Special Text: Autorin Chrissy Bouzrou – DREI HÄNDE

Special Text: Autorin Chrissy Bouzrou – DREI HÄNDE

DREI HÄNDE

Schwer senkt sich das Abendrot
über die Stille, die mich im Herzen
umgibt.
Müde nehme ich auf der Bank Platz.
Unbeweglich die Steine die am Ufer
liegen.
Schwer wie mein Gemüt, liegen sie
dort. Nebeneinander, wie meine
Gedanken an Gewesenes.
In gleichmäßigen Wellen umspielt
von der Gischt der Nordsee.
Nicht stark genug, um sie zu vertreiben.
Wie die Gedanken.
Sie erdrücken mich.
Wer bin ich?
Wer war ich?
Für was bin ich?
Das Zwitschern der Möwen begleitet
das Wasser auf seinem Weg.
Der Schmerz meine Gedanken.
Ich fühle mich nutzlos.
Wie die Steine die am Ufer liegen.
Zu schwer um sich zu bewegen.
Für was liegen sie da?
Für was bin ich da?
Ich möchte weg.
Weit weg, dort ganz hinten
in den Schatten des Leuchtturms.
Ich wäre zu schwach um das Ruder
zu bewegen.
Ich schaue auf meine Hände.
Gezeichnet vom Leben.
Leben!
Wo ist es geblieben?
Diese Hände, geschaffen
um zu Vollbringen.
Meine Träume.
Ich fühle mich am Ende.
Aber meine Träume.
Waren sie es denn?
Wer bestimmt das?
Das Schicksal?
Wie das der Steine?
Was, was könnte sie bewegen?
Zu schwach die Gicht der Wellen.
Wie lange liegen sie schon da
ihrem Schicksal ergeben?
Ich beobachte die Möwen.
Sie fliegen hoch und runter.
Hin und her.
Warum bricht nicht mal
eine aus?
Warum breche ich nicht aus?
Von wo?
Aus meiner Selbstaufgabe?
Ich bin müde.
Mein Körper ist müde.
Ist es auch mein Geist?
Nein!!
Meine Erinnerungen.
Meine Ziele.
Meine Träume.
Einmal noch.
Nur einmal noch einen Stein bewegen.
Wenn ich von der Bank aus auf die
Steine schaue erscheinen sie
gar nicht so Groß.
Wäre doch gelacht wenn ich
nicht einen von ihnen bewegen könnte.
Kurz bewegt sich was.
In mir.
Dieses alte mir bekannte Gefühl.
Willenskraft.
Ich raffe mich auf.
Immer näher komme ich dem Ufer.
Was ist das?
Desto Näher ich dem Ufer komme.
desto größer erscheinen mir die Steine.
Ich drehe um.
Ich werde es nicht schaffen. Oder doch?
Ich gehe wieder drei Schritte zurück
Richtung Ufer.
Schwer schlägt mein Herz.
Und es ist nicht das Meer das in
meinen Ohren rauscht.
Da vorne steht die Bank.
Da könnte ich mich ausruhen.
Ich will keine Ruhe!
Ich drehe um.
Stecke die Hände in die Taschen
meines alten, grauen Mantels,
und lasse mich auf der Bank nieder.
Das Gekreische der Möwen
hört sich an als lachten sie mich aus.
Ich schreie die Möwen an.
Nehme einen kleinen Stein,
werfe ihn nach ihnen.
Und schäme mich.
Wie kann ich mir einbilden stärker als
das Wasser zu sein.
Als das Meer, als die Natur.
Die Natur.
Ist es natürlich zu altern?
Das der Körper altert?
Ich bin nicht alt!
Ich werde es beweisen!
Ich bleibe auf der Bank sitzen.
Meine Gedanken gehen zurück
zu dem Stein.
Schwer liegt er am Ufer.
Gewaltig schön.
Gewaltig groß.
Gewaltig schwer.
Ich fühle mich klein.
Ich will schaffen. Erschaffen.
Und schaffe es nicht.
Ganz versunken in meiner
eigenen Schwere setzt
sich plötzlich ein Junge
zu mir auf die Bank.
Meine Augen sind vor
Schmerz geschlossen.
Ich will keine Störung.
Er soll weg!
Ich öffne die Augen.
Schaue ihn böse an.
Es scheint ihn nicht zu stören.
„Geht es dir nicht gut Onkel?“ fragt er mich.
„Lass mich in Ruhe“.
Ich möchte alleine sein in
meinem Schmerz, meiner Wut.
Er rückt ein Stück weg.
Beobachtet mich aber.
Ich die Möwen. Sie lachen
immer noch. Machen mich
immer wütender.
„Hast du vielleicht Hunger Onkel?“
Er zieht einen kleinen verschrumpelten
Apfel aus seiner Hosentasche, reicht ihn mir
mit seinen schmutzigen kleinen Fingern.
Ich schiebe die Hand unwillig zurück.
Beneide die Jugend die in diesem Bengel steckt.
„Warum schaust du so traurig, Onkel?“
Ich drehe mich zu ihm um. Wollte ihm sagen das
er verschwinden soll.
Dann sah ich seine Augen.
Und die Träume, die sich in ihnen spiegelten.
Ich senkte die Augen, und Scham ließ mich
erröten als ich nach dem Apfel griff und es
bemerkte. Dort wo links sein Kinderärmchen
seine einfache, viel zu dünne Jacke ausfüllte, war
auf der rechten Seite gähnende Leere.
Ich ziehe mein Taschenmesser aus
meiner Hosentasche.
Teile den Apfel und reiche ihm die
andere Hälfte.
Sein Grinsen erweicht mein Herz.
„Was treibt dich hier her?“ frage ich ihn.
Sein kleiner Finger zeigt Richtung Ufer.
„Siehst du diesen schönen großen Stein dort
unten am Ufer Onkel?“
Oja, ich brauche gar nicht hin zu schauen.
Nur zu gut kenne ich diesen Stein.
Ich schaue ihn fragend an.
Er versteht ohne Worte was ich fragen will.
„Ich probiere schon lange diesen Stein
zu heben und in mein Wägelchen zu hieven.“
„Für was brauchst du diesen Stein, mein Junge?“
Tränen füllten seine Augen. Er erzählte mir von seiner
Großmutter die immer schöne Steine geliebt hatte.
Und wie er immer welche für sie gesammelt hat.
Natürlich nur die ganz besonders Schönen.
„Auf ihrem Grab steht ein Holzkreuz Onkel. Mutter
sagte für einen Stein langt das Geld nicht. Ich vermisse sie sehr.“
Seine Tränen hinterließen eine Schmutzspur auf seinem
Gesicht. Ich griff nach meinem Taschentuch, sein Schmerz
ließ mich einen Moment meinen eigenen vergessen.
„Ich möchte diesen Stein bemalen und meiner
Großmutter auf ihr Grab legen. Er würde ihr gefallen, aber
ich schaffe es nicht ihn aufzuheben.“
Er schaute auf seinen leeren Jackenärmel, ich wandte
den Blick ab.
„Hast du keinen Freund der dir helfen könnte Junge?“
Traurig schaute er auf seinen nicht vorhandenen Arm.
„Ich war mal ein guter Torwart Onkel. Seitdem das hier passierte
habe ich keine Freunde mehr.“
Meine Hände verkrampften sich vor Wut.
Warum ist das Leben so ungerecht?
Da nahm er plötzlich meine Hand.
Ich zuckte automatisch zurück.
Er ließ nicht los.
„Möchtest du nicht vielleicht mein Freund sein Onkel, ich mag dich“
„Warum magst du mich?“, fragte ich ihn verwundert ,ich war nicht
gerade nett zu ihm gewesen.
„Weil ich es fühle dass ich dich mag“ kam die Antwort von ihm,
mit der ich im ersten Moment gar nichts anzufangen vermochte.
Außerdem sollte man mich nicht mögen.
Ich mochte mich ja selber nicht.
Diesen nutzlosen alten Mann der mir aus dem Spiegel
entgegenschaute.
Diese Spiegelbild das mir so unpassend erschien
im Gegensatz was in meinem Geiste zu sehen war.
Ich zögerte mit der Antwort.
Auf der einen Seite tat er mir leid.
Aber hatte ich nicht genug mit mir selber zu tun?
Sehnsuchtsvoll schaute ich zu dem Stein.
Einmal noch etwas bewegen können.
Er folgte meinem Blick.
Stellte sich vor mir auf.
Als könnte er meine Gedanken lesen.
„Zusammen könnten wir es schaffen Onkel“
Er zog an meinem Ärmel.
Ich war müde.
Er wurde es nicht mich zu ermuntern.
„Wir könnten das schaffen.“
Ich schüttelte seine Hand ab.
„Schau uns an Junge, ein Alter und ein Krüppel.
Ich würde es erst gar nicht über die vielen Steine
am Ufer schaffen, um zu diesem großen zu gelangen,
geschweige denn ihn aufzuheben.“
Er ließ sich nicht einschüchtern. Überhörte den
Krüppel, zog weiter an meinem Ärmel.
„Du könntest dich auf mich stützen Onkel.“
„Danke,“ meinte ich unfreundlich,“ wenn ich was
schaffen will, schaffe ich das alleine oder gar nicht.“
Er schaute mich mit seinen großen Augen flehend an.
„Lass es uns wenigstens probieren, bitte.“
Das Lachen der Möwen in meinen Ohren war nicht
auszuhalten.
Ebenso wenig wie der flehende Blick des Jungen.
Ich schaute zum Ufer.
So weit der Weg.
Voller Steine.
Und ganz dort hinten der Größte, der Schönste.
Ich schaute hoch zu den Möwen,
und stützte mich auf den Arm des Jungen.
Nun sah ich auch von weiten sein Wägelchen
das wartend vor dem großen Stein stand um
beladen zu werden.
„Komm Onkel, komm. Kleine Schritte, ich stütze
dich. Und zusammen werden wir den Stein heben.“
Er war sich so sicher. Meiner sicher. Was war wenn
ich ihn enttäuschen musste?
Wir gingen ein paar Schritte.
Der alte Mann und das Kind.
Einen Moment fasste ich Mut als ich den
festen Druck seines Armes spürte.
Ja, wir könnten es schaffen!
Er hatte Recht.
Schritt für Schritt gingen wir langsam
über die Steine die zum Ufer führten.
Ich rutschte aus. Fiel hin, er konnte mich
nicht halten.
Die Möwen lachten wieder.
Ich lachte nicht.
Ich war wütend. Ließ es das Kind spüren.
Der Junge suchte die Schuld bei sich.
Und ich fand sie bei mir als ich mich in seinen
traurigen Augen spiegelte.
Ich hatte auf die Möwen geschaut, nicht
auf den Weg.
Er war traurig. Sagte er wollte mir nicht weh tun.
Und ob er lieber gehen sollte.
„Hilf mir auf Junge“
Er fragte nicht, reichte mir seinen Arm und
sagte nur“ Wir schaffen das.“
Vorsichtig gingen wir weiter.
Ich bemerkte wie er immer wieder
zu mir hoch schaute.
Ich streckte meinen Körper.
Er seinen Arm.
Jeder wollte für den anderen Stark sein
und so erreichten wir das Ufer.
Und dort lag er.
Der größte, der schönste Stein.
In meinen Augen, in seinen Augen.
Wenn auch die Beweggründe verschieden
waren, wir standen zusammen vor dem Ziel
unserer Begierde.
Hoffnung.
Da standen wir nun.
Abwartend.
Wie die Möwen die am Himmel kreisten.
Ich hörte ihr Gelächter nicht mehr.
Drei Hände packten nach dem Stein.
Zwei alte Große, eine junge Kleine.
Er bewegte sich nicht.
„Ich schaffe es nicht Junge“ sagte ich traurig.
„Einmal noch“ bat das Kind.
Wir zogen mit aller Kraft.
Und fielen hart auf den Boden.
Da hörte ich ein Lachen.
Ich schaute zu den Möwen.
Sie waren es nicht.
Es war mein Lachen!
Mein Lachen das in das
des Jungen einstimmte.
Warum lachst du Junge, fragte ich ihn.
Er holte weit aus mit seinem Arm.
„Sieh dich doch mal um Onkel.
Wie viele Steine hier rum liegen.
Einer schöner wie der andere.
Wir haben sie gar nicht gesehen, weil wir
immer nur diesen einen großen im Auge hatten.
Lass uns einige dieser kleineren, doch genauso
hübsche Steine auf das Wägelchen legen.
Auch aus vielen kleinen Steinen lässt sich
ein hübsches Mosaik legen.“
Ich schaute mich um.
Er hatte recht. Dieses Kind hatte recht.
Warum sollten wir unsere Kraft für diesen einen Stein vergeuden wo es
soviel hübsche kleinere gab.
Die sich zusammengesetzt zu einem
schönen Bild legen ließen. Warum sollten wir unseren Mut von etwas
zerstören lassen, was wir heute vielleicht
nicht bewegen können, können wir doch viele
andere Kleine Dinge zu einem ganzen
voller Harmonie setzen.
Und uns daran erfreuen.
Er half mir auf.
„Wir haben es versucht Onkel..“
Ich nahm sein Gesicht in meine Hände
und schaute ihn dankbar an.
„Ja, wir haben es versucht. Und ich habe mich
wieder gefunden.
Du hast mich geführt mein Junge.
Hast mich gestützt obwohl ich dir zürnte.
Du hast mit deinen Augen erkannt was
ich nicht sehen wollte.
Die Kleinen Dinge die wir bewegen können.
Die uns neue Kraft geben können.“
„Morgen ist ein neuer Tag „sagte er.
„Der große Stein wird noch da sein. Und
solange können wir uns an den kleinen
erfreuen Onkel.“
Wir packten sein Wägelchen voll.
Ich schaute zu den Möwen.
Wie konnte ich nur denken
das sie mich auslachten.
Voller Harmonie empfand ich
plötzlich ihr Gezwitscher im
Abendrot. Ich bückte mich, nahm einen
Stein und steckte ihn mir
in die Manteltasche. Er sollte mich erinnern wenn
ich die Möwen mal wieder lachen
hörte. Später setzte ich mich noch eine
Weile alleine auf die Bank.
Sah den Jungen im Abendrot
verschwinden. Höre das Geklapper
der Holzräder auf dem unebenen Weg. Morgen würde er wiederkommen.
Und mir glücklich von dem Mosaik erzählen
das er seiner Großmutter auf ihr Grab gelegt hatte.
Von den Steinen die ich mit ihm sammelte.
Die er mir zeigte. Zu denen er mich führte.
Vielleicht werde ich morgen mit ihm auf den
Fußballplatz gehen.
Den anderen zeigen das er nicht alleine ist.
Ich könnte ihm eine Prothese bauen.
Blühten eigentlich schon meine Apfelbäume im Garten? Er mag Äpfel.
Ich mache mich langsam auf den Weg nach Hause. Sehe das die Krokusse sprießen.
Wo hatte ich vorher nur meine Augen gehabt.
Ich denke sie könnten Freunde werden.
Der alte Mann und das Kind. Ich spürte den kleinen Stein in meiner Manteltasche.
Ja, morgen ist ein neuer Tag.
Und ich freute mich auf ihn.

Christine Bouzrou (2006)

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