Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Tod einer Königin

Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Tod einer Königin

Tod einer Königin

Es war furchtbar. Der Kampf dauerte fast eine Stunde. Doch am Ende siegte, wie erwartet, die andere Königin. Ich wende mich nicht ab, als sie sich triumphierend auf die erschöpft am Boden Liegende wirft und ihr von hinten mit einem Biss den Kopf vom Körper trennt.
Der Restkörper wird von den Soldaten der Siegerin abtransportiert, nachdem sie ihr Ei in sie abgelegt hat.
Wir warten, bis es an der Zeit ist für unseren Teil der Zeremonie.

Falls die verbliebenen Insektoiden aus meinem Schwarm Angst haben, dann ist ihnen nichts anzumerken. Fünfzehn Soldaten und fünf Arbeiter eines Schwarms, der aufgehört hat zu existieren. Sie haben den Tod ihrer Königin miterlebt. Ich glaube, dass diese Lebensform keine Angst kennt. Nur Vorsicht. Und Loyalität.
Ich habe schon gestern alle Tränen geweint, die es zu weinen gab. Als ich die Arena betrete, stellt sich die Siegerin mir in den Weg.
„Was tust du da?“
Irgendetwas macht mich gelassen, entspannt. Meine Königin ist tot. Aber sie wird immer bei mir sein.
„Ich beanspruche mein Recht als assoziiertes Schwarm-Mitglied.“
Die Facettenaugen der Anderen flackern. Erstaunt, höhnisch. Eine weibliche Hominide, ein Schwächling, gerade geschlechtsreif, beansprucht ein Schwarm-Recht!
„Sogar dazu hat sie sich herabgelassen. Ich danke unseren Göttern, dass dieser Unsinn vorbei ist. Bedien dich, Kind.“
Ich senke den Kopf, damit sie meine Augen nicht sehen kann. Lasse den Geruch meiner hilflosen Wut alle anderen Gerüche überdecken. Dies ist der entscheidende Moment.

Die Facetten meiner Königin sind erloschen zu einem schmutzigen Grün. Ich ziehe das zeremonielle Werkzeug, das sie mir gestern gegeben hat, aus der Gürteltasche. Es sieht aus wie die Beißwerkzeuge einer Königin nach der ersten Häutung und funktioniert wie ein Seitenschneider. Die andere Königin weicht zurück, außerhalb meiner Reichweite. Ein Soldat hätte versuchen können und das Recht gehabt, sie mit diesem Werkzeug in den Klauen anzugreifen und den Heldentod zu sterben. Das hätte die Andere erwartet. Aber mich kann sie nicht einschätzen. Ich schenke ihr ein freundliches Lächeln, das absolut nicht zu dem passt, was sie über ihren Geruchssinn erfährt.
Sie dreht sich abrupt um und verlässt die Arena und ich weiß, dass ich mir einen Todfeind gemacht habe. Sie hätte bleiben müssen, bis der letzte von unseren Schwarmmitgliedern sich ein Stück Kopf genommen hat. Aber so lange hätte sie ihre Aggressivität mir gegenüber nicht unterdrücken können. Sie hätte mich angegriffen und damit allen unserer Seite die Erlaubnis erteilt, sie anzugreifen. Ich habe ihr die Süße des Sieges gestohlen. Ihre eigenen Leute werden es für eine Weile nicht wagen, ihr unter die Augen zu kommen. Gut so. Denn so lange können sie auch keine Befehle entgegennehmen. Ihre Schwarmmitglieder folgen ihr in gebührendem Sicherheitsabstand.
Ich und mein Schwarm sind jetzt allein in der Arena.
Ich knie vor dem Kopf und trenne mit dem Werkzeug die rechte Mandibel ab. So, wie sie es mir erklärt hat. Es ist wichtig, die Form einzuhalten. Dann stehe ich auf und übergebe das Werkzeug an den mir am nächsten stehenden Soldaten.
Er nickt. Ich sehe das Feuer in seinen Augen. Sie werden sich nicht chancenlos abschlachten lassen wie meine Königin. Sie werden kämpfen. Ohne Schwarm. Ohne Ehre. Nach ihren eigenen, neuen Regeln. Vielleicht werden sie sich für die Liga-Streitkräfte entscheiden. Wenn sie ihren anderen Auftrag erfüllt haben. Vielleicht.
Ich stecke die Mandibel in die Gürteltasche. Die Stelle, an der ich den Schnitt gemacht habe, ist scharf. Messerscharf. Ich lasse meine Hand in der Tasche und schneide mir an der Schnitt-Stelle den kleinen Finger auf. So, wie sie es mir erklärt hat. Ich drücke die Wunde in die Spitze. Es brennt für einen Moment, dann tut es nicht mehr weh. Ich warte.

Vom Kopf bleibt nichts übrig. Der letzte Soldat fegt sogar den Sand zusammen, auf dem er lag, und legt ihn sachte in eine kleine Kiste, die er sorgfältig verschließt..
„Damit sie nicht von den Füßen unserer Feinde beschmutzt wird.“
Er steht auf und wartet.

Zusammen summen sie ein Lied, dass mich an ein Instrument aus der Erdkolonie auf Harain erinnert: einen Dudelsack. Nur dass die meisten Töne für mich nicht hörbar sein sollten. Die Mandibel in meiner Hand vibriert mit. Und meine Seele schwingt in Harmonie mit den trauernden Insektoiden.

(c) 2018 Ryek Darkener

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1 Gedanke zu „Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Tod einer Königin

  1. Ich habe die Geschichte wirklich genossen. Sie vermittelt das Gefühl mitten in einem spannenden Universum zu spielen, in der mindestens zwei intelligente Rassen miteinander agieren.

    Jetzt will ich wissen, wie es weitergeht, denn die Protagonistin hat offensichtlich einen Plan.

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