Gedichtewettbewerb: Daniel Möller – AN JENEM ORT

Daniel Möller – AN JENEM ORT

01.04.2018

AN JENEM ORT

So manches Mal ertapp‘ ich mich:
Möcht‘ entfliehen meinem Dasein
Aufsteh‘n, Arbeit, Nächtens ruh‘n
Soll dies wirklich alles sein?

Doch wohin, wie soll ich‘s anstell‘n?
Einfach weg sein, so geht‘s nicht!
Was wird aus allem, wird aus mir?
Und meinen Liebsten? Habe ich
mir das gar viel zu leicht gedacht?
So viele Fragen, keine Antwort
Da lass‘ ich es doch besser sein!
… Außer es gibt einen Ort
an dem ich frei von Sorg‘ und Sünde
ganz alleine ICH sein kann
Und gäb‘ es den, wie fänd‘ ich ihn?
Noch ist er gänzlich unbekannt

An einem Morgen meines Wegs
ich geh‘ und find‘ ein Türchen klein
Es steht verlassen, dort im Grase
links wie rechts kein Zaun anbei
Wo kommt das her? Wo führt es hin?
Die Phantasie geht mit mir durch!
Bringt dies mich an den fernen Ort?
Wohlan, mein Guter, keine Furcht!

Ich tret‘ heran, berühre sacht‘
das Eisen und verspüre: Nichts
Ich schließ‘ die Augen, glaub ganz fest
doch Hoffnung sich mit Zweifel mischt

Gibt es ‘nen besond’ren Trick?
Der Griff, ein Schlüssel, gar ein Reim?
Wen soll ich fragen? Wie erfahr‘ ich’s?
Selten fühlt‘ ich so allein.

Ein Lichtstrahl über mich hinweg
trifft auf das Gitter, hell und klar
erstrahlt es plötzlich, gülden scheint es,
glänzt ein Schimmer ebenda.
Ein sanfter Schauder mich durchfährt,
ich blicke durch die Gitterstreben
Schau auf eine fremde Welt,
ein neues Sein, ein and’rs Leben.

Soweit man sieht, ist’s unberührt
dies ferne, weite, ruhige Tal
Keine Seele, nicht ein Tierlaut
war hier denn schon jemand mal?
Ich wandere durch hohe Wiesen
Felsen ragen vor mir auf
Ich blicke um mich, hör ich Wasser?
Dort nimmt ein Rinnsal seinen Lauf

Ich folge ihm ein kurzes Weilchen
Es führt mich tief in einen Wald
Äste brechen, Zapfen knacken
unter meinen Füßen bald
Ich rieche süß des Baumes Harz
doch sehe ich nicht ein Getier
Bin ich gar, soweit ich sehe,
das einzige Geschöpfe hier?

Und hinter all den alten Bäumen
finde ich ein Königreich
mit langen Mauern, hohen Türmen
vor einem malerischen Deich

Dies ist doch, und da geh‘ ich recht
von Menschenhand gemacht!
„Wo seid ihr?“, ruf ich, „Kommt heraus!“
Was habt ihr euch dabei gedacht?
Lockt mich in eure schöne Welt
Soll ich nun ganz verlassen
mein Dasein fristen, hier und jetzt
Für immer gottverlassen?

Ich wusste nicht, was mich erwartet
träumt‘ von Abenteuern!
Von Zwergen, Trollen, Drachen, Riesen,
und bin nun zu bedauern!
Nichts dergleichen find‘ ich hier,
keine Feen oder Elfen
Nicht einmal Prinzessinnen, die
mich anfleh‘n, ihnen zu helfen.

Hier bin ich bloß ein armer Wicht!
Allein mit mir und meinem Denken
Zuhause, ach, da war ich wer!
Wie konnte ich nur so tief sinken?
Zu glauben, es gäb‘ einen Ort,
an dem ich glücklicher könnt‘ sein
als wo ich meine Liebsten habe:
Frau, Kind, Katze und Meerschwein!

Ja, selbst das kleine Fellknäul fehlt,
und ob es mich gar auch vermisst?
Was trieb mich nur? Ich sollte schleunigst
umkehr’n, wenn’s noch nicht zu spät ist

Wohlan, ich setze einen Fuß
nur vor den ander’n, voller Kraft
Doch diesmal entgegengesetzt
den Weg, der mich hierhergeschafft
Ich lass‘ die Mauern hinter mir
durchstreif‘ den Wald so schnell wie nie
Dabei begegnet mir kein Tier
schon wie zuvor, ist niemand hier

Den Fluss erblick‘ ich, folge ihm
Sein Rauschen führt mich weiter.
Und an der Felswand linkerhand,
fühl ich mich bald befreiter
Die hohen Gräser bald erreicht
Ich spür sie unter meiner Hand
streifen sie, gar kitzeln mich
Und nun verlass ich dieses Land!

Das Tor! Wo ist es hin? Hier stand es!
Eben hier, ich irre nicht!
Genau die Stelle, sie scheint leer!
Was war ich bloß darauf erpicht
zu wünschen mich an einen Ort
den es nicht gibt, nicht geben kann?
Ich setz‘ mich hin, verzweifel‘ gar,
schließ‘ meine Augen, aber dann:

Was hör ich da? Ist es denn wahr?
Zwitschern wirklich Vögel dort?
Und weit entfernt, da spielen Kinder!
Wie kann das sein, an diesem Ort?
Ich schlage rasch die Augen auf
und fühl mich wie genesen!
Ich steh‘ noch immer vor dem Tor
Bin niemals fort gewesen!

Das Gitter funkelt bunt im Licht
doch zwischen seinen Streben
ist nichts zu sehen, war es nie,
die Welt hat’s nie gegeben

Da hat mir meine Phantasie
ja einen üblen Streich gespielt!
und mich gelehrt: Schätz‘ was du hast!
So bald mich NICHTS mehr hier fortzieht!

Ich setze meinen Heimweg fort
Erreich‘ bald mein Daheim
An jenem Ort bin ich zuhaus‘
Und werd‘ es immer sein

(c) 2017, Daniel Möller

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