Rezension der Woche: Edith Schieck – Und das Gras war grüner…

Rezension der Woche: Edith Schieck – Und das Gras war grüner…

Die Autorin

Edith Schieck wurde 1943 geboren und wuchs in Thum/ Sachsen auf. 1984 übersiedelte sie
mit ihrer Familie in die BRD und lebt heute in Abensberg/ Bayern. Das Buch „Und das Gras war grüner…“
ist ihre erste Veröffentlichung. Zwei Kinderbücher folgten, ein drittes ist auf dem Wege.

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Das Buch

Am 2. Mai 1984 schliefen wir das letzte Mal in unserem Haus.“ In der Nacht verlassen sie in einem völlig überladenen Lada die DDR in Richtung Freiheit. Es ist ein Abschied für immer, von Haus, den Freunden, der Heimat.Übernächtigt und wie in Trance passieren sie schlussendlich die Grenze zu Österreich. Der Grenzer begrüßt sie mit den niederschmetternden Worten: „Na, Sie haben uns gerade noch gefehlt“, in der langen ersehnten Freiheit. Die Jubelschreie und der Ton des knallenden Korkens bleiben aus, Ernüchterung stellt sich ein. Eines wird aber für immer in Erinnerung bleiben: Das Gras war grüner.

Das Buch lädt mit seinen Geschichten, die den Weg bis zur Ausreise und den Neubeginn im freien Teil Deutschlands erzählen, auf ganz persönliche Weise zu einer Reise in die DDR-Vergangenheit ein, und ist für all diejenigen unverzichtbar, die wissen wollen, wie es wirklich jenseits der Mauer aussah.

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Die Rezension

Rezension von Sybille B. Ebelt:

Edith Schieck „Und das Gras war grüner: Leben in der DDR, Ausreise und Neubeginn – ein Zeitdokument“.– Weiden: Wendepunkt Verlag, 2012. – 267 S. ebook 6,10 €, Taschenbuch 16,80 €

Edith Schieck schildert in einem Kaleidoskop von mehr als 150 Jahren deutscher Geschichte Lebenswege ihrer Familie von den Urgroßeltern an: Vom sächsischen Tuchmacher Carl Robert Georgi, der beim Eisenbahnbau zu Vermögen kam, über den Großvater, der Maurerpolier und Bauunternehmer wurde und von ihrem Vater, ebenfalls Bauunternehmer und Architekt sowie den Lebensweg ihrer Mutter, einer geborenen Wienerin, die über Slowenien nach Krakau kam, dort den Vater kennen lernte und von ihm mit ihrem Baby vor den Kriegswirren in die sächsische Kleinstadt Thum geschickt wurde, wo der Vater vor dem Kriege ein Baugeschäft führte. Dabei versucht die Autorin

die persönlichen Schicksale jeweils in historische Linien und Ereignisse einzubinden. Sympathisch ist auch ihre Aufnahme von fast vergessenen Worten und Gewerken, die erklärt werden.

Edith Schiecks selbst erinnerte Geschichte beginnt in Thum während der Sowjetischen Besatzungszone. Bewegend sind die Zeitberichte aus diesen Jahren und das Ringen der Menschen, dem Hunger und der Not in allem zu widerstehen und auch nicht vergessen, die Pakete der Hilforganisation CARE.

Dem Leben in der DDR ist der Hauptteil des Buches gewidmet und dem hartnäckigen Versuch Edith Schiecks und ihrer Familie, das Land verlassen zu dürfen, was ihnen erst nach dem 14. Ausreise-Antrag gelang. Den Abschluss bildet die Ankunft und der Aufbau einer Kinderarztpraxis in der BRD.

Durch die akribische Recherche, die eigenen Erinnerungen und die Wiedergabe von Geschichten aus ihrem Umfeld hat Edith Schieck ein umfassendes Bild des Alltagslebens in der DDR geschaffen, das sich nahezu auf alle Bereiche des Lebens bezieht: wie Schule und Grenzen der höheren Schulbildung, Pioniere, FDJ und Kirche, Uranabbau der Wismut-AG und Arbeitsleben in der Poliklinik, Mangel und Versorgung, West-Musik und West-Fernsehen, Leben ohne Telefon oder mit Doppelanschluss, das lange Warten auf ein Auto, bis zu Urlaubsreisen in der DDR und nach Ungarn. Die Details reichen bis zu Einzelpreisen, wie dem der Frauenstrumpfhose, die 14 DDR-Mark kostete, die gleiche (weil in einer DDR-Firma hergestellt) im westdeutschen Supermarkt 1 DM.

Für mich gehört das Buch Edith Schiecks – dank seiner aus meinen Erinnerungen bestätigten Details und Grenzen des Lebens – zu den wahrhaftigsten Büchern, die über die DDR erschienen sind. Trotz des zahlreichen dokumentarischen Materials, das durch Fotos und Kopien ergänzt wird, gelingt es der Autorin auch, viel Emotionalität zu erzeugen, in dem sie Erlebnisse und Schicksale aus dem wahren Leben schildert, aus dem eigenen, dem von Freunden oder dem von zufälligen Begegnungen.

In dem Teil nach der Ausreise haben mich besonders die überraschende Hilfsbereitschaft von Freunden und Fremden im Westen Deutschlands beeindruckt sowie Edith Schiecks Erinnerungen an

Besuche im ehemaligen DDR-Frauengefängnis Hoheneck, an eine politische Gefangene und eine Wärterin. Letztere  war ebenfalls im Westen angekommen.

Das Buch ist sowohl Lesern aus den alten Bundesländern zu empfehlen, die wenig über die DDR wissen, als auch jenen, die durch Verwandte schon damals dem Thema verbunden waren. Doch ebenso interessant ist es für die Menschen, die die DDR selbst erlebten und sei es nur zur Auffrischung vieler Details des Mangels und Unrechts im Alltag.

Doch vor allem ist das Buch eine Fundgrube an historischen Fakten und authentischen Zeitgeschichten für die nachfolgenden Generationen und für Lehrer, die das Thema „DDR und deutsche Teilung“ im Unterricht vermitteln wollen.“


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