Geschichte des Tages: Tina Wolff – Christbaumkugel-Smalltalk

Geschichte des Tages: Tina Wolff – Christbaumkugel-Smalltalk

24.12.2017

Christbaumkugel-Smalltalk

„Ey, lange nicht gesehen. Wie geht’s dir?“
„Ganz gut, muss erstmal ein bisschen abhängen.“
„Letztes Jahr warst du nicht hier, dachte schon du wärest kaputt gegangen.“
„Hör mir auf mit letztes Jahr!“, sagt die weiße Christbaumkugel erbost zu ihrem roten Nachbarn, der schräg unter ihr trudelt. „Da hing ich auf der anderen Seite.“
„Häääähhh?“ Etwas schwindelig vom Trudeln wirkt die rote Kugel leicht beschwipst, als sie sagt: „Da ist doch die Wand.“
„Jo! Bis zum sechsten Januar habe ich die Tapete angeglotzt. Ich kenne jede Raufaser persönlich. War ich froh als es wieder in die dunkle Kiste zurück ging.“
„Oh-oh-oh! Festhalten!“, schreit jemand, während der ganze Baum geschüttelt und gerüttelt wird. Es klirrt und scheppert, die Holzengel dengeln aneinander, das Lametta verwrummelt sich in den Zweigen, die Strohsterne stecken im pieksigen Grün fest, und die Kugeln schwingen hin und her wie in einem durchgedrehten Kettenkarussell.
„Wie furchtbar. Alle noch da?“, fragt die weiße Kugel, als sich das Gewirr beruhigt hat.
Ein vielstimmiges: „Ja, zum Glück“, oder „Konnte mich gerade noch festhalten“ und ein „Ich weiß nicht, ob mein Faden das noch einmal mitmacht“, gibt es als Antwort.
Die rote Kugel prüft den Sitz ihrer Halterung und murrt: „Ich möchte das einmal erleben, dass der Baum vor dem Schmücken in der Halterung festgemacht wird. Das sollte auch dem dusseligsten Weihnachtsanfänger klar sein. Die machen diesen Fehler jedes Jahr!“
„Letztes Weihnachten hat es Karl-Heinz dabei erwischt“, meldet sich die piepsige Stimme des kleinen Posaunenengels, der unter ihnen nicht aufhören kann zu schwingen.
„Nein!“ Die rote Kugel ist entsetzt. „Kalle war das, der abgestürzt ist? Ich habe nur den Schrei und dann dieses entsetzliche Klirren gehört, als er… als er….“
„Ja.“ Die weiße Kugel nickt betreten. „Unser Dienstältester. Fünfundzwanzig Weihnachten hatte er schon erlebt. Der konnte Geschichten erzählen. Kannte die Kinder ja noch, als sie ganz klein waren. Aber sein Faden war brüchig geworden. Tja…“
Traurige Stille senkt sich über den Baum, deren Lichterkette nun aufleuchtet, so dass sich die Kugeln spiegeln, die Engel strahlen und die Strohsterne golden aussehen. Bis jemand hustet.
Es ist das Schaukelpferd, das mit seinem struppigem Schweif in einem Strohstern hängen geblieben ist. „Nun guckt euch doch mal die Familie an, Leute. Nicht so trübsinnig sein. Es ist Weihnachten. Und die hübsch geschmückte Tafel. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn sie essen. Dann geht das wieder los mit dem „nicht kleckern“ und „ich mag das nicht“. Da freue ich mich jedes Jahr drauf.“ Gemütlich lachend schaut es sich die Familie an, deren Kinder schon längst keine Kinder mehr sind, die schnell und etwas muffelig die Geschenke unter dem Baum hervorklauben und sich flott mit ihren Smartphones auf das Sofa verziehen.
„Nun guckt euch doch mal den Baum an“, werden sie von den Eltern ermahnt, lassen einen müden Blick hinüberschweifen und erkennen nicht, dass das Schaukelpferdchen ihnen zuzwinkert, die rote Kugel ihre beste Seite nach vorne dreht und die weiße versucht die eine verbogene Stelle an der Halterung nach hinten zu drehen. Sie hören nicht die Strohsterne lachen, die dem dicken Posaunenengel auf den Allerwertesten gucken. Auch nehmen sie nicht wahr, dass das Lametta rasselig rauscht, weil es sich besonders schön machen will.
Die rote Kugel gibt sich selbst einen kleinen Schubs und pendelt lustig zwischen Strohstern und Lametta. „Wisst ihr noch, was Kalle immer gesagt hat? Egal wann und wo Weihnachten gefeiert wird. Es ist doch irgendwie immer schön.“
„Ja, da hatte er wohl recht.“
„Ja, der Kalle. Der konnte immer gut reden.“
„Hat viel gewusst, war eine tolle Kugel!“
So raunt es zwischen den Zweigen, während die Familie sich an den Tisch setzt zu Gänsebraten und Knödeln. Und wenn das Besteck nicht so laut klappern würde, dann hätten sie gehört, was die Tannenbaumspitze gerade eben sagte.
„Und Frieden auf Erden.“

von Tina Wolff

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