Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Ausgenutzt

Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Ausgenutzt

22.05.2019

Ausgenutzt

Jack Carter schob den Laptop zur Seite. Die Zahlung von 1,5 Millionen Euro war auf seinem Konto eingegangen, nun musste er liefern. Er stand auf, zog den Reißverschluss der langen Segeltuchtasche, die auf dem Bett stand, auf und nahm das Präzisionsgewehr heraus. Prüfend hob er es an die Schulter. Er liebte diese Waffe fast so sehr wie seine Frau, die nebenan unter der Dusche stand.
Mit wenigen Schritten durchquerte er das Hotelzimmer, stellte sich neben das Fenster und schaute hinaus. Menschen strömten über den großen Platz vor dem gegenüberliegenden Rathaus. Carter hob das Gewehr erneut und nahm den Eingang ins Visier. Die Zielperson würde keine Chance haben. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er nur noch 5 Minuten warten musste, bis der Minister das Rathaus verließ.
Gerade fuhr die schwarze, gepanzerte Dienstlimousine vor. Deutlich erkannte er durch das Visier den Chauffeur, der die Scheibe herunterfuhr und mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte.
»Du denkst, du musst Überstunden machen? Keine Sorge, warte nur noch fünf Minuten, dann sorge ich dafür, dass du pünktlich zu Frau und Kindern kommst«“, murmelte Carter und grinste.
Die Tür hinter ihm klappte zu und Carters Frau stand, nur ein Badetuch um die Hüften geschlungen, mit nassen Haaren im Zimmer. Der Anblick ließ Carter fast seine Aufgabe vergessen. Er hatte plötzlich unheimlich Lust auf sie. Doch entschlossen riss er sich von dem Anblick los.
»Beeil dich und zieh dich an. Sobald die Sache erledigt ist, müssen wir sofort verschwinden.« erinnerte er sie.
Achtlos warf Nancy Carter das Handtuch zur Seite und griff nach ihrer Kleidung, die sie über einen Sessel drapiert hatte.
Jack bekam das nicht mit. Er starrte durch das Zielfernrohr und wartete auf die Zielperson. Hinter ihm raschelten Nancys Klamotten, als sie sie anzog, und er hörte, wie sie den Reißverschluss zuzog.
Aus dem Eingang des Rathauses strömten jetzt Menschen, die Sitzung war zu Ende. Jack wusste jedoch von seinem Auftraggeber, dass der Minister aus Sicherheitsgründen immer etwas wartete und als letzter das Rathaus verlassen würde.
Seine Schultern spannten sich, als er erneut durch das Visier schaute. Da, eine Bewegung im Eingangsbereich!
Jack hob das Gewehr etwas an und blickte genau in das Gesicht des Ministers. Sofort drückte er ab!
Einmal, zweimal, dreimal kurz hintereinander betätigte er den Abzug und setzte das Gewehr ab. Mit einem Blick aus dem Fenster stellte er fest, dass er getroffen hatte. Quer über die Rathaustreppe lag die ausgestreckte Gestalt des Ministers. Menschen schrien auf und stoben in alle Richtungen auseinander.
»Jack, hast du ihn erwischt?« klang hinter ihm honigsüß die Stimme seiner Frau.
Jack nickte nur. Noch pumpte das Adrenalin in seinen Adern. Er war ein wenig atemlos.
»Fein, mein Liebling. Ich habe etwas zur Belohnung für dich.«
Er drehte sich um und zuckte zusammen. Nancy hielt eine Pistole mit Schalldämpfer auf ihn gerichtet.
»Jack«, hauchte sie, »du bist ein Schwein im Bett und ansonsten beachtest du mich überhaupt nicht. Ich habe Kerle wie dich immer gehasst. Aber ich bin dir sehr dankbar, dass du mich zur Killerin ausgebildet hast. Ach ja, bevor ich es vergesse – danke für die Kontovollmacht. Von dem Geld werde ich mir mit ein paar netten Kerlen ein schönes Leben in der Karibik finanzieren. Bye, Honey …«
Ohne dass die Waffe ruckte, entleerte sie das komplette Magazin in ihren Mann.
Als die Polizei später das Hotelzimmer fand und betrat, war Nancy Carter längst im Taxi unterwegs zum Flughafen.

© 2019 Uwe Tiedje

 

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