Gedichtewettbewerb: Corina Lendfers – Sturmgeboren

Corina Lendfers – Sturmgeboren

03.04.2018

Sturmgeboren

Die Hände halten das Steuerrad,
die Mütze tief im Gesicht,
die Schultern stramm, der Rücken grad.
Die Kälte spürt er nicht.

Den Blick in die Ferne gerichtet,
die Wellen scharf im Visier,
den Sturm hat er längst schon gesichtet
in alter Seebär-Manier.
Ahoi.

Die erste Welle kracht an die Wand,
es folgt sogleich die zweite.
Es zittert heftig seine Hand.
Das Schiff neigt sich zur Seite.

Salzwasser überspült das Deck,
hoch in die Luft schießt Gicht.
Eine Möwe fliegt darüber weg,
die Tropfen funkeln im Licht.
Ahoi.

Es bäumt das Meer sich auf vor ihm,
es tost und ruft ihn laut.
Nach Flucht steht ihm ganz kurz der Sinn.
Schweiß tritt auf seine Haut.

Es knallt und rauscht in seinem Ohr,
und in den Wanten heult der Wind.
Da steigt ganz leis‘ zu ihm empor
der erste Schrei von seinem Kind.
Ahoi.

Er atmet ein so tief er kann –
und schließt dabei die Augen –
den frischen Duft nach Salz und Tang
und kann es selbst kaum glauben.

Dort unten unterm Himmelszelt
im großen, lauten Meer
spürt er die Kraft der ganzen Welt,
und glücklich lachend ruft auch er:

AHOI!

(c) Corina Lendfers

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