Geschichte des Tages: Vero KAa – Heiligabend 

Geschichte des Tages: Vero KAa – Heiligabend 

29.11.2017
Heiligabend 

»Was genau ist an diesem Tag heilig?«, stöhnte Lena, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder auswich, der das elterliche Schlafzimmer in Besitz genommen hat. Im Geiste ging sie zum wiederholten Mal ihre To – Do – Liste durch: Aufräumen, Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten, Tisch decken … Also dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erlebten. Wie immer. Die Lena, die machte das schon, was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.
Den ganzen Vormittag war sie schon allein in ihrem Häuschen am Ortsrand von Unterkirnach am Werkeln. Ihr Mann Johannes hatte es für sie beide ausgesucht. Sie erinnerte sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müssten das jetzt auf den Tag genau her sein:
»Jetzt wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.«
Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft Ja gesagt. Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon. Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd an Weihnachten zu uns ein. Klar kann dein Bruder David auch kommen. David, der sich hier wie jedes Jahr einnistete, keine Geschenke für die Kinder dabeihatte und das ganze Haus mit seiner arroganten Art einnahm. Ihr frösteltet bei dem Gedanken an ihrem Schwager.
Ihr Blick hing an der gelben Küchenuhr, die ihre besten Tage hinter sich hatte.
»Im Grunde bin ich wie die Küchenuhr.«, bemerkte Lena laut und erschrak, als ihre Stimme durch das leere Haus hallte. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, ganz so, als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.
Ein lautes Schrillen der Türglocke holte sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie war. Hierhin verirrte sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend. Lena seufzte und öffnete langsam die Tür.
Eine Frau mit zwei Kindern und jede Menge Gepäck stand vor ihr. Lena musterte die drei.
»Habt ihr Euch verirrt?«, fragte sie und ging nach draußen. Sie schaute links und rechts der Straße entlang aber niemand war zu sehen. Weder ein Auto noch ein Taxi, und eine Bushaltestelle gab es hier in am Ortsrand nicht. Irgendjemand musste sie aber vor ihrer Haustür abgeladen haben.
Die zwei Kinder hielten sich am Mantel ihrer Mutter fest und schauten Lena mit großen, ängstlichen Augen an. Wie alt mochten sie sein? Lena überlegte. Die Frau mustert Lena von oben bis unten. Schließlich fasste sie sich ein Herz und schob ihre beiden Kinder in Lenas Flur, die Koffer und Taschen hinterher. Lena war sprachlos und schluckte schockiert.
»Was wird das? Sie können doch nicht einfach in mein Haus eindringen. Ich kenne sie überhaupt nicht!«, erboste sich Lena und kam in Rage. Mit ihrem Fuß stieß sie das Gepäck, dass ihr den Weg in den Flur versperrte auf die Seite. Schließlich war das ja ihr Haus.
»Ich bin Inge, die Frau von David. Und das sind Sonja und Max, unsere Kinder«, stellte sich nun die Frau vor und streckte Lena die Hand entgegen.
»Zwillinge übrigens«, ergänzte Inge.
»Wie, Frau von David? David ist doch gar nicht verheiratet! Und Kinder, Kinder hat er auch nicht!«, seufzte Lena überfordert.
Das konnte ja heiter werden. Inge flüsterte ihren Zwillingen etwas zu. Lena verstand nicht was. Aber die beiden zogen rasch ihre Mützen, Jacken, Schal und Schuhe aus, hängten die Kleidung an die Garderobe und stellten ihre Schuhe fein säuberlich daneben.
»Gut erzogen sind sie ja«, bemerkte Lena. Nun lag es an ihr. Sie schloss die Haustür und bittet Inge und die Kinder in die Küche. Schließlich möchte sie nicht unhöflich sein.
»Setzt euch an den großen Küchentisch«, forderte Lena alle mit einer Geste auf. Sie holt Teegläser aus dem Schrank, schenkte für alle einen warmen Tee ein und stellte ein paar selbst gebackene Weihnachtskekse dazu. Dann erst setzte sie sich zu ihren Überraschungsgästen, und bat Inge zu erzählen, was es mit ihrem Besuch auf sich hatte. Denn sie sind einander völlig unbekannt. Seit acht Jahren ist Lena mit Johannes verheiratet und kannte seinen Bruder David, ihren Schwager. Aber dass dieser nun auf einmal eine Frau und zwei Kinder haben sollte, machte sie doch fassungslos.
Zumal David seit über sieben Jahren im Ausland lebet und immer nur zu Heiligabend, der Weihnachtszeit, anreiste. Was hat Johannes einmal zu ihm gesagt:
»Mein Haus ist auch dein Haus.«
Nahm er diese Aussage nun immer wörtlich? Reichte es nicht, dass er sich zur Weihnachtszeit bei ihnen breitmachte, musste nun auch noch diese Inge mit ihren Zwillingen hier aufkreuzen?
Inge riss Lena aus ihren Gedanken, holte tief Luft und begann zu erzählen.
»Es ist so: Wir haben David schon fast sechs Jahre nicht mehr gesehen. Die Zwillinge wissen gar nicht wie ihr Vater aussieht. Nach einem heftigen Streit hat er uns vor Jahren einfach verlassen. David und ich, wir lernten uns in Österreich kennen. Er machte dort Urlaub und ich arbeitete in einem Fotogeschäft. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach drei Monaten war ich schwanger. Meine Eltern wohnten in einem kleinen Ort in der Nähe von München. Da mein Vater gerade verstorben war, heirateten wir ganz schlicht und einfach in einer kleinen Kapelle. Nur meine Mutter, meine Tante und meine Freundin waren dabei. Wir wollten es so und waren zufrieden. Es war eine sehr schöne Zeit. Wir lebten im Haus meiner Mutter. David arbeitete als Ingenieur bei einer großen Tief- und Hochbaufirma. Sie bauten Brücken und Staudämme im Ausland. Bei meiner Mutter hatten wir eine große Wohnung. Das war auch gut so. Wir waren sehr verliebt und führten eine gute Ehe, bis die Zwillinge kamen. Ich merkte, dass David sich veränderte und es kam zum Bruch. Er nahm ein größeres Projekt in Asien an und verließ uns. Lange Zeit hörte ich nichts von ihm. Doch dann, eines Tages, kam ein Brief. Er schrieb, warum er weggegangen war. Er fühlte sich bei uns eingesperrt und käme mit der Verantwortung, eine Familie zu haben, einfach nicht klar. Ich sollte ihm Zeit lassen.«
Das Leben mit den Kindern konnte ich nicht alleine stemmen. Meine Tante zog zu uns und unterstützte mich. So konnte ich wieder in meinem Beruf als Fotografin arbeiten. Nun schrieben David und ich uns regelmäßig. Wann immer es ging, rief er auch an. Immer wenn ich ihn fragte, wann er nach Europa zurückkäme, vertröstete er mich mit den Worten: »Noch ein paar Monate, dann bin ich da.«
Inge machte eine Pause. Lena schenkte Tee nach. Die Zwillinge hatten die Küche verlassen und waren im Haus auf Entdeckungsreise gegangen. Lenas Gedanken überschlugen sich. David ist doch jedes Jahr zu Weihnachten da. Nun wird ihr bewusst, warum er sich bei ihnen breitmachte und das Haus so gut wie nie verließ. Wie durch eine Nebelwand hörte sie Inge weitererzählen. Durch einen Zufall hatte sie erfahren, dass David jedes Jahr die Weihnachtszeit bei Johannes und seiner Familie verbrachte. Nun wollte sie ihn überraschen und um die Scheidung bitten.
Deshalb war sie gekommen.
Pause.
»Oh! Er weiß nicht, dass ihr da seid?«, fragte Lena.
Inge verneint.
»Heute ist Heiligabend. Sollte David auch dieses Jahr kommen, brachte ihm das Christkind aber eine ganz besondere Überraschung«, bemerkte Lena. Sie möchte Inge unterstützen. Es bereitete ihr eine gewisse Genugtuung, eine kleine Rache an ihrem Schwager, und sie gedachte, seinen Aufenthalt an diesem Weihnachtsfest voll auszukosten. Lange genug hatte er ihre Gastfreundschaft ausgenutzt.

© Copyright Vero KAa Dezember 2017

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