Gedicht des Tages: Olga Drocjuk – Der Honig

Der Honig

Die Luft dreht sich im Kreis,
Drei Worte leise flüsternd.
Ich habe nach dir gesucht und niemals zurückgeschaut.
Meine Stimme wie ein gärender Wein.
Rot, fließt sie in dich hinein,
Sie vermischt sich mit deinem Blut.
Lass uns den Mondstaub berühren.
Seine magische Glut mit unseren Sinnen verführen.
Mit unseren Lippen in den Sonnenaufgang eintauchen,
Damit er alle Fensterscheiben mit seinem Licht in dieser noch schlafenden Stadt mit einem Mal herausschlägt.
Die Nacht ist viel kürzer geworden
Und unsere Arme länger.
Ich nehme dich mit.
Der Zug eilt in unseren Sonnenaufgang,
Die Waggons wackeln,
Und der Wind graviert seine ewigen Zeichen nass auf ihre verschwitzten Fensterscheiben.
Nein, es sind nicht die Jahre, die uns trennen – es ist das ganze Leben, das hinter diesem Zug eilt,
Und sich mit jedem einzeln angefangenen Herzschlag beeilt, um uns nicht zu verpassen.
Es ist noch jung und zart, es sprudelt und lacht und lebt nach einem neuen Testament.
Und wir …?
Wir haben auf einmal unser altes vergessen.
Für was braucht man es?
Die Waggons wackeln, schaukeln uns federfein in ihre verrückte Höhe herein.
Hab keine Angst, mit mir in ihre Tiefe abzustürzen,
Die Taubheit unserer Fingerspitzen zu verspüren,
Das Salz auf unserem Honig.
Ich habe lange nach dir gesucht und niemals zurückgeschaut.
Wenn man von dem Ort wegfährt, wo man gerade gerne war,
Hat man immer das Gefühl, etwas sehr Wichtiges dort vergessen zu haben.
Dann möchte man raus und wieder dorthin zurück,
Wo man glücklich war und bescheuert verrückt,
Wo man das Salz auf dem Honig war,
Wo man sich selbst freilassen wollte und auch sollte,
Wo man sich alles zum ersten Mal erlaubt hatte, ohne Angst sich selbst zu verlieren,
Explodieren,
Vergessen zu existieren,
Ineinander de-to-nie-ren,
Mit all den herausgeflogenen Fensterscheiben in die Sehnsucht zu fliegen,
Schmecken das pure Beben,
Jenseits der Lippen voller Leben
Tausendmal immer und immer wieder …

Der Zug eilt sich.
Die Nacht still ihm hinterher.
Und nur er – der Honig auf unseren Lippen –
Spielt ein Duell mit dem Salz.
Immer wieder
Uns aus unseren Grenzen zu sprengen,
Nur drei Wörter leise flüsternd …

Kennst du sie …?

© Olga Drocjuk

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