Geschichte des Tages: Olga Drocjuk – Abrakadabra

Geschichte des Tages: Olga Drocjuk – Abrakadabra

30.04.2019

Abrakadabra

Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit und Eifersucht – die vier Wesen saßen unter einem Baum und redeten miteinander.

„Die Welt ist so ungerecht!“, sagte die Gerechtigkeit. „Ich platze bald vor Zorn!“

Die Weisheit reckte die Arme zum Himmel, als wollte sie das elfte Gebot in Empfang nehmen, und sprach: „Lass die Dinge geschehen. Jedes einzelne braucht seine Zeit.“

„Ach!“, erhob die Liebe ihre wunderschönen blauen Augen zu demselben Himmel. „All diesen Dinge sind so herrlich und so wunderbar, wie die Liebe selbst! Wir müssen Treue lernen, vernünftig sein. Wir müssen Licht in die Welt bringen.“

Die magere Eifersucht atmete hörbar ein, musterte die Liebe kalt mit ihren stahlgrauen Augen. „Und wer sagt dir ‚Danke‘ dafür? Wenn die Liebe fremdgeht, dann ist sie auch nur ein Ding. Man darf niemandem trauen.“

„Die Liebe ist niemals ein Ding“, lachte die Liebe silbern. „Ihre Kraft liegt im Verzeihen.“

„Und in der Gerechtigkeit der bitteren Tränen“, fügte die Gerechtigkeit hin zu.

„Wenn du einmal betrogen wirst, kannst du nie mehr verzeihen“, war die Eifersucht dran.

„Du bist einfach eifersüchtig, weil dich niemand liebt.“ Unverzüglich spannte sich gleich die Liebe an. „Dich braucht niemand. Du bist wie eine grüne Lüge.“

Dunkle Wolken sammelten sich über dem Baum. Ein Feuerstoß flog nach oben, als bereitete sich die Gerechtigkeit für den Krieg vor. „Jeder ist was wert! Ich werde für jeden kämpfen!“

„Ich stimme dir zu!“, kochte die Weisheit dramatisch hoch.

Von diesem Streit wachte ein alter Zauberer auf, der einen zweitausend Jahre langen Schlaf gehalten hatte. Zornig kroch er aus seiner Höhle hervor, packte mit der linken Hand die Liebe und die Eifersucht, mit der rechten Weisheit und Gerechtigkeit, steckte sie alle in einen Tontopf, schüttete Wasser dazu, eine Prise Barmherzigkeit und Bitterkeit, ein paar Tropfen Wahrheit und Tapferkeit, suchte in seinen Taschen nach den Träumen, riss vom Himmel einen Stern heraus, dann noch ein wenig Vergangenheit und viel Zukunft, den Humor hat er nicht vergessen, und zündete ein Feuer an.

„Als Einzelnde seid ihr alle stark, um Kriege zu führen“, sagte er. „Mal schauen, was entsteht wenn ich euch zusammenmische.“

Das Feuer unter dem Topf knisterte, und der unglaubliche Inhalt fing an zu kochen. Schwarze Wolken sammelten sich bedrohlich ganz hoch oben im Himmel, Blitze schlugen ein, Donner rumorten. Dicker Rauch stieg aus dem Topf empor, gefolgt von einem Regenbogen, bunten Pailletten mit ihren kopfverdrehenden Pirouetten. Prächtige Schmetterlinge flatterten heraus, setzten sich auf seine Nase. Aus der dunklen Wolke fielen steinschwer die bitteren Tränen, kullerten schmerzhaft zu Boden. Blumen wuchsen daraus. Verbreiteten ihren herrlichen Duft. Erneut schlug ein heftiger Blitz im Boden ein. Tausende, Millionen glitzernder Seifenblasen flogen silbern lächelnd in die Luft. Die Schwerkraft flehte die Fliehkraft an.

Auf einmal kollabierte die Gegend durch eine unbarmherzige Feuerwelle. Die Träume knisterten. Die Flüsse änderten ihren Lauf. Selbst die Steine erhoben sich, um zu sehen, was geschah.

Ein erneuter Blitzschlag. Der Tontopf erhielt einen Riss.

Der Zauberer faltete seine Hände vor der Brust und betete. Was für ein Abrakadabra kommt gleich heraus? Was hat er gezaubert? Neugierig wartete er. Atmete kaum.

Ein letztes Hagelkorn fiel zu Boden. Ein letzter Schmetterling flog in die Luft. Eine letzte Seifenblase zerplatzte.

Der Tontopf zerbrach in zwei Hälften, und aus seiner Mitte trat die Frau heraus …

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