Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Idylle

Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Idylle

Idylle

Es war ein lauschiger Frühlingstag. Die Sonne schien hell und strahlend vom tiefblauen Himmel, ein leichter Wind wehte durch das Grün der Blätter. Die Luft war erfüllt vom Summen und Brummen der Bienen. Süß und schwer lag der Duft unzähliger Blüten wie eine Wolke über dem Park. Die Wellen des nahegelegenen Sees plätscherten ans Ufer, die Halme des Schilfs raschelten in der leichten Brise. Gänse, Enten und Wasserhühner trieben träge auf dem Wasser. Eichhörnchen und Kaninchen rannten um die Wette über das tiefgrüne Gras. Vögel zwitscherten, hüpften von Ast zu Ast. Nichts schien die friedliche Idylle trüben zu können.
Bert genoss den warmen Sonnenschein, ging seiner Arbeit mit deutlich mehr Vergnügen nach, als bei schlechtem Wetter. Wie viele hatten schon das Glück, den Tag in freier Natur zu verbringen? Andere waren eingesperrt wie in einem Käfig und hatten nur für wenige Augenblicke die Gelegenheit, die frische, süße Luft zu genießen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen.
Berts Job war hart, er hatte eine vielköpfige Familie zu ernähren und es war ein täglicher Kampf, das Überleben zu sichern. Doch bei diesem Wetter schienen alle Sorgen von ihm abzufallen. Gutgelaunt und unbeschwert lief er durch den Park, seine dunklen Augen huschten von links nach rechts, labten sich an den unzähligen Farben. Das Leben war so schön.
Ein winziger Moment der Unachtsamkeit – und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Bert stolperte und fiel. Als er sich benommen aufrappeln wollte, ließ der Schmerz ihn zu Boden sinken. Er musste sich etwas gebrochen haben. Die Angst griff mit Macht nach ihm. Er konnte nicht hier liegenbleiben. Bert sah sich um, doch niemand war da, der ihm helfen konnte.
Die Sonne, die ihm bis vor kurzem so herrlich warm und belebend erschienen war, brannte auf seinen Rücken. Ihr grelles Licht stach in seinen Augen, der Wind wirbelte Sand auf, peitschte ihn in sein Gesicht. Ein Schatten schwebte plötzlich über ihm.
Bert erkannte die Gefahr und stemmte sich hoch. Er musste fliehen. Der Schmerz ließ ihm fast die Sinne schwinden. Langsam kam er vorwärts und atmete erleichtert auf, als der Schatten verschwand. Er hatte es geschafft.
Da traf ihn ein Schlag an den Kopf und er spürte, wie ihn etwas zu Boden drückte. Er schrie auf, Panik ließ sein Herz rasen und ihn unvorstellbare Kräfte entfalten. Es gelang ihm, seinen Angreifer abzuschütteln. Hoffnung keimte in ihm auf, ließ ihn allen Schmerz vergessen. Er hörte aufgeregte, erschreckte Rufe – kam hier seine Rettung?
Wieder bekam er einen kräftigen Hieb, der ihn niederstreckte. Er schlug wild um sich, traf seinen Gegner erneut, doch diesmal gelang es ihm nicht, ihn zu vertreiben. Sein Widersacher hatte ihn fest im Griff, drosch auf ihn ein. Der Schmerz trieb Bert die Tränen in die Augen. Er spürte das Blut, das seinen Nacken hinunterfloss. Sein Schicksal schien besiegelt.
Das Rufen wurde lauter. Nein nicht, dass sein vermeintlicher Retter auch noch ein Opfer des Unholds wurde! Der Gedanke gab Bert die Stärke, seinem Angreifer ein weiteres Mal zu entkommen. Er floh in die entgegengesetzte Richtung. Fort von demjenigen, der ihm zu Hilfe eilen wollte, um ihn nicht in Gefahr zu bringen.
Doch es war vergeblich – mit dem Blut, das seinen Rücken hinunterrann, floss das Feuer seines Lebens aus ihm heraus.
Der Unhold schien seine Chance zu wittern. Bert spürte seinen Atem im Nacken und schloss die Augen. Der Hieb drang durch seinen Körper, spießte ihn auf und nagelte ihn an den Boden. Wieder und wieder stieß der Mörder zu, Berts Körper wand sich in Todesqualen, seine Schreie wurden schwächer. Ein letztes Mal riss sein Mörder ihn empor, wirbelte ihn durch die Luft. Bert landete auf dem Rücken.
Mit seinem letzten Atemzug, mit einem letzten Blick aus seinen brechenden Augen erkannte er, wer ihn aus dem Leben riss.

Die Elster hackte ihren Schnabel wieder und wieder in den Körper des Spatzen, der in ihren Krallen hing, dann flog sie davon. Das Überleben ihrer Brut war wenigstens für einen weiteren Tag gesichert.

(c) Silvia Nagels

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