20.11.2017

Le Royaume de la Mer – Teil II 

Als die Nachricht vom Tode der Prinzen den Palast erreichte, wurde der König gram vor Trauer. Seine Frau, die Königin des Meeres, weinte ebenfalls um die hingegangenen Söhne. Doch erwachten in ihr leise Zweifel, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen war. Sie begann zu grübeln und wurde bald gewahr, dass die Medusen dieser Tage allzu umtriebig waren. Die Königin beschwor ihren Ehemann, den jüngsten Sohn, den kleinen Wassermann, in Sicherheit zu bringen. Der wies die Sirene an, besonders wachsam zu sein, beließ es aber zunächst dabei.
Die Sorge der Königin war so groß, dass sie einen weiteren Sohn, dem man vor einigen Jahren die Krone des Reiches, in dem die Sonne niemals untergeht, angeboten hatte, um Hilfe bat. Dieser machte sich, von den flehentlichen Zeilen seiner Mutter berührt, sogleich auf den Weg, doch da selbst Könige und Königinnen den Launen der Götter nicht gebieten können, war seine Reise voller Beschwerlichkeiten.
Gern wollte die Königin auch ihren dritten Sohn, der im Heringsschwarm verborgen reiste, in Sicherheit wissen. Die Königin selbst reiste also zum Graben der Mondfische und sprach zu diesen:
«Meine lieben Mondfische, die Ihr selbst dort Licht spendet, wo sonst nur Dunkelheit herrscht, sagt, habt Ihr meinen Sohn gesehen?»
«Ja, Majesté, wir haben ihn gesehen.»
«Dann schickt ihn zurück zum Palast des Meeres, ich bitte Euch inständig.»
«Das können wir nicht mehr tun», antwortete der älteste der Mondfische, und vor Kummer leuchtete sein Licht gleich etwas weniger, « Euer Sohn hat den Graben bereits durchquert und ersehnt nichts mehr als die Perle, die er Euch zu Füßen legen kann.»
So blieb der Königin nichts als voller Verzweiflung ihr Haupt zu verschleiern, um ihre Tränen zu verbergen, und zum Palast zurückzukehren, um den jüngsten Prinzen so gut wie möglich zu schützen. Keinen Augenblick zu früh: Als sie zurückkehrte, fand sie den kleinen Wassermann in großer Bedrängnis vor. Die Medusen hatten ihn bereits in ihren Fängen und schlugen mit ihren giftigen Tentakeln nach dem Jungen. Als die Königin sich vor ihn warf, traf es sie selbst, und sie starb unter den Augen ihres Gatten und ihres Sohnes an dem verheerenden Gift. Dem gerade eingetroffenen König des Reiches, in dem die Sonne niemals untergeht, konnte man nur noch den Tod der Mutter mitteilen.
Der dritte Sohn aber, der mit Hilfe eines jungen Seesterns die rosa Perle gefunden hatte, kehrte im Augenblick zurück und sah mit Entsetzen, was seiner Mutter geschehen war. In diesem Moment fasste er einen Entschluss: Nie wieder sollten seine Lieben um der Krone willen leiden. Er legte die rosa Perle dem kleinen Wassermann zu Flossen und schwor, ihn jederzeit, um ihrer Mutter willen, vor allen Gefahren zu schützen und die Medusen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Und so kam es, dass das Schicksal seine eigenen Wege ging und den vermeintlich noch zu jungen und schwachen kleinen Wassermann zum Thronfolger bestimmte.
Die Medusen nun waren aber voller Freude darüber, dass ihr Plan so gut gelungen war, und verbargen sie auch nicht.
« Da ist sie fort, die Königin,
geht nun in die Gezeiten hin,
so groß ist des Königs Schmerz,
dass ihm auch bald bricht das Herz.»,
so klang ihr schauerlicher Chor,
«denn nur ein verrückter König
ist für unsere Pläne gnädig.»
Der König indes hatte seine Gattin in einen Sarg aus Glas betten lassen, und alles, was auf dem Meeresgrund leuchten kann, musste das Gemach, in dem der Sarg stand, erhellen. Der König aber, der den Plan der Medusen zu ahnen begann, saß Tag und Nacht bei seiner Frau und schwor den Ungeheuern Rache.
In der dritten Nacht aber, als die Erschöpfung des Königs dazu geführt hatte, dass er kurz eingeschlafen war, erwachte er von einem Luftzug. Da diese auf dem Boden des Meeres selten sind, schrak er auf und sah im Licht der Laternenfische die Königin vor sich stehen.
Der König, der an Wunder glaubte, sprang voller Freude auf und wollte seine Frau in die Arme schließen, doch diese schüttelte nur traurig den Kopf.
«Ich ging in die Gezeiten hin,
doch, König, sieh genauer hin.
Gatte, den ich lieb‘ wie einst mein Leben,
Hab‘ das meine nicht umsonst gegeben.
Komm zu mir, wenn du kennst den Plan,
Der mir hier das Leben nahm.»
Dann verschwand sie.
Der König war erschüttert, glaubte aber an einen Traum. Doch in der zweiten Nacht erschien seine Gattin wieder an ihrem Sarg und sprach die gleichen Worte.
In der dritten Nacht nun rief der König des Meeres den Sohn, der die Perle gefunden hatte, zu sich, und bat ihn, mit ihm zu wachen.
Dieser, der seine Mutter so sehr liebte, dass in der Nacht nach ihrem Tod sein Haar grau geworden war, versprach es.
In der Tat erschien die Königin wieder und sprach die bekannten Worte, fügte aber hinzu:
«Nicht Rache ist das Ziel im Leben,
Das Ziel ist vielmehr das Vergeben,
Wollt ihr mir den letzten Wunsch erfüllen,
Versucht die Wahrheit zu enthüllen,
Geliebter Sohn, doch hüte dich
Vor der Medusen letzten Stich.
Und wenn Euer Werk hier ist getan,
Dann kommt an meine Seite dann.»
Dann sagte sie ihnen beiden, wie sehr sie sie liebe und verschwand.
Nachdem der König und sein Sohn ihre Fassung wiedererlangt hatten, suchten sie den König des Reiches, in dem die Sonne niemals untergeht, in seinem Versteck, denn er reiste unerkannt, auf, und enthüllten ihm alles.

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