Geschichte des Tages: Petra Weise – Das Alphabet

Geschichte des Tages: Petra Weise – Das Alphabet

27.11.2017

Das Alphabet

Das Größte ist das Alphabet,

denn alle Weisheit steckt darin.

Aber nur der erkennt den Sinn,

der´s recht zu verbinden versteht.

(Emanuel Geibel)

Buchstaben. Ich liebe Buchstaben. Ich liebe sie alle. Damit kann man Worte bilden und aus diesen Worten Sätze formen. Aus den Sätzen entstehen Geschichten. Ich schreibe Geschichten. Wahrscheinlich liebe ich deshalb die Buchstaben so sehr.

Am liebsten ist mir das L. Mit einem L beginnen die schönsten Worte wie Liebe, Lust, Lieder, Lachen – das Leben überhaupt. Allerdings auch Leid und Lüge.

Das Alphabet beginnt mit dem A –  A wie Anfang, Apfel, Abend, Anstand oder Armut.

Danach folgt das B wie Buch, bunt, Baum oder biegen und brechen.

Mit dem C allein kann man nicht viel anfangen, da muss noch ein H dahinter. H wie Hand, Hund, Herz und Himmel.

Das P mag ich ebenfalls besonders gern. Mit einem P beginnt mein Name Petra und ich schreibe auf Papier – Papier, woraus meine geliebten Bücher sind.

Mir gefällt das wunderschön geschwungene S wie Sonne, Stift, Schnee, sächsisch und Schreiben.

Ich kann nur schreibend leben.

Meiner Meinung nach kann man nicht wahrhaft über etwas schreiben, was man nicht selbst erlebt und erfahren hat. Ich gebe ihm andere Namen und Orte und verwebe die Begebenheiten und Gefühle so, dass es passt. Somit ist alles, was ich schreibe, wahr – auch das Erfundene. Beim Schreiben mache ich mir keine Gedanken darüber, ob meine Geschichte jemand lesen wird. Niemand soll sich einbilden, er wisse, was die Leute lesen wollen.

Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass es keiner versteht. Dazu braucht es nur kompliziert konstruierte Sätze und blumig ausschweifende Beschreibungen. Ich bevorzuge die direkte Aussage, präzise Formulierungen ohne jede Effekthascherei. Also schreibe ich wie ich rede. Dabei kann ich meine Gedanken zu Ende führen, ohne wie bei einem Gespräch unterbrochen oder gar korrigiert zu werden.

„Ein Buch ist ein Druckwerk, aus dem Leser gewöhnlich etwas ganz anderes herauslesen, als der Autor hineingeschrieben hat“,  sagt Georg Christoph Lichtenberg. Jeder versteht nur das, was die eigenen Erfahrungen und Gefühle zulassen. Deshalb sind für mich Lesermeinungen besonders interessant und oft direkt überraschend. Erleben mehrere Menschen die gleiche Geschichte, erzählen sie doch ganz verschiedene. Ich rede gern mit den Leuten, um herauszufinden, wie sie über eine Sache denken. Das ist es, was jede Unterhaltung so spannend für mich macht.

Irgendwo steht geschrieben, Geschichten seien wie Matrjoschkas, diese russischen Puppen: Man öffnet eine, in ihr steckt eine weitere und in dieser noch eine und noch eine …

Das Leben schreibt ohnehin die schönsten Geschichten. Deshalb beschränke ich mich auf den Alltag, den jeder genauso erlebt haben könnte wie in meinen Büchern beschrieben.

„Bist du Schriftsteller?“, werde ich gefragt.

Ich stimme zu und erwarte eine weitere Frage. Doch oft folgt nur die Feststellung: „Du hast es gut, du musst nicht arbeiten.“

Ich arbeite sehr wohl, doch diese Arbeit ist nicht mit der Tätigkeit in einer Großküche zu vergleichen. Bei einem Koch weiß jeder von allein, dass dieser beschäftigt ist.

Doch wenn man damit beschäftigt ist, eine Geschichte zu schreiben, glaubt jeder, man sei untätig. Es ist merkwürdig, dies immer wieder neu erklären zu müssen.

Ich denke und schreibe ausnahmslos in meiner Muttersprache: Deutsch. Für jedes Ding, jedes Gefühl und jede Handlung gibt es das eine treffende Wort. Der deutsche Wortschatz ist der größte im Reich der Sprache, zumal er durch Zusammensetzen verschiedener Hauptwörter neue Worte mit ganz anderer Bedeutung bilden kann. Es gibt Papierserviette, Papiertaschentuch, Sandpapier, Klopapier und Schreibpapier. Ein Lesebuch ist etwas ganz anderes als eine Buchlesung.

Jean Paul (eigentlich Johann Paul Richter) bezeichnet die deutsche Sprache als Orgel unter den Sprachen. Sie wird leider von sehr wenigen Leuten beherrscht, die meisten zersetzen sie mit mehr oder weniger unpassendem Englisch. Das ist einfacher, zumal die englische Sprache erheblich ausdrucksärmer ist als die deutsche. Die meisten Leute nutzen allerdings kaum ein Zehntel der möglichen Worte und demolieren ihre eigene Sprache zusätzlich, indem sie „zeitgemäße“ Kraftausdrücke und seltsames Zeitungs“deutsch“ verwenden.

Sprache ist kulturelle Identität, gelebte Kultur ebenso wie regionale Traditionen. Gustav Mahler sagt treffend: „Tradition ist Bewahren des Feuers und nicht Anbeten der  Asche.“ Meiner Heimat bin ich deshalb so fest verbunden, dass ich nirgendwo anders leben will.

Zum Schluss fällt mir das Z ein, der letzte Buchstabe im Alphabet. Ohne Zweifel werde ich auch in Zukunft weitere Geschichten und Romane verfassen. Den Leser zu unterhalten ist mein Ziel.

 

 

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