Geschichte des Tages: Nadin Brunkau – Der Geruch von Schnee

Geschichte des Tages: Nadin Brunkau – Der Geruch von Schnee

Der Geruch von Schnee

Die Stube ist erfüllt von Weihnachtsluft.
Weihnachtsluft, es ist diese einzigartige Mischung, die es nur im Dezember gibt.
Jene, die Kinderaugen glänzen, leuchten und ihre Herzen höher schlagen lässt.
Jedes Jahr am Heiligenabend, wenn morgens der Baum geschmückt wird.

Der Junge steht vor der Tanne und blickt auf die roten und goldenen Kugeln, in denen er sich spiegelt.

Er zieht die Augenbrauen hoch, dann kneift er die Augen zusammen, ehe sein kleines Gesicht sich zu einer Grimasse verformt.

Die Mutter lacht aus der Küche bei diesem Schauspiel am Baum und lässt die Arbeit für einen Moment ruhen.

Die kleinen Holzfiguren am Christbaum schaukeln sanft hin und her, als der Kleine das hängende Schaukelpferd kräftig anpustet.

Sie tritt zu dem Jungen und geht hinter ihm in die Knie. Sein kleiner Rücken drückt sich fest an sie, als sie ihn liebevoll umarmt.

Gemeinsam spiegeln sie sich in der roten Kugel, Fischaugen ähnlich und lächerlich verzerrt.

Der Kamin heizt den Raum nicht nur mit seiner Wärme. Das knackende Holz, die flackernde Flamme schaffen rundherum Gemütlichkeit.

Ein holziger Duft gemischt mit dem der grünen Nadeln, bildet ein Bouquet mit den schmückenden Zimtstangen und den Orangen, das in der Nase kitzelt.

Auf dem Tisch brennt der Adventskranz.

Alle vier Kerzen sind endlich entzündet.

Die Ungeduld des Kleinen wächst, Heiligabends Höhepunkt ist nicht mehr fern.
Die letzten gebackenen Plätzchen von gestern flüstern ihren Vanilleduft mit einem Weihnachtslied in sein Ohr.

„Wann kommen sie denn endlich?“

Leise und ungeduldig zugleich wandert der Blick des Jungen hinüber zum Fenster.

Dicke Schneeflocken tanzen in der grauen Luft, ehe sie sich zu den anderen auf die dichte Schneedecke über der Straße legen.

„Sie kommen sicher gleich.“

Die Mutter drückt ihren Sohn ein wenig fester und atmet die kindliche Wärme in seinem Nacken.
Sie schließt für einen Moment die Augen bei diesem reinen, milden Geruch, ehe sie ihm sanft einen Kuss darauf haucht.

„Ich kann ihn riechen den Schnee! Du auch?“
Plötzlich ruft der Junge laut aus.
Mit großen Augen hat er sich zu ihr umgedreht.

Einen Moment irritiert, sieht sie den Kleinen an, der in dem Augenblick noch einmal riechend die Nase kraus zieht.

„Der Schnee, er kommt näher!“

Erschrocken fahren sie beide herum, als der Vater mit dem Zwillingsbruder in der Zimmertür steht.

Blass sieht er aus, der gleichaltrige Junge. Seine Augenringe verschwinden in dem Moment, als er den hell erleuchteten Christbaum im Wohnzimmer sieht.

Mit den Schnee bedeckten Schuhen läuft er langsam auf ihn zu und steht wenig später wie der Bruder zuvor, vor seinem verzerrten Spiegelbild in den glänzenden Kugeln.

Die Mutter begrüßt den Vater mit einem Kuss und lehnt sich dankbar in seine feste Umarmung.

„Frohe Weihnachten.“

Die Zwillinge stehen vor dem Baum.

Der dazugekommene kann den Blick nicht von den Lichtern wenden.

„Ich habe dich schon lange gerochen, bevor du kamst!“
Stolz sieht der eine den anderen an.

Er nimmt plötzlich den Duft von sterilem Desinfektionsmittel wahr, der jetzt leicht in seiner Nase beißt, ehe er kurz die Augen schließt.

„Das Krankenhaus stinkt, gell!“, nickt der Zwilling müde, ehe der Vater ihm einen Sessel neben den herrlichen Weihnachtsbaum schiebt.

„Nein, das meine ich nicht!“ Er deutet auf die Schnee verschmierten Stiefel des Bruders, die kleine Pfützen auf dem dunklen Holzboden hinterlassen.

„Den Schnee – ich habe den Schnee an deinen Schuhen gerochen!“

Beide Jungs lachen befreit nach diesem gebrochenen Eis auf, während der eine Bruder dem anderen liebevoll neckend über den kahlen Kopf streicht.

C/o Nadin Brunkau
Aus „zauberhaft und weihnachtsweise“

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