Geschichte des Tages: Christine Kayser – Paul, der Analphabet

Geschichte des Tages: Christine Kayser – Paul, der Analphabet

13.01.2018

Paul, der Analphabet

 Er war 1960 geboren. Sein Name Paul Vogel, ein hübsches Kind, eines von vielen Geschwistern. Er war der Letztgeborene. Zwei Schwestern waren krankheitsbedingt gestorben. Der Vater war Melker. Die Mutter arbeitete auf dem Feld und in den Ställen.

Sie hatten viele Kühe. Da gab es sehr viel zu tun. Die Arbeit hörte nie auf und überforderte die gesamte Familie, die zudem mit 11 Kindern kinderreich war.

Der kleine Paul wuchs langsam heran. Er war sehr zierlich und von schmächtiger Gestalt. Ein kleiner Lockenkopf mit dunkelbraunem Haar, ein Junge, der nicht lachen konnte.

Der Vater war stets mürrisch und verdrosch seine Kinder. Dazu benutzte er seinen Ledergürtel, den zog er vorher aus den Schlaufen seiner Hose. Paul hatte vor ihm furchtbare Angst und ging ihm lieber aus dem Weg. Dem Vater konnte er sowieso nichts recht machen. Das spürte er genau.

Seine Mutter konnte ihre Liebe nicht zeigen. So wuchsen die Kinder lieblos heran. Sie mussten überall mithelfen, bei Feldarbeiten, in den Ställen und im Garten …

Bücher und Spielzeug gab es nicht, sie waren arm und wussten sich auch nicht zu helfen.

Auf dem Hof hatten sie noch viele andere Tiere. Enten, Gänse, Hühner, Schweine, Hunde, Katzen. Der kleine Paul spielte meistens mit den Katzen. Er hatte keine Spielgefährten und ging auch nicht in einen Kindergarten, wie es sonst üblich war. Sie wohnten sehr abseits.

Als er eingeschult wurde, war er ein verschüchtertes und zurückhaltendes Kind. Täglich wurde er gehänselt. Rief der Lehrer ihn an die Tafel: »Vogel, vorkommen!«, lachten alle.

Seine Mitschüler nannten ihn nur Vogel.

Niemand wollte mit ihm etwas zu tun haben. Er hatte schreckliche Angst vor den Lehrern und Mitschülern. Ihm grauste vor der Schule. Er wurde öfter krank und kam im Unterricht nicht mit.

So blieb er laufend sitzen. Schließlich ging er nicht mehr zur Schule und verließ diese ohne Abschluss. Er konnte weder lesen noch schreiben. Sein Leben bestand nur noch aus Ängsten.

Niemand kümmerte sich um ihn. Die anderen Geschwister gingen ihrer Wege. Die Eltern verstarben bald. Irgendwie mogelte er sich durch. Anfangs hatte er keine Möbel, nur eine Matratze. Seine wenige Kleidung befand sich in Beuteln und Kartons.

Er verdiente mit Hilfsarbeiten sein Brot. Sein Chef war der einzige Mensch, der ihm half. Paul war fleißig, murrte nicht, machte jede Arbeit und war sie noch so schmutzig.

Er kam täglich und war pünktlich. Die Uhrzeit, die konnte er deuten. Das Lesen und das Schreiben funktionierten immer noch nicht. Er wollte es später auch nicht mehr lernen, lehnte es ab, als eine Bekannte ihm anbot: »Ich bringe es dir gerne bei!«

Während einer Silvesterfeier lernte er eine Frau kennen, »sie war gut zu ihm,« wie er sagte. Diese verführte ihn. Vorher hatte er noch nie eine Frau gehabt. Über dreißig Jahre älter, aber was waren schon Zahlen, die begriff er nicht. Er lebte mit ihr sehr lange zusammen, bis sie wegen fortschreitender Demenz ins Pflegeheim kam. Dort besuchte er sie regelmäßig und sie verlobten sich sogar. Als sie bald starb und die Stadt die Bestattungskosten übernahm, musste er dem Sozialamt etwas zuzahlen.

Sie wohnten vorher gemeinsam in einer Dreiraumwohnung. Dann musste er ausziehen und eine Einraumwohnung nehmen. Eine Betreuerin erledigte seine gesamten Formalitäten. Erwerbsunfähigkeitsrente wurde anteilig gekürzt, der Hinzuverdienst als Hilfsarbeiter abgezogen. Seine einzigen Schwächen sind: Rauchen und Biertrinken. Gerne sieht er fern, hört Musik. Die Kanäle findet er mit Zeichen. Besucht er Bekannte, so zählt er die Klingelknöpfe der Reihe nach ab. Namen lesen ist nicht möglich. Zur Arbeit fährt er mit dem Fahrrad, auch im Winter. Als er einen Unfall hatte und das Fahrrad unbrauchbar wurde, welche Freude, schenkte sein Chef ihm ein Fahrrad.

Jetzt gerade, anlässlich der Fußball-EM wunderte Paul sich: »Warum ist Brasilien nicht dabei?«

Bis es ihm erklärt wurde und er es verstand.

Paul kann keine Kontoauszüge lesen und hat Schwierigkeiten überhaupt. So passierte es, wenn er nicht aufpasste, dass sein Konto überzogen wurde. Er hatte eine Bekannte kennengelernt, die auch nicht rechnen konnte, aber lesen. Er gab ihr manchmal die Karte, damit sie für ihn abheben konnte. Dann gingen sie zum Essen in eine Gaststätte. Er kann nicht kochen, isst sonst nur Schnitten.

Nun hat ihm seine Betreuerin ein Limit gesetzt. Sie verwaltet die Karte. Jetzt ärgert er sich.

»Ach, hätte ich doch das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt!« Dann wieder winkt er ab. »Es geht auch so!«

©2017 Christine Kayser

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3 Gedanken zu „Geschichte des Tages: Christine Kayser – Paul, der Analphabet

    1. Das Leben schreibt die besten Geschichten und das in allen Varianten.
      Die Geschichte durfte maximal 5400 Zeichen inclusive Leerzeichen haben. Mir liegen Kurzgeschichten besonders. (Bürgerredakteurin-ehrenamtlich)
      Beobachte bereits von Kindesbeinen alles um mich herum, Menschen, Tiere, das Leben und vor allem auch das Weltgeschehen.
      Mache mir Gedanken, rege an, berühre.
      Bin der Meinung, Worte können verändern, etwas bewegen.

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