Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Erinnerungen an Weihnachten

Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Erinnerungen an Weihnachten

25.12.2017

Erinnerungen an Weihnachten

Wenn in den Straßen der Stadt die Weihnachtsbeleuchtung aufflackert, die Weihnachtsmärkte beginnen, die ersten Weihnachtslieder erklingen oder ich zu Hause vor dem geschmückten Tannenbaum sitze, kehren meine Gedanken oft in eine längst vergangene Zeit zurück. Erinnerungen sind plötzlich wieder da, überwältigen mich manchmal und locken auch die eine oder andere Träne hervor.

In den Kindertagen lief Weihnachten stets nach dem gleichen Rhythmus ab. Tagsüber verzog ich mich Heiligabend immer in den Keller, stellte das Radio auf NDR II ein, lauschte der Weihnachtsmusik und den Erzählungen und setzte die elektrische Eisenbahn meines Vaters unter Strom. Schnell hing der übliche Stromgeruch in der Luft, wenn die Räder der Lokomotiven und Waggons über die Schienen und Weichen ratterten und Funken dabei erzeugten.

Da das Kellerlicht ausgeschaltet war, fiel durch das kleine Fenster nur das Halbdunkel der grauen Wintertage herein, tauchte den Raum in ein schemenhaftes Licht. Nur die auf der Anlage aufgebauten, beleuchteten Häuser, die Lichter der Weichen und die Scheinwerfer der Lokomotiven erhellten meine kleine Welt, in die ich vollkommen eintauchte und von Fahrten in weit entfernte Länder mit der Eisenbahn träumte. Mechanisch schaltete ich die Weichen und regulierte die Geschwindigkeiten der Züge mit den verschiedenen Trafos.

Wenn die Zeit heran war, schaltete ich die Anlage aus und verschloss den Keller, um hinauf in die Wohnung zu gehen. Denn nun folgte die gleiche Prozedur wie in jedem Jahr. Baden, in den Anzug schlüpfen – zu der Zeit wurde auf solche Kleidung noch Wert gelegt – und dann gings mit Vater zum Weihnachtsgottesdienst, zum alljährlichen Krippenspiel, während Mutter sich um das Essen kümmerte. So hatte sie mich und meine beiden Brüder unter den Füßen weg.

Komisch – lag zu dieser Zeit wirklich jedes Jahr Schnee oder täuscht mich die Erinnerung an das Vergangene, das nun schon so lange zurückliegt? Wenn ich heute zurückdenke, fühle ich die feuchten, kalten Schneeflocken, die auf mein Haar und in den hochgestellten Mantelkragen fallen.

Wir schlurften mit den Stiefeln durch den hohen, frisch gefallenen Schnee, überquerten auf dem Weg zur Kirche stets den direkt danebenliegenden Friedhof, was ziemlich unheimlich war in der heraufziehenden Dunkelheit. Mehr als einmal glaubten meine Brüder und ich, die hektischen Bewegungen eines Verstorbenen wahrzunehmen. Der dichte Schnee, der wie ein Vorhang fiel, verstärkte diesen Eindruck noch und furchtsam drängten wir uns näher an unseren Vater, der das immer mit einem verständnisvollen Lächeln quittierte.

Nach dem Gottesdienst mussten wir in unser Zimmer, sieben Quadratmeter für drei Jungen. Auch das störte uns damals nicht, denn wir kannten es ja nicht anders. Außerdem war die Enge des Raumes gemütlich und wir hockten dicht beisammen, meist auf unseren Betten.

Endlich erklangen die Weihnachtslieder vom Schallplattenspieler aus dem Wohnzimmer. Das Signal für die Bescherung. Mit klopfendem Herzen öffneten wir die Wohnzimmertür, hinter der uns unsere Eltern und der damals schon elektrisch beleuchtete Weihnachtsbaum erwarteten. Aber noch gab es keine Bescherung, erst mussten wir die für uns lästige Prozedur des Singens hinter uns bringen.

Danach durften wir zum Baum, unsere Geschenke holen und auspacken. Obwohl das Geld immer knapp und wir drei Kinder waren, so bekam doch immer wieder jeder von uns etwas von dem, was er sich gewünscht hatte und ein paar preisgünstigere Spielzeuge dazu. Als Kinder dachten wir gar nicht über so etwas nach, wir packten aus und freuten uns über die Geschenke. Nun gab es Essen und die üblichen Weihnachtssendungen im Fernsehen.

Heute kann ich bei einem Blick zurück sagen, dass wir eine sehr glückliche Kindheit und verständige Eltern hatten, ein Glück, das leider nicht alle Kinder haben. Natürlich gab es auch bei uns Streit und Zank, aber letztendlich taten sie alles, uns glücklich zu machen, lehrten uns, die kleinen, wichtigen Dinge zu schätzen und bereiteten uns innerhalb ihrer Möglichkeiten gut auf das Leben vor.

Vielleicht liegt es daran, dass ich heute an Weihnachten immer noch ihre warmen Blicke auf mir ruhen fühle, obwohl sie diese Welt längst verlassen haben. Dass ich manchmal den Geruch des Kellers wahrnehme, in dem ich soviel Zeit verbrachte und meinen Träumen nachhing. In meinen Erinnerungen sehe ich sie lachend vor dem Baum stehen, wie sie sich küssen oder uns Kinder in den Arm nehmen. Und manchmal habe ich bei diesen Gedanken Tränen in den Augen …

© 2017 Uwe Tiedje

Homepage

Autorenseite auf Facebook

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.