Geschichte des Tages: Neal Skye – Norbert und Kerstin Teil 2

Geschichte des Tages: Neal Skye – Norbert und Kerstin Teil 2

04.04.2019

Neil Skye ist einer der 20 AutorInnen, die ihre  Autorentantiemen aus unserer Anthologie „Spannung, Abenteuer & Liebe“ komplett für den guten Zweck zur Verfügung gestellt haben.

Denn – alle Autoren Tantiemen aus diesem Werk , das wir mit dem Telegonos Verlag veröffentlicht haben, gehen an die Hospizbewegung Peine e.V. Die ehrenamtlich Mitarbeitenden dieses ambulanten Hospizdienstes begleiten schwerstkranke und sterbende Menschen und deren Angehörige, sowie Familien in denen Kinder und Jugendliche eine lebens-begrenzende Diagnose erfahren haben.

Also jetzt ganz viel Lesespass mit der Kurzgeschichte von Neal Skye, die man in unserer Anthologie „Spannung Abenteuer & Liebe“ wiederfindet.

Homepage Neal Skye


Norbert und Kertin – Teil 2

Doch dann, nach zweieinhalb elend langen Jahren, fand Norbert die perfekte Gelegenheit: Die Kohlfahrt nach ihrer bestandenen Prüfung. Es ging das Gerücht herum, dass sie einen Platz in der Importabteilung einnehmen würde. In unzähligen Gesprächen erläuterte mir Norbert, dass das immer noch keine gute Idee sei. Sie würde dann zwar in einer anderen Abteilung arbeiten, aber ja schließlich immer noch in derselben Firma.
»Wenn wir uns irgendwann trennen«, erklärte er mir mal, »und wir uns danach täglich auf dem Flur begegnen – ich weiß nicht, ob ich damit klarkommen könnte. Und was ist, wenn die Firma pleitegeht? Dann sind wir beide unseren Job los! Und stell dir dann vor, wir wären bereits zusammengezogen. Wir würden beide gleichzeitig obdachlos werden!«
»Die Frau weiß nicht mal, dass du für sie etwas empfindest!« Fassungslos sah ich ihn an, als er über all die Probleme referierte, die seine imaginäre Beziehung mit sich führte.
»Ich glaube, genau das ist das Problem«, antwortete er. »Ich habe sie letztens in der Küche getroffen und ich musste wegschauen, als sie mich angesehen hat. Ich befürchte, sie weiß Bescheid. Sie hat noch irgendwas gesagt, was ich in der Aufregung nicht verstanden habe. Und kurz danach haben wir uns wiedergetroffen und sie hat so leicht gegrinst.«
»Sie hat dich angelächelt?« Worauf zum Geier wartet er, dachte ich.
»Nein, mehr so ein Gefälligkeitslächeln. Und ihr Blick war eindeutig. Ich bin sicher, sie weiß Bescheid.«
»Sie weiß Bescheid und lächelt dich an.« Das mit den Frauen war immer so einfach, wenn es um Norberts Frauenprobleme ging.
Und dann kam der Hammer: Kerstin hatte kurzfristig einen Studienplatz in Berlin gefunden. Ich sag es ungern, aber wir haben dann tatsächlich für viel Geld Karten für das Pokalendspiel gegen Dortmund gekauft, um einen Grund zu haben, nach Berlin zu fahren.
Natürlich haben wir sie nicht getroffen. Die Rückreise nach Bremen war die traurigste von allen Rückreisen. Er hatte seine Angebetete nicht getroffen – und das trotz des totsicheren Tipps, in welchem Irish Pub sie fast jeden Freitag anzutreffen war – und ich war traurig, weil Werder verloren hatte. Hätten wir uns gegenseitig getröstet, hätten wir uns wohl gesagt: »War doch klar. Wenn du ehrlich bist, war nichts anderes zu erwarten.«
Nichts zu sagen, war das Beste, was uns einfiel und das zogen wir gnadenlos durch. Über dieses Wochenende zu reden, war über Monate hinweg ein echtes Tabuthema.
Irgendwann kam ich dann auf die Idee, einen Kochkurs zu belegen. Ich dachte, die Chancen stünden gut, dort eine nette Frau kennenzulernen. Ich kannte kaum Männer, die gerne kochten, also hoffte ich auf Frauenüberschuss. Letztlich war es auch so: In dem Kurs kochten kaum Männer, die ernsthaftes Interesse am Kochen selbst hatten, aber viele, die den Kurs in der Hoffnung auf Frauenüberschuss belegt hatten. Zwei Frauen waren in dem Kurs, eine davon, verheiratet, war die Kursleiterin.
Trotzdem hielt Norbert das für eine gute Idee, über sein gebrochenes Herz hinwegzukommen und kritisierte mich – zurecht – aufgrund der Kursauswahl.
»Anfängerkurs?«, lachte er, »Anfängerfehler!« Er schüttelte den Kopf. »Welche Frau belegt denn einen Anfängerkurs?«
Mein bester Freund, dessen erster Gang bei jedem Fußballspiel stets einer Würstchenbude galt, belegte den Kurs ‚Vegetarisch Kochen‘.
Und dann der nächste Hammer: Wer war wieder in Bremen und interessierte sich für gesunde Küche? Ja, genau: Kerstin Waldow. Am allerletzten Tag – Norbert wäre beinahe nicht gekommen, weil er eigentlich krankgeschrieben war – sprang er nun endlich über seinen Schatten und fragte Kerstin, ob sie nach dem Kurs mal etwas zusammen kochen wollten. Und Kerstin wollte. Der Rest ist Geschichte. Wenn die Liebe jemals durch den Magen ging, dann bei den beiden.
Ich war ehrlich, ganz ehrlich erleichtert. Endlich keine langen Diskussionen mehr über Frauen im Allgemeinen und Kerstin im Besonderen. Ich lag so dermaßen daneben …
»Ich komme da nicht mehr mit«, beklagte sich Norbert eines Tages. »Da wollte sie am Wochenende unbedingt mit mir zusammenziehen. Also erstellte ich mal eine Liste mit den Kosten, die dann auf uns zukämen. Da mault sie mich an, dass das doch alles viel zu früh sei. Am Montag rief sie mich dann wieder aufgeregt auf der Arbeit an und fragte mich, ob sie mich abholen kann – sie hätte da in der Zeitung die perfekte Wohnung gefunden.«
Dann sah er mich an, als könne ich ihm erklären, was in solchen Momenten in Kerstins Kopf vorging.
»Wechseljahre?«, spottete ich.
»Ach komm schon, sie ist noch nicht mal dreißig!«
Die Tatsache, dass er bitterernst auf meinen Spaß geantwortet hatte, verdeutlichte mir den Grad seiner Verzweiflung.
Noch schlimmer wurde es dann, als die beiden schließlich zusammenzogen!
»Die sieht jeden Krümel auf dem Boden!«, maulte er. »Klar, sie ist ja auch viel kleiner als ich!«
Diese Theorie habe ich im Übrigen mal aufgenommen und war tatsächlich mal mit einer Frau zusammen, die größer war als ich. Kurz, weil sie der lebendige Beweis dafür war, dass es nicht an der Größe liegt. Auch sie sah jeden Krümel, jeden Fleck – nur da war das Dumme, dass sie dann immer sagte: »Mach du mal weg, du bist näher dran«.
Es gab tatsächlich einige Tiefen in der Beziehung von Norbert und Kerstin, aber nur, um Schwung für neues Glück zu holen oder Grund für Versöhnungs…sekt zu haben.
Liebe Kerstin, lieber Norbert – fünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Justin Bieber oder Joshua Kimmich waren noch gar nicht auf der Welt, König der Löwen oder F.R.I.E.N.D.S hatte noch niemand gesehen und bei Werder Bremen stand Rune Bratseth noch auf dem Platz, Mario Basler war der Topeinkauf für die neue Saison und Klaus Allofs beendete seine Karriere als Spieler. Ihr beide beendeten eure Karrieren als Singles. Ich erhebe mein Glas auf fünfundzwanzig Jahre Norbert und Kerstin.
Norbert, denke bitte an meine fünfhundert Euro für all das, was ich heute nicht erzählt habe.

© 2019 Neal Skye 


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