Geschichte des Tages: Vero KAa – Sommerzeit

Geschichte des Tages: Vero KAa – Sommerzeit

26.11.2017

Sommerzeit

Mein Radiowecker meldete sich prompt, wie das Amen in der Kirche. Er riss mich unbarmherzig aus meinem Traum. Nur widerwillig öffnete ich die Augen. Ne, oder? Diese verflixte Sommerzeit! Ich möchte nur wissen, wem seine blöde Idee es war, so was einzuführen! Sie stahl mir eine Stunde von meinen Träumen …, dabei träumte ich doch so gerne. Wo bleibt mein Teenie¬ Leben? Wie eine Erwachsene funktionieren, so hieß die Devise für mich. Wollte ich das überhaupt? Antwort: »Nein!« Ich raffte mich aus meinem Bett, um mich wie ein Sack auf das Bettlacken zurückfallen zu lassen. ›Sommerzeit. Was für ein grässliches Wort‹, protestierte ich im Liegen. Herrje, was suchte eigentlich der Sommer im Monat März? Zuerst kommt doch am 20. März der Frühlingsanfang und dann – erst im Juni – der Sommer. Steht das nicht für alle deutlich lesbar im Kalender? Energieeinsparung, vielleicht deshalb? Mein Dad… der springt ebenfalls nicht vor Begeisterung in die Luft. »Wir haben seit Jahr und Tag die gleichen Stromkosten«, schimpfte er besserwisserisch vor sich hin. Aber wer, außer wir, die Familie, hörte ihm zu? Er musste, genau wie ich, mit dem Strom schwimmen.

»Marla, bist du auf? Nicht trödeln, der Bus kommt pünktlich!«, flötete Josi durchs Haus. Sie wartete wie üblich morgens vor der Haustür. Josi… das ist meine zwei Jahre ältere Schwester. „Josefine die Streberin“, hänselten sie ihre Mitschüler. Mit ihren fast neunzehn Jahren stand sie kurz vor dem Abitur.
»Ok, bin gleich da! Schmiere mir freundlicherweise ein Brötchen mit Nutella! Bitte… Danke! «
Jeden Morgen der gleiche Trott. Bummeln half mir keine Spur, die Pflicht rief »Schule!« Ob ich wollte? Wen interessierte das! Ich raffte mich auf und trottete ins Bad. Heute nur Katzenwäsche, mehr war zeitlich nicht drin. »Kommt nach Schulschluss der schlaksige Marvin, um uns abzuholen?«, fragte ich Josi, die gerade folgsam ein Brötchenteil mit Schokocreme beschmierte. »Du bist die Beste!«, umarmte ich sie. Schnell packte ich das Vesper ein und folgte Josi zum Schulbus.

Flink suchte ich mir in der hintersten Sitzreihe einen Platz und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Die Heizung lief auf vollen Touren, es war kuschelig warm, – wie war das noch mal mit der Sommerzeit?
Während der Fahrt igelte ich mich in meine dicke, flauschige Jacke und schloss die Augen. Das Rütteln des Busses wiegte mich behutsam in den Schlaf. Es dauerte nicht lange und mein Traum Marvin ergriff wieder Besitz von mir.

Ich mochte Marvin. Er fuhr einen rasanten gelben VW-Käfer und trug moderne Kleidung … eine Jeans mit schwarzer Lederjacke. Wenn ich ihn sah, meldeten sich bei mir regelmäßige Herzklopfen. In meinen Träumen lag ich in Marvins Armen auf einer grünen Wiese. Wie er mich verliebt anschaute! Ich spürte wieder dieses Kribbeln im Bauch. Er wollte mich küssen …, doch dann – ein kurzer Ruck und der Bus, hielt an. »Marla, nur nicht die Augen öffnen!«, befahl ich mir. Mein zweites Ich fragte: »Marla, wie soll das nur mit dir weitergehen?« Ich stöhnte und rief überlaut: »Woher soll ich das wissen?«
Meine Schwester, die neben mir saß, kniff mich in den Arm. »Marla, pennst du? Du hast im Schlaf gesprochen«.

© Copyright Vero KAa
25. Mai 2017

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