Geschichte des Tages: Thomas Zöllner

Geschichte des Tages: Thomas Zöllner

 62 Jahre war er nun her, der Unfall der sein Leben verändert hatte.

Zeugen gab es keine mehr, alle tot.
Alle?
Dough war sich nicht ganz sicher und darum betrat er die Stätte seiner Qualen und seines größten Triumphs nach so langer Zeit erneut.
Dough wollte nicht hier sein, doch er hatte keine Wahl – das Konsortium hatte ihm keine Wahl gelassen.
„Wir brauchen dich“ gab der Sprecher unumwunden zu, „doch du brauchst auch uns.“ Es war unnötig das Offensichtliche zu erwähnen. Die Vorräte an „Essenz“ waren verbraucht und ihnen fehlten noch wichtige Details zur Destillation.
Nur hier in dem alten Karpatenschloss war die Antwort zu finden, wenn es überhaupt eine Antwort gab.
Dough betrat den Flur und die Schranken der Zeit verschwammen… dort an der Wand hingen noch immer die Gasmasken, die drei dicken Rohre, zwei für die Kühlung, eines zum Auffangen der Essenz.
Die Fenster geöffnet um den Verwesungsgeruch gescheiterter Experimente zu entfernen…
Entschlossen betrat er die enge Experimentalkammer.
„Hier muss ich fündig werden.“ dachte er, als sich mit einem dumpfen Geräusch die Tür hinter ihm schloss.
Das Brummen der alten Maschinen kannte er nur zu gut, was gerade einsetzte.
Panik kroch wie eine Natter in seinen Verstand als er erkannte, dass das Konsortium ihn gelinkt hatte.
Sie hatten die Maschine erneuert und er war ihr neustes Opfer.

Marie!
Sie stand plötzlich vor ihm, keine Sekunde gealtert seit dem Unfall vor 62 Jahren.
Sie hatten sie gesucht, ratlos wie sie aus der Kammer entkommen konnte. Tage-, nein, wochenlang war das gesamte Team mit der Suche nach Marie beauftragt.
Ergebnislos!
„Komm mit!“ sie lächelte, umgeben vom Dampf der Kühlung und der Essenzabsaugung. „Hatte das Konsortium tatsächlich die Risse in den Rohren nicht bemerkt und abgedichtet?“
Dough konnte es kaum glauben.
Er erkannte sie, ihre Essenz, alles was sie ausmachte und alles was er an ihr liebte
Das Lächeln schmerzte, er wusste nun das er Handlanger des Todes war und er wusste auch, das er nie wieder ….
…in sein altes Leben zurück konnte.
Mit Marie kamen die Erinnerungen zurück. Erinnerungen die er vergessen wollte trafen ihn nun wie eine Naturgewalt und rissen ihm den Boden unter den Füßen fort.
Ja, er liebte Marie aber diese Liebe war einseitig. Er war nichts anderes als ihr Peiniger, ihr Vergewaltiger und Folterknecht.
An dem Tag vor fast genau 62 Jahren sollte sie sterben.
Dough hatte sie persönlich auf die Liste gesetzt, wenn nur der dämliche Kommandeur nicht gewesen wäre.
Die Maschine lief an und Marie begann in der engen Kammer bereits damit sich aufzulösen als der Kommandeur wutschnaubend den Gang entlang stürmte.
„Was fällt ihnen ein!“ schrie er ihn an und machte Anstalten die Tür zu öffnen.
Ohne weiter nachzudenken griff Dough an seinen Gürtel und bekam den Klappspaten zu fassen. Mit einer weit ausholenden Bewegung schwang er ihn über seinen Kopf und traf erst das Absaugrohr. Als der Kommandeur sich umdrehte war es bereits zu spät, der Spaten spaltete fast seinen gesamten Schädel.
Doch Dough kümmerte es nicht. Mit dem Ärmel seiner Uniform wischte er die Blutspritzer auf der schmalen Sichtscheibe beiseite und sah gerade noch rechtzeitig Maries Essenz in der Absaugvorrichtung verschwinden.
Ein leises Zischen ließ ihn jedoch herum fahren. Dort wo eben noch der Klappspaten das Rohr getroffen hatte war ein feiner Riss entstanden. Ungläubig sah er den entweichenden Nebel an und traute seinen Augen nicht als er die Form von Marie annahm.
Von blankem Entsetzen gepackt ließ er den Spaten fallen und ergriff die Flucht.
Die Sirenen, welche einen Bomberangriff ankündigten hörte er schon gar nicht mehr. Auch der Warnschuß eines Wachpostens konnte ihn nicht aufhalten. In heilloser Panik flüchtete er aus dem Schloß.
Und jetzt nach all dieser Zeit war er wieder hier und ihm war klar, das er heute sterben würde.
Doch wie passte Marie in das Bild?
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, richtete sie das Wort an ihn. Hasserfüllt spie sie ihm entgegen.
„Du Tier! Hättest dich besser mal vergewissert ob du deinen Vorgesetzten auch wirklich getötet hattest.“
„Ich habe ihn mit meiner Essenz am Leben erhalten bis die Sanitäter kamen. Und nun werde ich mein Leben weiterführen in DIR, während du ins Nichts gehst.“
Mit diesen Worten sprang ihn Marie an, drang in Dough ein und stieß seine Essenz hinaus.
Die Maschine wurde abgestellt und der Kommandeur öffnete die Tür…
„Marie?“
„Ja Carl, es ist vorbei!“

(c) Thomas Zöllner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.