Geschichte des Tages: Christine Bouzrou – Eine „arme“ Familie-Oder, Jammern auf höchtstem Niveau

Geschichte des Tages: Christine Bouzrou – Eine „arme“ Familie-Oder, Jammern auf höchtstem Niveau

Eine „arme“ Familie-Oder, Jammern auf höchtstem Niveau

Gedankenverloren saß Hilde am Küchentisch. Noch 14 Tage bis zum nächsten Ersten. Und schon wieder Ebbe in der Geldbörse. Müde schnippte sie einen Krümel von Ihrem Ipod Handy. Sah ihm nach, als er die Richtung zum Mülleimer verfehlte, und in ihren High Heels eines berühmten Pariser Modeschöpfers landete, die sie, fertig vom Fitness Studio und der Hitze unter der Sonnenbank, vorhin beim Heimkommen, einfach in die Küche schleuderte.
Die Kinder gingen ihr heute auch auf die Nerven. Die verschiedenen monotonen Töne von Playstation, Game Boy Lite und dem Computerspiel ihres Jüngsten, waren kaum auszuhalten. Sie hasste dieses ganze elektrische Spielzeug, aber sie wusste, ohne werden Kinder unter Kindern heutzutage gar nicht mehr akzeptiert. Uncool. Sowas hat man.Die Werte, die sie selber noch von ihren Eltern vermittelt bekam, zählten irgendwie nicht mehr. Und mit der Zeit passte man sich an. An die materialistischen Werte Undd gab auf, die Eigenen weiter geben zu wollen. Hilde rieb sich die schmerzenden Schläfen und starrte auf ihre High Tech Küche, die ihr Georg kaufte, um nicht schlechter da zu stehen als sein Freund Ralph, der seiner Frau Gisela das Hausfrauendasein so bequem wie möglich machte. Dreizehn Monate mussten sie noch an den Raten zahlen. Das fehlte auch irgendwie jeden Monat. Vor ihr lag die Jahresabrechnung für die Stromzufuhr. War ja klar, dass da eine saftige Nachzahlung kam, bei so viel Geräten, die hier liefen. Erst zu Weihnachten bekam jedes der drei Kids eine eigene Stereoanlage, gegenseitige Freundesbesuche waren grade in, und Gnade Gott man konnte nicht das neuste aus den Charts präsentieren. Dann kamen Fragen wie „Wie bitte, ihr habt nur eine Anlage bei den Eltern im Wohnzimmer? Wie uncool“ Und auch in der Werbung war so manches uncool, wenn man es nicht selber besaß.
Über dreihundert Euro Nachzahlung, wie sollten sie das nur schaffen? Sie hatten doch erst grade den Zweitwagen angeschafft, damit Hilde unabhängiger wird, von den öffentlichen Verkehrsmitteln Und es nicht heißt, Georgs Frau muss Bus fahren. Die Kids mussten in ihre Vereine gefahren werden, Jennifers Ballettstunden, Marvins Reitstunden und Kevins Klavierunterricht. Und auch Hildes Sonnen und Fitness Studio lag nicht grade um die Ecke. Ihre Freundin Laura, fand Hilde zu kräftig und zu blass. Dagegen kann man doch was tun, meinte sie damals zu ihr, und dass die paar Euros sich doch jeder leisten könnte. Und schleppte sie mit ins Studio. Dass sie es sich eigentlich nicht leisten konnte, wollte Hilde damals nicht zugeben. Zu schnell wird man von Freunden vergessen, wenn man nicht „Dabei“ sein kann. Der schon gebuchte Familien Urlaub in Tunesien in den Sommerferien, hatte auch die letzten Ersparnisse aufgebraucht. Aber nie wieder will Hilde Tränen in den Augen ihrer Kinder sehen, wenn sie nach den Ferien einen Aufsatz schreiben müssen über ihre Urlaubserlebnisse, nichts zu Papier bringen, weil sie keinen hatten, und dafür noch eine sechs bekamen. Noch nicht mal für einen Besuch in einem Erlebnispark hatte es vorigen Sommer gereicht, weil kurz vorher das Heimkino angeschafft wurde, Dolby Surround aus allen Ecken, von dem Kurt, Georgs Kollege, damals so schwärmte, und bei einem Besuch Augenbrauenrunzelnd ihren 50 Zoller betrachtete.Mit zittrigen Fingern griff Hilde zu ihrem Big Pack Marlboro, zog eine der Zigaretten hervor, steckte sie an, und sah gedankenverloren den Rauchkringeln hinterher, die sich, kurz hinter der modernen Cappuccino Maschine, (ihre Freundinnen fanden es damals uncool, als sie den Cappu aus einer Dose vom Aldi anrührte), in ein Nichts auflösten. So wie das Geld in ihrer Börse. Das Konto war auch bis zum Limit überzogen, drei Monatsgehälter Minus waren machbar, und schon längst erreicht.Sie hatten damals die Bank gewählt, weil sie mit niedrigen Überziehungszinsen warb. Und günstigen Krediten. Und irgendwie wurde es mit dem Überziehen im Laufe der Zeit zu einem Kreislauf. Es ist schon ewig her, dass das Konto mal im Plus stand. Diesen Monat stand auch noch die Taufe von Judiths Kleinen an.Und der Geburtstag von Onkel Hans.Da kann sie doch nicht mit leeren Händen hinkommen, wie sieht das denn aus? Und wenn sie nicht kamen, war man wieder beleidigt. Die Gedanken in Hildes Kopf fuhren Achterbahn.Wie gerne würde sie in ihren Beruf zurückkehren, aber das möchte Georg nicht. Wie sieht das denn aus, als wäre ich nicht fähig meine Familie zu ernähren.Das waren seine Worte, als sie das Thema mal zur Sprache brachte, und damit war es für ihn abgeschlossen. In so Sachen war er ziemlich altmodisch. Und dafür schufftete er Tag und Nacht, manchmal auch an den Wochenenden und ihre gemeinsame Zeit wurde immer weniger. Jennifer kam in die Küche und unterbrach Hilde kurz bei ihren Gedanken. Süß sah sie aus in ihrem Oshkosh Kleidchen und den blonden Locken, hundertfünfundzwanzig Euro hatte Hilde damals dafür bezahlt, Lauras Kleine trug nur Oshkosh und Hilde wollte nicht nein sagen, als sie zusammen im Katalog stöberten und Laura meinte, Jennifer würde bestimmt süß aussehen in dem Kleid. Morgen müsste sie das Geld für die Klassenfahrt abgeben, teilte Jennifer ihr nun mit. Hilde seufzte. Die Klassenfahrt. Das hatte sie total vergessen. Warum denken die Schulen eigentlich, wunder wie dicke man es hätte, um einfach mal so fast Zweihundert Euro hinzublättern? Und wenn sie Jeniffer nicht fahren ließ, müsste sie in eine andere Klasse und jeder wüsste wie schlecht es ihnen finanziell geht.Da muss wohl Oma wieder aushelfen und es von dem Sparbuch nehmen, das sie für die Ausbildung der Kinder angelegt hatte. Jennifer begnügte sich mit einem Kopfnicken von Hilde, und verschwand
wieder zu ihrer Playstation.Morgen müsste eigentlich die Wii ankommen, die sie den Kindern nach langem Quängeln in einem großen Versandhaus bestellten, da die Playstation ja längst schon wieder out war. Nur gut, dass man bei diesem Konzern drei Monate Zahlpause hatte. Aber spätestens nach diesen drei Monaten wird wieder etwas fehlen, imMonatsbudget ihrer Familie.

Georg hatte sicher auch nur noch grade genug Geld einstecken, um den Wagen aufzutanken, er musste ja zur Arbeit zu kommen. Hilde zog die letzte Marlboro aus der Packung. Nur gut, dass sie sich immer gleich am Monatsanfang vier Stangen nach Hause holt.Das sollte bis zum Monatsende langen. Ich muss Mutter anrufen fiel ihr nun ein, und sie griff zu ihrem Handy .Seit zwei Monaten hatte sie eine Handyflat, und konnte auch umsonst ins deutsche Festnetz anrufen. Sie bezahlte nun viel mehr , als für die paar Handyanrufe, die sie so im Monat tätigte, aber Laura meinte, als sie mal vom Studio aus zuhause anrief, heute hätte doch jeder eine Flat auf dem Handy, als ihre Prepaid Karte mitten im Gespräch leer war. Nach vier Monaten. Hilde erzählte ihrer Mutter von ihrer finanziellen Notlage, und nach kurzem Zögern versprach diese, die Klassenfahrt zu bezahlen, morgen früh gleich auf die Bank zu gehen und Jennifer das Geld in die Schule zu bringen.
Aber das wäre das letzte Mal, dass sie an das Gesparte gehen würde.Hilde bedankte sich überschwenglich, und legte schnell auf, bevor ihre Mutter ihr wieder vorrechnete, woran man überall sparen könnte . Ich muss kochen, dachte sie nun, Georg wird bald kommen. Ihre Knochen taten weh von den ungewohnten Übungen im Fitness Studio, als sie nun aufstand, um erst den Kühlschrank, und dann den Gefrierschrank zu inspizieren.
Drei offene Wurstpäckchen, davon bei Zweien die Ränder schon leicht eingetrocktet, weil jedes der Kinder immer grade das Päckchen aufmachte, was ihnen zusagte, ohne erst das offene leer zu machen. Dasselbe Bild beim Käse. Verschrumpelt lugte ein vergessener Camenbert aus seiner goldfarbenen Verpackung, daneben ein halb gegessener Joghurt, am auslaufen, da er durch den Löffel, der noch im Becher steckte, umgekippt war. Monoton klatschten die Tropfen auf die übrig gebliebenen Pfannkuchen, die die Kinder vorgestern unbedingt wollten, obwohl sie doch vorher grade erst jeder eine Juniortüte von Mc Donalds bekommen hatten, um die Figur aus dem neuesten Zeichentrickfilm zu besitzen, die nunirgendwo im Kinderzimmer rumflog und vergessen war, und auf die Hilde garantiert wieder barfuss drauftreten würde. Irgendwie hatte sie das Gefühl, sie kaufte diesen Kleinkram nur, um sich Schmerzen an den Fußsohlen zuzufügen.Denn spielen taten die Kinder meist nur fünf Minuten damit. Auch im Gefrierschrank ödete nur eine angebrochene Packung Kartoffelsmielys rum, die die Kinder so toll fanden, bis sie sie einmal auf dem Teller hatten und feststellten, dass sie nicht anders schmeckten als die Kroketten, die keiner von ihnen mochte. Gähnende Leere in den Schränken. Aber die Kids und auch sicher Georg, hatten Hunger. Dann muss ich wohl rüber zu Frau Seifert, und sie um paar Nudeln bitten, dachte Hilde, und schlupfte in ihre High Heels, von irgendeinem berühmten Modeschöpfer in Paris, bei dem Laura ihre Schuhe kaufte, und machte sich auf den Weg zur Nachbarin, um wie so oft, zu erzählen sie wolle Bolognese machen, und hat vergessen die Nudeln zu kaufen…

Und am nächsten Tag, als sie sich hungrig auf den Weg ins Sonnenstudio machte, um sich mit Laura zu treffen, hörte sie dank der Musik ihres MP3 Players nicht, wie Frau Seifert mit einer Freundin den Hausgang betrat, ihr nachschaute und meinte, das ist Hilde, meine Nachbarin,denen gehts wohl finanziell nicht so gut, muss sich öfters mal bei mir was zum Essen schnorren..sagt zwar immer sie hätte es vergessen zu kaufen..aber ich bin ja nicht blöd.. Schlimm, meinte die Freundin darauf, dass es in Deutschland doch noch arme Familien geben muss, und ging zur Seite, um den Paketzusteller platz zu machen, der immer zwei Stufen aufeinmal nehmend die Treppe herauf hetzte, im Arm ein Paket, auf dem die Schriftzüge eines großen Versandhauses zu lesen waren…

Christine Bouzrou 2007

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3 Gedanken zu „Geschichte des Tages: Christine Bouzrou – Eine „arme“ Familie-Oder, Jammern auf höchtstem Niveau

    1. Hallo Christine

      Eine Du hast es mit der Geschichte auf den Punkt gebracht .Es ist in jeder vierten der dritten Familie so.Auch wenn beide Eltern arbeiten reicht oft das Geld nicht.Weil man bei allem dabei sein muss

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