Geschichte des Tages: Christine Kayser – Mit Remmler und Schwung durch die Baubaracke

Geschichte des Tages: Christine Kayser – Mit Remmler und Schwung durch die Baubaracke

13.12.2017

Mit Remmler und Schwung durch die Baubaracke

Sommer. Wochenende. Mein Mann und ich, wir schaufelten auf einem Platz hängerweise Sand durch ein großes Bausieb. An unseren Händen, dicke Schwielen und Blasen. Wir hatten ein Ziel, so schnell wie möglich fertig werden. Die Dunkelheit nahte. Geschafft.

Der Bauleiter hatte unser Notizheft. Er würde die geleisteten Stunden eintragen. Noch waren es viele, die zu erbringen waren. Wir konnten nur am Wochenende arbeiten. Von Montag bis Freitag waren wir berufstätig.

Am nächsten Tag, auf einer anderen Baustelle. Eine Gruppe Leute wurde in Arbeitsschutzdingen belehrt. Dann erst durften sie ihre Arbeit antreten. Die Männer schaufelten Kabelgräben. Es war heiß und der Boden trocken. Sie mühten sich mit Spitzhacken ab. Zwischendurch erzählten sie sich Witze, dadurch fiel das Arbeiten leichter. Unweit daneben arbeitete sich ein Schaufelbagger durchs trockene Erdreich. Als der Baggerfahrer Pause machte, lief er zu den Männern rüber und sprach sie an.  Sie hielten inne. „Ich könnte in wenigen Minuten eure Arbeit erledigen, bloß dann habt ihr nichts zu tun!“

Sie winkten ab und lachten. Er sah, sie hatten es fast geschafft. Verschwitzt und abgekämpft setzten sie sich auf den Erdboden. Pause. Einige wickelten ihre mitgebrachten Schnitten aus und aßen schweigend. Mit Tee oder Kaffee in Thermoskannen spülten sie den Baustaub im Rachen hinunter.

Die Frauen wirkten in einem Neubaublock, der bereits fertig gebaut war.  Sie hatten die Grobreinigung beendet und machten Feinreinigung, da die Wohnungen bezugsfertig waren. Sie putzten Fenster und wischten die Räume aus, dann folgten die Treppenhäuser. Der Bauleiter überreichte die Notizhefte. Die Stunden hatte er eingetragen und abgezeichnet. Mich fragte er: „Hätten sie Lust die Baubaracke zu putzen, gleich ab morgen, wenn es geht, täglich?“ Ich nickte. „Gerne.“ Mich trieb der Gedanke, je eher wir fertig sind, umso eher bekommen wir eine Neubauwohnung.“

Wir wohnten in einem Altbau mit Außenklo eine Treppe tiefer.  Dieses mussten wir mit einem Ehepaar und deren Sohn teilen. Es wackelte bedenklich und von oben regnete es rein. Wir wohnten unterm Dach, welches undicht war. Im Winter bildete sich im Schlafzimmer Eis an den Wänden.

Auf dem Dachboden standen Schüsseln. Der Außenputz fehlte. Ein Bad gab es nicht. Wir duschten in der Firma.

Ungeduldig, wie ich war, beantragte ich Urlaub im Betrieb. Ich wollte schnell Aufbaustunden erbringen. Die Anteile in Geld waren bereits überwiesen. Am nächsten Tag fand ich mich pünktlich im Büro des Bauleiters ein.  Er gab mir Anleitungen. „Wissen sie, ist es dreckig, benehmen sich die Leute auch so.“ Ich verstand seine Bemerkung.

Er fuhr auf die Baustellen zurück, nun war ich allein und putzte, was es das Zeug hielt.

„Die Toiletten würden seine Leute selber reinigen“, meinte er noch, bevor er ging. Alle Räume waren offen, auch sein Büro. Es gab viel zu tun.

Am nächsten Tag fragte ich, „Darf ich das Radio anmachen?“ Er bejahte zu meiner Freude. Nun schwang ich meinen Schrubber im Takt zu Stefan Remmlers Liedern. Ich sang mit.

Das Radio natürlich bis zum Anschlag aufgedreht.  Es machte mir sichtlichen Spaß. Ich schrubbte alles. Die Duschen, Toiletten, Gänge, das Büro.

Schichtwechsel. Jetzt lief mir eine Horde Bauarbeiter über den Weg.  So viele nackte Männer auf einem Haufen, das hatte ich noch nie gesehen. Ich blickte verschämt weg. Sie lachten. Ich lachte mit ihnen. Tag für Tag war die Baracke schmutzig, besonders wenn es regnete. Bauschlamm haftete an den Schuhen. Manchmal musste ich mehrfach drüber wischen.

Der Bauleiter war mit meiner Arbeit sehr zufrieden.  Er schrieb mir für meine Mühe, wie er sagte, sogar einige Stunden mehr auf.

©2017 Christine Kayser

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