Geschichte des Tages: Tina Wolff – Weihnachtswahnsinn

Geschichte des Tages: Tina Wolff – Weihnachtswahnsinn

17.12.2017

Weihnachtswahnsinn

Kurz vor dem heiligen Fest auf dem Supermarktparkplatz… Sie wissen schon. Deutschland verhungert! Die Hamsterkäufe sind freigegeben. Kauft, Leute! Kauft! Ab morgen gibt es nichts mehr!
Dieser Wahnsinn ist doch mit logischem Menschenverstand nicht nachvollziehbar. Wo kommen die alle her? OK, wenn wir Pech haben, sind die Läden ganze drei Tage zu. Trotzdem kein Grund in Panik zu verfallen. Immerhin haben genug Restaurants geöffnet. Notfalls fährt man eben schnell bei Mäckes ran. Und ganz ehrlich, in drei Tagen verhungert man nicht. Auch wenn man nichts isst. Wirklich. So schnell stirbt es sich nicht.
Und was die Leute alles kaufen! Erstens viel zu viel und dann immer Sachen, die sie an 364 Tagen im Jahr niemals essen würden. Gans oder Raclette. Was für ein Aufstand.
Jesus Vater war einfacher Zimmermann und soweit ich weiß hat Maria auch nix dazu verdient. Die konnten sich solche opulenten Speisen gar nicht leisten. Nee-nee. Da war Schmalhans-Küchenmeister angesagt. Waren ja auch alle schlank damals. Gucken Sie mal in so eine Krippe rein. Joseph, die Hirten, Maria, die drei Weisen aus dem Morgenland, alle einen top BMI. Nix da von wegen Raclette und fett mit Käse überbacken.
Traditionell gibt es bei uns immer Gans oder Ente. Gans für mehr als vier Personen und Ente für die Päärchen. Aber hinterher heißt es oft: „Och, ein Brathähnchen wäre mir lieber gewesen.“
Das ist genauso heuchlerisch wie das schick Anziehen. Das habe ich nie verstanden. Ich komme mir dabei immer vor, wie beim Karneval. Den Vormittag über düst man durchs Haus, macht sauber und dekoriert den schiefen Baum, dann den Vogel in die Röhre bugsieren, Eieruhr stellen, Timetable im Kopf haben, und kaum wird es draußen dunkel, heißt es: Anhübschen.
Sehr grotesk sieht es aus, wenn Mutti in edlem Kostüm, juwelenbehängt, frisch onduliert und in stöckeligen Pumps die große Schürze mit Latz drüber zieht und nicht weiß, wie sie in dem engen Zwirn vor dem Ofen knien soll, um die Gans zu begießen. Zum Knödel drehen werden alle Ringe wieder abgesetzt, die extra angezogen worden waren und bloß vorsichtig mit dem Rotkohl! Die Flecken gehen nie wieder raus!
Dann sitzt die Familie am Tisch, ausstaffiert in Klamotten, die man das letzte Mal bei Großtante Lieselottes Achtzigstem getragen hat, und die Kinder besitzen zu allem Unglück auch noch die Ehrlichkeit beim ersten Bissen zu sagen: „Das mag ich nicht.“
Die klassische Kartoffelsalat&Würstchen-Fraktion wird mir immer sympathischer. Einfach entspannt den Weihnachtstag verbummeln und abends einen Klacks kalte Kartoffelpampe mit Mayo und ein Wienerle dazu. Fertig. Das klingt ganz nach Jogginghose, Couch und Puschenkino. Nach dem Motto: „Schatz, mach mal die Lichter vom Baum aus, der spiegelt sich so doof im Fernseher.“

von Tina Wolff

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