Geschichte des Tages: Walter Zeis – Fort und verlassen

Geschichte des Tages: Walter Zeis – Fort und verlassen

25.11.2017

Fort und verlassen

Die Worte sind stumpf, sie heilen und töten nicht mehr. Vier Tage und drei Nächte in einem Viehwaggon samt Hausrat, Bruchstücken einer Habe, von denen fast jedes auf ein zurückgelassenes angewiesen ist.
Im Bettsack verstummt die Küchenuhr.
Ich erinnere mich an die ersten Handgriffe an Koffern und Kisten und an den schweren Blick der Frau über die schlafenden Kinder.
Der Morgen dämmerte. Vor einen Leiterwagen wurden Pferde gespannt, die Habe von Männern in Uniformen und mit Waffen gesichtet. Wir waren wie Mechanismen, die funktionieren, ob sie auf dem Kopf stehen, hängen oder umgeworfen werden.
Der Zug aus Viehwaggons tastet sich über halbzertrümmerte Brücken. Rechts und links hängen die Eisengerippe über dem Fluss.
Ich habe Hunger.
Ich esse mein bisheriges Leben.
Das Schlagen der Räder auf den Schienen, das Beben der Bretter verschlingt Gesprochenes. Die Türen sind zugeschoben: die Nacht ist kalt vom Fahrtwind.
Ich horche.
„Vater…du bist…zu uns …dein Wille…auf Erden…gib uns…Schuld… wir vergeben… führe uns…erlöse uns…Amen.“
Was ich höre, ist nicht so, wie das Jammern der Kinder war, wie die Seuzfer der Mütter und die zögernden Flüche der Männer waren. Das hier ist alles ohne Sinn, denn es antwortet nichts.
Ich will die Lippen sehen, die die Worte formen.
Ich achte nicht auf das Verbot des Transportführers und zünde einen Rest Kerze an. Noch nie habe ich jemanden so rücksichtslos beten gesehen.
Die Kerzenflamme streckt sich. Der Schatten meiner Bewegungen gleitet über die alten Männer und die Frauen, steigt hinauf über die Tür und verschwindet, indem ich mich zurücklehne.
Im Gebet halb erhobene Hände zittern im Lichtschein. Sie sinken entkräftet tiefer, dann heben sie sich wieder, einige plötzlich und heftig. Sie sind ungeübt.
Ich fasse die Blicke der Beter: Sie suchen, sie kommen zur Ruhe.
Wer hilft mir dorthin, wo die Beter sind?
Die Kerze verlischt. Dunkel umgibt mich. Bald muss es dämmern. Es kommt kälter durch die Ritzen und Fugen.
Aufhellendes Grau zieht an den vergitterten Fenstern vorbei.
Der Zug fährt ins Ich-weiß-nicht-Wohin.
© WZ

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.