Gedichtewettbewerb: Gerda Greschke-Begemann – Erwägungen an einer Kreuzung

Gerda Greschke-Begemann – Erwägungen an einer Kreuzung

08.04.2018

Erwägungen an einer Kreuzung

Wer weiß, ob dieser unbekannte Weg zum Berg nicht eine Sackgasse ist
und ob ein starker Regen die Böschung plötzlich rutschig macht,
so dass ich abstürzen werde.
Vielleicht werde ich an einem Baum klemmen
und meine Lunge ist zusammengepresst,
so dass ich nicht mehr schreien kann.
Ich bin nicht Prometheus
und ich werde am Abgrund gefangen nicht lange leben,
auch wenn die Adler hier selten geworden sind.

Oder der Weg windet sich endlos steil weiter
über den Wald hinauf in die Felsen
wo die Quellen versiegen da oben im Stein.
Kein Obdach, nur Wetter und Wolken, die jeden Rückweg verstecken.
Ein Kreuz auf dem Gipfel wird mein Ende verhöhnen.

Die Straße nach links, was ist, wenn ich sie nehme?
Eine Stadt wird mich schlucken, die alten Herren hätten sie grau genannt.
Doch das ist sie nicht, sie ist bunt,
aber grausam zu mir und all jenen,
die fremd dort sind und die Regeln nicht kennen.
Hier gibt es Häuser zum Wohnen, zum Trinken und Essen,
für Liebe und Kunst.
Doch nur gegen Geld.

In zerfallenden Häusern gießen Heimatlose
Wärme aus Flaschen sich in den Leib,
kriechen in Decken gegen die Kälte von außen.
Bald wird mein Körper weggeschafft werden.

Ich weiß auch nicht, wohin die rechte Straße führt,
kann die Biegung nicht überblicken.
Vielleicht taucht sie in die Ebene und zwischen Wiesen am Strom liegt ein Dorf.
Die Leute dort haben freundliche Herzen, sie nehmen mich klaglos auf.
Im Garten am Haus darf ich Hühner füttern,
die Eier einsammeln und Gemüse pflanzen.
Bald werde ich ernten und drinnen das Essen bereiten.

Wenn meine Kinder heimkommen, bringen sie Freude ins Haus.
Wir könnten immer hier leben,
mein Philemon wird zur Eiche und ich eine Linde.
Es ist alles noch nicht entschieden.

© 2014 Gerda Greschke-Begemann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.