Autorin der Woche KW 34: Olga Drocjuk

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Die Aufgabe für die 5 Autoren war, aus diesen 5 Wörtern eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben – Apfelmus, Plattfuß, Wasserkocher, Gardinenstange, Schiefer

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Autorin der Woche KW 34: Olga Drocjuk

David fuhr die gute alte Route 66 in die Richtung Arizona. Die sechs Zylinder des M923 General Cargo, des alten, aber noch gut erhaltenden und zum Teil umgebauten Trucks, arbeiteten wie der Schweizer Uhrwerk. Der massive Sonnenuntergang rechts von ihm folgte ihm wie eine rote Perle auf einer langen Schnur auf der Gardinenstange, die langsam tiefer und tiefer in das Meer aus Jahrmillionen alten goldroten Tafelbergen, die aus der kargen Wüste in die Ebene emporragten, eintauchte. Der Anblick war irre ruhig, beinah still.

300 Meilen lagen bereits hinter ihm.

Losgelassen vom urbanen Wandel der monotonen Kilometer fing sein Kopf an zu kippen. Seine Augen fielen zu, auf den Innenfläche seiner Lider sah er einen Glutball tanzen, eine grelle Feuerlilie, die in einer geisterhaft lautlosen Detonation aufging und spiralwellend, treibend, sie alle ergriff und zu Asche verbrannte. Ein Bündel aus lauten Kommandos, Hilferufe, Wörterfetzen – Gott, Mama, Explosionen, schoss auf ihn zu. Er streckte seine Hand aus, versuchte das Gesicht, das so intensiv und irgendwie zäh, „Lebe David, lebe!“ zu ihm rief, zu berühren.

Der Truck schlenderte, kam von der Spur ab. Der rote Schott schlug unter den Reifen. Der große Mann fuhr hoch, trat auf die Bremse. Die Gegend blieb mit einem Ruck stehen.

David rieb sich die Augen. Atmete.

In 30 Sekunden wäre der Autopilot angeschaltet und die Steuerung übernommen worden. Aber David mochte dieses moderne0 Steuermodul nicht, das auf jede Abtastung menschlicher Stimme und Körperwärme programmiert wurde, und fuhr den Transporter wie in alten guten Zeiten. Selbst.

„Alles in Ordnung, David? Möchtest du, dass ich dem Truck weiter fahre?“, fragte der Manipulator mit einer sehr angenehmer weiblichen Stimme.

„Danke, Siri. Eine kurze Pause. Dann fahre ich weiter“, antwortete der junge Mann. Er mochte diese Siri. Sie begleitete ihn schon seit acht Jahren. Es gab verschiede Variationen einer digitalen Helferin, die zum absolut personalisierten Teil des menschlichen Lebens wurden, aber er blieb bei ihr. „Bericht“, bat er mit einer weichen Stimme. Siri war eine Frau. Eine digitale Frau. Und er war ein Gentleman mit sehr guten Manieren.

„Du hast vergessen den Wasserkocher auszuschalten.“

„Siri! Das Wesentliche.“

„Dein Tank ist leer. Ich habe eine zusätzliche Solarpanelle aktiviert, Plattfuß.“

„Danke. Noch etwas was ich wissen muss?“

„Die Steuerdüse muss bald gewechselt werden. Das erschwert die Navigation.“

„Dafür habe ich doch dich, Siri. Du navigierst.“

„Du redest fast kaum mit mir, wenn du fährst, Apfelmus.“

„Wer hat dir schimpfen beigebracht? Bist du jetzt beleidigt?“

„Ein bisschen.“

„Siri! Flirtest du mit mir?“

„Hätte ich gerne, David. Aber du liebst eine andere.“

„Danke Siri. Stillmodus.“

Er lehnte sich in den weichen Sitz zurück. Die Rast- oder Ruhepause durfte er sich nicht erlauben. Aber er brauchte sie. Zum Nachdenken.

Er öffnete das Handschuhfach und holte ein Bild heraus. Schaltete manuell die Beleuchtung über ihn an. Konzentrierte sich auf das Bild. Eine hübsche junge Brünette in einem Sommerkleid in Umarmungen eines glücklich lächelnden Mannes. Seinen. Er war der Mann auf dem Bild. Und die Frau hieß damals Alex. Er drehte das Bild um. Jahr 2017. Neun Jahre her. Im Jahr 2020 hieß sie London und hat ihm in Afghanistan das Leben gerettet. Fast drei Tage schleppte sie ihn durch die Wüste bis zum amerikanischen Lager her. Drei Tage hörte er ihren weichen russischen Akzent flüsternd: „Versuche mir bloß nicht zu sterben, David!“. Heute hat er sie wieder gesehen.

David atmete ruhig. Sein innerer Blick berührte die Erinnerung, die nicht mal drei Stunden alt war. Sie war schmal geworden. Mit den zum Pferdeschwanz zurückgebundenen braunen Haaren wirkte sie viel junger als ihre 38. Irgendwie rein und verletzlich. In ihren Augen bemerkte er Schmerz. Vielleicht weil sie viel vom Schmerz gesehen hatte? Aber sie sah gut aus. Das weiße T-Shirt und dunkelblauen Jeans standen ihr ausgezeichnet. Sie sah immer gut aus.

Er legte das Foto wieder in das Handschuhfach und startete den Sechszylinder an.

„Schiefer“, meldete erneut sich Siri.

„Was ist damit?“

„In 220 km liegt ein großes Stück Schiefer auf der Bahn. Sieht nach einer künstlichen Barrikade aus. Passe auf dich auf, David.“

„Danke.“

(c) Olga Drocjuk

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