Leseprobe

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Hinter den Kulissen –

Wenn Worte zu Geschichten werden

Eine Anthologie der Facebook-Gruppe Autoren_Netzwerk

Impressum
1. Auflage – 2015
www.autorenimnetzwerk.com
Text: ©2015 Autoren der FB-Gruppe Autoren_Netzwerk
Lektorat: Claudia Wieland, Johanna Nagl, Bernd Daschek, Ka&Jott, Rudolf Egger, Rebekka Weber, Sylvia Rau, Mara Winter
Layout, Überarbeitung: ©Medusa Mabuse
Covergestaltung: ©Autoren_Netzwerk

Alle Rechte bleiben bei den Autoren. Kopie und Weitergabe sind ausdrücklich untersagt

Herausgeber:
Medusa Mabuse, c/o Papyrus Autoren-Club, R.O.M. Logicware GmbH, Pettenkoferstr. 16-18, 10247 Berlin

Es war ein ganz normaler Tag in der Facebook-Gruppe Autoren_Netzwerk. Diskussionen über Schreibblockaden, korrekte Grammatik und Marketingstrategien standen auf der Tagesordnung. Dann war plötzlich die Rede von einer gemeinsamen Anthologie. Schnell wurde klar, dass es hierbei nicht nur um heiße Luft ging, sondern alle außerordentliches Interesse zeigten. Zahlreiche SchriftstellerInnen beteiligten sich an der Erstellung eines Konzeptes und somit war der Startschuss für die Autoren_Netzwerk-Anthologie gegeben.
Wir einigten uns darauf, den Gesamterlös einem wohltätigen Zweck zukommen zu lassen – der Stiftung ‚Brot und Bücher‘ von Tanja und Werner Kinkel.
Unser Dank gilt allen Beteiligten, AutorInnen, LektorInnen, CoverdesignerInnen, für ihren unermüdlichen und freiwilligen Einsatz, um diese Anthologie möglich zu machen.

Bernd Daschek: Kann man …?
Gibt es eigentlich im Internet die Möglichkeit sich hochzuschlafen? Braucht man dafür eine bestimmte Hardware? Ich bin ja nun weder ein Kostverächter, noch mangelt es mir an Experimentierfreude, deshalb würde ich das glatt mal ausprobieren.
Blödsinn? Doch, das muss es geben! Denn, nur mit orgiastischer Verblendung lassen sich so einige Veröffentlichungen oder gar Wettbewerbssiegertitel erklären, die das Niveau meiner Poesiealbum-Einträge aus der zweiten Klasse unterbieten, für die ich mich aber in der dritten bereits schämte und um Abbitte bettelte.
»Böser Junge!«, sagt das kleine weiße Engelchen auf meiner rechten Schulter. »Das ist ein Tabubruch! Wir sind doch alle nett zueinander, gerade im Netz. Da, schau! MS aus SM schreibt: Glückwunsch! Ich freue mich ja so für dich! Wieder eine ganz, ganz tolle Geschichte. So geht das, du böser Junge! Du bist ja nur eifersüchtig, dass sie deine Geschichte nicht genommen haben!«
Ich lese dem Engelchen die Siegergeschichte vor. Es springt von meiner Schulter und schafft es gerade noch zur Kloschüssel. In Zukunft will sich mein schlechtes Gewissen wieder darauf beschränken, mich zu fragen, warum meine Frau zu Hause nie eine zweite Tasse Kaffee will.
Wobei Engelchen natürlich auch Recht hat. Ich schreibe tolle Geschichten, die alle veröffentlicht werden müssten. Als Autor sollte man diese Meinung von seinen Erzeugnissen schon haben oder besser die Finger von der Tastatur lassen. Trotzdem kann ich genauso die vielen guten Arbeiten von Schreibgenossen würdigen und mich an deren Geschichten laben. Schauen wir uns den Wettbewerb an, dessen Siegertitel Engelchen zum Würgen brachte. Platz zwei hätte beim Vorlesen eine Reizwiederholung verursacht. Dann Platz drei! Boah, super Erzählstil, klasse verarbeiteter Handlungsstrang, einfach ein Lesegenuss! Also, komplett mit Blindheit kann die Jury nicht geschlagen gewesen sein.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, mag mancher einwenden. Stimmt, jedoch ist es für den Liebhaber einer haute cuisine recht ungewöhnlich, gleichzeitig die Lieblingsspeise von Fliegen zu mögen. Ich sag es offen, die Beiträge von Platz eins und zwei sind Scheiße! Wie die nun aufs Dach kommt, fragt ja bereits der Volksmund.
Mein Verdacht ist halt: hochgeschlafen!
Ein Karriereinstrument, das seit Beginn der Kunstgattung Film in dieser beheimatet ist. Wer kennt die Geschichten nicht, in denen Produzentinnen, Regisseurinnen oder Studio-Bossinnen (geiles Wort!) ihren Mimen wegen einer erfüllten Nacht die Rolle seines Lebens verschafft haben. Hups, so lange können männliche Schauspieler diese Erfolgsleiter noch gar nicht benutzen. War ja vorher eine weibliche Domäne. Wurde Zeit, dass diese sexistische Diskriminierung ein Ende gefunden hat, und Frauen auch ihre Macht missbrauchen dürfen, selbst wenn sie nicht Kleopatra oder Katharina die Große heißen.
Ja, schon gut, Engelchen! Ich weiß, böser Junge! Aber trifft mich doch gar nicht. Ich bin bi! Also, liebe Verleger und Juroren, keine Scheu! Unserem Internetintermezzo steht nichts im Wege.
Braucht man dafür nun eine spezielle Hardware?

Jana Oltersdorff: Die letzte Reise
Die Welt liegt im Sterben und lässt mich dabei zusehen. Sie veranstaltet ein gewaltiges Spektakel, bietet alles auf, was sie hat, als wolle sie mich beeindrucken. Mich, ihren einzigen Zuschauer. Ich bin der letzte Mensch auf Erden.
Man hatte mir vor meiner Reise nicht viel darüber verraten, wie es am Ende der Welt aussieht. Was hätten sie mir auch erzählen sollen? Exakte Berechnungen anstellen ist das eine, aber etwas völlig anderes zu sehen, zu fühlen, wie es wirklich ist.
Direkt nach meiner Ankunft war ich so geschockt, dass ich mehrere Male in Ohnmacht fiel. Eine Beule am Kopf und ein verblasstes blaues Auge zeugen davon. Niemand kann etwas dafür, dass es so endet. Ich wusste das ja schon: Dass die Welt eines Tages untergehen wird. Nur ist es trotzdem schwer zu ertragen, wenn man zum ersten Mal so unmittelbar damit konfrontiert wird. Mittlerweile kann ich aus dem Fenster meiner Kapsel blicken, ohne die Fassung zu verlieren.
Als ich mich für den Trip in die ultimative Hölle entschied, hatte ich keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Das ist mir jetzt klar. Obwohl ich nicht der erste Zeitreisende bin, hat es bisher keinen Augenzeugenbericht gegeben, nur die Bestätigung von Final Trip Inc., dass ihre Berechnungen stimmten und sie alle Reisenden stets wohlbehalten und in einem Stück an ihrem Ziel abgegeben hätten. Nie kam einer zurück. Sie hatten alle die Wahl: Bleiben und sterben oder heimkehren und trotzdem sterben.
Ich befinde mich im Auge eines gigantischen Sturms und wandere mit ihm um die Erde. Dieser Sturm war schon da, als ich ankam, und wird sich bis zum Ende halten. Oft zucken Blitze durch die kilometerhohen Wolkenwände, die sich in einem perfekten Kreis um mich drehen, und lassen sie in atemberaubender Schönheit aufleuchten. Die Luft steht unter Spannung und ist erfüllt von stetem Donnergrollen.

Es ist laut am Ende der Welt, ohrenbetäubend laut. Aber ich bin hier drinnen in Sicherheit. Meine Kapsel hält das alles bestens aus. Sie reduziert den Lärm der Apokalypse auf ein erträgliches Maß. Sie ist eine perfekte Kugel mit dicken Wänden und winzigen Fenstern aus stabilem Glas. Eine Steuerkonsole regelt alles automatisch. Es gibt sonst nicht viel zu tun. Nur warten, schlafen, aus dem Fenster schauen und die Monitore beobachten.
Ich habe genug Lebensmittel, Treibstoff und Sauerstoff, um es hier noch gut drei Monate auszuhalten. Ich hoffe aber, dass es keine drei Monate mehr sind. Noch geht es mir einigermaßen gut. Doch was, wenn die Wirkung meiner Medikamente nachlässt? Oder wenn sich ganz andere Probleme auftun, mit denen ich gar nicht gerechnet habe?
Okay. Ich bin hergekommen, um zu sterben, aber bitteschön nicht an Hunger oder Durst oder meiner verdammten Krankheit. Wenn es soweit ist, soll es die Erde selbst sein, die mich in ihren brennenden Schoß aufnimmt.

Dafür, dass ich einst sogar Angst davor hatte, in ein Flugzeug zu steigen, blieb ich bemerkenswert gelassen, als ich meine Reise antrat. Meine Familie hatte sich mit meinem Entschluss abgefunden – mehr oder weniger. Sarah hatte gerötete Augen, ihr Kinn bebte, weil sie sich so zusammenriss. Sie wollte es bis zum Schluss nicht akzeptieren, dass ich sie verließ. Christian und Matthias hatten Fotos meiner Enkelkinder mitgebracht, aber nur die Fotos. Die Kinder waren nicht da gewesen. Sie hätten es nicht verstanden, so klein, wie sie sind.
Großvater verlässt euch jetzt und wird nicht mehr wiederkommen.
Ich hoffe, sie denken nicht, ich würde sie nicht mehr lieben, denn das Gegenteil ist der Fall: Ich liebe sie aus tiefstem Herzen.
Die Fotos kleben an der Wand in meiner Schlafkoje, wo sie mich in meine unruhigen Träume begleiten. Ich schlafe schon lange nicht mehr gut.
Auf einem Bild stehen Sarah und ich barfuß, mit Blumenketten geschmückt und glückselig lächelnd am Strand von Hawaii, wo wir zum zweiten Mal geheiratet hatten. Damals war ich bereits krank, doch es ging mir noch gut, und wir hielten an der Hoffnung fest, dass sich alle Probleme mithilfe der Wissenschaft und genügend Geld lösen ließen. Auf einem weiteren Foto ist Sarah allein zu sehen. Sie sitzt auf einer weißen Bank inmitten eines gepflegten Gartens voller blühender Rosenbüsche. Sie sieht nicht in die Kamera. Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, entrückt und … traurig. Als das Foto von ihr entstand, war sie oft traurig. Es war im Garten der Klinik gemacht worden, in der ich die letzten Monate meines Lebens verbrachte.

Es ist zum Verzweifeln. Da haben wir endlich Wege gefunden, saubere Energie zu gewinnen. Wir fliegen zum Mond und besiedeln den Mars. Doch eine Geißel plagt uns nach wie vor, ohne dass eine Lösung in Sicht ist: Der Krebs geht immer noch als Sieger aus den meisten Kämpfen hervor. Wir können seine Symptome bekämpfen, wir operieren, therapieren, zögern hinaus. Aber heilen? Das können wir nicht!
Mich hat eine dieser ganz hinterhältigen Varianten erwischt, ein Tumor, der hinter meinem linken Auge sitzt und mir langsam, aber sicher den Sehnerv zerstört. Der Mistkerl ist inoperabel und wächst einfach weiter. Ohne meine Spezialbrille mit digitalisierter Übertragung der visuellen Reize in mein Gehirn wäre ich blinder als ein Maulwurf. Gestern nahm ich meine Brille ab, um mir die Augen zu reiben. Genau in dem Moment wurde meine Kapsel kräftig durchgerüttelt, und ich verlor die Brille und suchte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich sie endlich wieder fand. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie unauffindbar oder kaputt gewesen wäre.
Noch komme ich klar. Ich habe keine Schmerzen und Schwindelanfälle mehr, seit ich mich mit diesen neumodischen Medikamenten vollpumpen ließ. Sie werden unter die Haut gespritzt, wo sie ihre Wirkstoffe gleichmäßig an den Körper abgeben, bis die Wirkung nach etwa einem halben Jahr nachlässt und ich die Prozedur wiederholen muss. Aber darum brauche ich mir wohl keine Gedanken zu machen.

Nicht nur ich befinde mich in einer Kapsel, auch meine Gefühle sind eingeschlossen. Manchmal finden sie eine Lücke und schlüpfen hindurch. Es erwischt mich unmittelbar. Eben noch sitze ich entspannt im Sessel vor den großen Bildschirmen und betrachte das Schauspiel dort draußen in seiner farbenprächtigen Grässlichkeit – im nächsten Augenblick kauere ich zitternd in einer Ecke, heule wie ein kleines Kind, bis ich vor Erschöpfung einschlafe.
Ich weiß nicht, woher diese Gefühlsschwankungen kommen. Die hatte ich vorher nie, nicht einmal in meinen dunkelsten Momenten. Wahrscheinlich passiert allmählich das, was die Final-Trip-Typen vorhergesagt haben: Ich verliere den Verstand. Die Welt nähert sich dem Tode und ich mich dem totalen Wahnsinn.
Wer von uns beiden ist schneller am Ziel?

Ich überfliege das ehemalige Europa. Die Sicht ist klar. Ich zoome mit den Außenkameras so nah wie möglich heran, um zu sehen, ob ich noch etwas erkenne, ob irgendetwas die Zeiten überdauert hat; Bauwerke für die Ewigkeit, Autobahnen und Eisenbahnschienen, riesige zubetonierte Flughafen-Landebahnen, oh, und der Luna-Harbour, von dem die Mondfähren starteten. Die Anlage in Südfrankreich war so groß wie Paris und Berlin zusammen.
Ich kann nichts entdecken. Europa gibt es nicht mehr. Dort, wo es einst lag, befindet sich eine offene Wunde, die sich nie mehr schließt, bis hier alles den Bach runtergeht. Ich sehe nur verwüstetes Land, in dem sich kein Leben mehr finden lässt, und Risse im Boden, die so weit und tief sind, dass ich die darunter brodelnden Lavamassen erkennen kann.
Ob es überall da unten so aussieht? Wie gut, dass meist alles unter einer Decke aus Ruß und giftigen Gasen verborgen liegt.
Die Monitore für die unteren Außenkameras habe ich abgeschaltet. Ich will das nicht noch einmal sehen.
Mich erfassen ernste Zweifel. Warum zum Teufel habe ich mich auf diesen Irrsinn eingelassen? Ich denke an Sarah. Wir sind seit fast 30 Jahren verheiratet, und ich begehre sie noch immer. Wie viele Male habe ich Sarah nackt an mich gedrückt, wie oft mit Händen und Mund ihre Kurven erforscht? Und doch gelingt es mir kaum, mir ihren Körper in all seinen Details vorzustellen. Saß der längliche Leberfleck auf ihrer linken oder rechten Brust? War da überhaupt ein Leberfleck?
Es ärgert mich, dass ich so vergesslich bin.

Es geht mir nicht gut. Seit Stunden hänge ich auf der Toilette fest und kotze mir die Seele aus dem Leib. Die Schmerzen kommen zurück. Ich glaube, die Wirkung meiner subkutanen Medikamente lässt nach – viel früher als gedacht.
Ich kann mein Essen kaum bei mir behalten. Noch funktioniert alles, zum Glück auch die automatische Selbstreinigung der Toilette. Zwieback ist das Einzige, das ich vertrage. Vielleicht stimmt etwas mit der Sauerstoffversorgung nicht, und die Filter lassen irgendwelche Gase herein, die mir die Sinne vernebeln. Draußen gibt es keine atembare Luft, weil nichts mehr da ist, das Sauerstoff produziert.

Mein Kopf ist leer. Ich fühle mich leicht und seltsam losgelöst.
Ich hatte die Wahl zwischen einem langsamen qualvollen Tod im Hier und Jetzt oder einem kurzen, heftigen mit einer bombastischen Feuershow in einer fernen Zukunft weit weg von allem. Für mich gab es nur eine Option: Ich wollte nicht länger in Spezialkliniken und bei selbsternannten Wunderheilern darauf warten, dass mein Krebs mich endgültig zerstört. Elendes Sterben.
Deshalb bin ich hier. Sarah kann mich so in Erinnerung behalten, wie ich an dem Tag unseres Abschieds war. Was hätte mich in meiner eigenen Zeit schon erwartet? Ich würde immer weiter abbauen. Irgendwann könnte keine Spezialbrille der Welt mehr mein Sehvermögen aufrechterhalten, kein Medikament meine Schmerzen unterdrücken. Ich wollte nicht, dass auch nur ein Mensch mich so erleben muss.
Doch jetzt fehlt mir genau das: ein Mensch, an dessen Schulter ich Trost finden kann. Sarah fehlt mir. Sie ist unerreichbar fern in unserer gemeinsamen Zeit geblieben; hier und jetzt gibt es sie nicht mehr, ist nicht einmal Staub geblieben, der noch Spuren von ihr oder unseren Kindern enthält.

Sie können es jederzeit abbrechen, haben sie mir erklärt. Wenn Sie es nicht mehr aushalten, kehren Sie einfach zurück.
Ja, ich wollte diese Reise antreten, es war meine Entscheidung. Aber es hätte mich beruhigt zu wissen, dass mein Entschluss nur so endgültig ist, wie ich es zulasse, nicht bestimmt durch äußere Umstände. Ich frage mich nun, da ich erkannt habe, dass ich in diesem Punkt belogen worden bin, welche weiteren Lügen mir aufgetischt wurden.
Ich könnte mich ohrfeigen.
Wie ich es herausfand? Der Sichtflug über die Überreste von Europa, die Sehnsucht nach Sarah, diese elende Schlaflosigkeit – ich war am Ende, sah immer wieder zu diesem Knopf an der Wand zwischen Steuerkonsole und Schlafkoje. Er blinkt in regelmäßigen Abständen wie das Signal an einem Leuchtturm. Aber er funktioniert nicht, er ist nirgendwo angeschlossen, nichts als Kulisse. Ich wundere mich, wieso mir das nicht gleich aufgefallen ist oder Chris. Immerhin ist er Ingenieur und arbeitet für das Marsbesiedelungsprogramm. Er hatte die Kapsel mit mir zusammen besichtigt und sich von einem Berater von Final Trip Inc. alle Funktionen erklären lassen. An der Rückreiseoption hatte merkwürdigerweise keiner von uns Zweifel. Keine Fragen. Schließlich hatte ich nicht vor zurückzugehen.
Aber ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich das Gefühl hatte, es nicht mehr länger zu ertragen, hier zu sein und mein Lebenslicht mit dem der Erde vom kosmischen Atem Gottes ausblasen zu lassen. Also drückte ich diesen beschissenen Knopf. Und was passierte? Nichts! Nicht einmal ein Geräusch. Die Steuerkonsole machte unbeeindruckt mit ihrem Programm weiter.
Ich konnte es nicht glauben, wurde wütend, drückte und hämmerte am Ende wie ein Besessener auf dem Knopf herum, bis meine Knöchel bluteten.
Die Scheißkerle von Final Trip Inc. haben mich reingelegt. Uns alle. Ich habe eine verdammt hohe Summe für meinen Flug ans Ende der Zeit bezahlt. Es gab eine Klausel im Vertrag, nach der mir die Hälfte des Geldes zurückerstattet werden würde, wenn ich die Reise abbreche und heimkehre. Kein Wunder, dass nie ein Kunde von dieser Option Gebrauch gemacht hat.

Vorhin fand ich beim Durchstöbern der Vorräte eine unbeschriftete Metallkassette. Über den Inhalt staunte ich nicht schlecht.
Es lag eine Waffe darin, eine Glock 17 nebst Munition und Anleitung. Ein uraltes, museumsreifes Teil, aber funktionsfähig. Ich glaube, so was wurde beim Militär eingesetzt, als mein Großvater noch ein Kind war. Die Krönung war eine kleine Karte mit dem Firmenlogo von Final Trip Inc.:
Wenn Sie Ihr Schicksal lieber selbst in die Hand nehmen möchten …
An Zynismus kaum noch zu überbieten, oder?

Draußen ist es noch ungemütlicher geworden, wenn man bei den Bedingungen überhaupt noch von einer Steigerung sprechen kann. Ich glaube, das Auge des Sturms bricht zusammen. Auf jeden Fall scheint es kleiner zu werden. Die Wolkenwände kommen mir seit zwei Tagen viel näher vor. Vielleicht funktioniert die Navigation meiner Kapsel auch nicht mehr richtig. Ich wäre nicht überrascht, wenn nach und nach die Systeme ausfallen und das ganze Ding unter meinem Arsch auseinander bricht. Wenn Final Trip Inc. schon so eine miese Show mit dem Rückholknopf abgezogen hat, warum sollte ihre Zeitkapsel tatsächlich so lange halten, bis die Erde endlich abgetreten ist?
Wie konnte ich nur glauben, dass man das Ende der Welt auf den Tag genau vorhersagen kann?
Ich könnte die Kapsel verlassen. Sie lässt sich von innen öffnen. Da hat Final Trip Inc. keine Falle eingebaut. Ich wäre bestimmt sofort tot. Bin ich nicht genau deshalb hier? Um den Tod zu finden?

Das Wetter verschlechtert sich zusehends. Die Kapsel wird nun permanent durchgerüttelt. Ich frage mich, wie lange die Antriebssysteme es noch schaffen, sie im Gleichgewicht und in der Mitte des Auges zu halten.
Aber ich möchte nicht warten, bis es zum Totalausfall kommt, nicht mit diesen Schmerzen. Ich sehe nur noch eingeschränkt auf meinem linken Auge. Ich schätze, wenn die Erde sich weiterhin so viel Zeit lässt, werde ich ihr Ende doch nicht mehr erleben.

Das war’s! Seit einer Stunde dröhnt ein ekelerregend schriller Alarm durch die Kapsel. Die Displays melden nur noch Systemausfälle, doch ich kann nichts machen. Ich kann nicht einmal diesen Scheißalarm abschalten.
Ich denke an Sarah und glaube, mich nicht gebührend von ihr verabschiedet zu haben.
Auf meinem Schoß liegt die Glock, geladen und entsichert. Oder ich versuche es doch mit der Tür. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr.
Der Sturm tobt mit solcher Macht, dass die Kapsel ächzt und es nur noch eine Frage von Stunden ist, bis die Naturgewalten sie zerreißen. Und mich mit.
Nein. Ich lasse mich nicht von der Apokalypse herumschubsen. Ich habe es immer noch selbst in der Hand.
Endstation.
Sarah, es tut mir leid!

Arvid Zaremba: Schreiberlinge
Der Weg zu einem Schreiberling
Ist sicherlich beschwerlich.
Denn Weile haben will gut Ding.
Geduld ist unentbehrlich.

So manche meinen nicht ganz fair,
Er hat nur Raupen tief im Kopf.
Anstatt zu schmollen, lächelt er
Und packt die Möglichkeit beim Schopf.

Denn so ein wahrer Schreiberling
Folgt seiner inneren Passion.
Er lässt sich nicht vom Weg abbring‘.
Betrachteraugen sind sein Lohn.

Man sieht ihm anfangs nicht gleich an,
Was noch so alles in ihm steckt.
Entpuppt er sich alsbald sodann,
Als jemand der Gefühle weckt.

Wenn er die Schönheit erst entfaltet.
Sogleich die Welt viel bunter macht.
Ihr seinen Glanz in Händen haltet
Und es die Fantasie entfacht.

Wenn er dann durch die Sphäre fliegt
Und and’re gleichauf mit beflügelt,
Hat sich das Schicksal ihm gefügt.
Er ist am Ziel, ganz ungezügelt.

Und eh die Zeit geschwind verging,
Sitzt er vergnügt im Alphabeet.
Er wurde nun zum Schreiberling,
So wie er auch im Buche steht.

Jens Hesse: Erwachen
Verdammt!, … schoss es ihm durch den Schädel, während er versuchte, sich aufzurichten. Sein Kopf schrie ihn an, als wäre er von einem Hammer getroffen, und die Wände schlingerten für einen Moment wie das Innere einer Seifenblase. Seine Hände schnellten an die Schläfen und massierten mit kreisenden Bewegungen Klarheit in den Schädel. Die Augen zusammenkneifend legte sich die Stirn in Falten, als er versuchte, die Erinnerungen zu sortieren. Die letzten Schatten verschwommener Traumbilder – kleine Fetzen nur – galten seiner Mutter. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen. Der einzige Kontakt, den es noch gab, bestand aus ritualisierten Postkarten. Einmal im Jahr ein »Hallo«, mehr nicht. Früher gab es Gespräche. Früher, da er klein war. Heute wohnt sie in einem dieser Altersheime … unten in Bayern.
Schönes Haus. Habe Fotos gesehen. Mit Garten dran und so. Dieses Heim ist nicht schlecht. Das Essen steht auf dem Tisch. Es sind Leute da, die sich um sie kümmern. Hier, bei mir, hätte sie auf dem Sofa pennen müssen. Das Essen würde der Service machen, denn nebenbei habe ich keine Zeit.
Nachdem ihm seine Gedanken bewusst wurden, versenkte er sein Gesicht noch einmal tief im Kissen. »Man«, ertönte gedämpft seine Stimme, »meine Mutter, so ein Blödsinn!« Er warf die Bettdecke zurück. Dann zwang er seinen Oberkörper in die Höhe und ließ seine Beine über die Bettkante hinabgleiten. Im ersten Moment rebellierte sein Kreislauf, und es fühlte sich an wie eine Gänsehaut im Magen. Irgendwas schwappte darin umher und ließ ihn aufstoßen.
Hätte gestern Abend aufhören sollen, derweil ich von dem, was die Kleine sagte, nur noch ihre Blicke wahrnahm. Wie ging es weiter? Bier? Amy? Amanda? … Egal! Sie war voll gut drauf, soff fast wie ich und tanzte mit den Händen in der Luft herum, dass mir das Blut im Körper qualmte. Tür. Genau, da war eine Tür! Und sie griff durch die Scheibe. Dachte mir: Krass, was für eine Sauerei! Wollte ja mit hoch und bei ihr pennen. Mal sehen, was mit der Kleinen noch so abgeht. Traute ihr alles zu. Bin ich mit hoch? Sie schrie …
»Scheiße!«, … mein Kopf. Wie das hämmert!
Das Licht im Bad flackerte, als er mit der Faust auf den Schalter schlug. Am Waschbecken hielt er seinen Schädel unters kalte Wasser. Erleichtert atmete er aus. Nachdem der Schmerz nachließ, richtete er sich auf und wischte mit der flachen Hand – für einen Blick in den Spiegel – das Wasser aus seinem Gesicht. Doch spürte er schon wieder, wie sich der Schmerz leise aus dem Hintergrund nach vorn in die Stirn grub.
Hilft ein Bier? Keine Zeit. Mann, ich muss zur Schicht! O.K., wie war das gestern?
»Reiß dich zusammen!«, zischte er sein Spiegelbild an. Er schüttelte seinen Kopf, dass die Wassertropfen aus seinem Haar in alle Richtungen spritzten und vom Spiegel herabperlten.
Wir haben gefeiert ohne Ende. Gesoffen. Diskutiert … nicht lange, gebe das auf, wenn es zu lange dauert. Hatten wir Sex? Und wie bin ich Heim gekommen? Langsam jetzt! Also, wir waren bei ihr. Krochen die Treppe rauf und klingelten. Ja genau, sie hatte keinen Schlüssel. Wir klingelten, und dieser versiffte Penner im Unterhemd von nebenan kam raus und schrie irgendwas von Arbeit und drei Uhr morgens. Wir machten uns ´ne Party aus seinem wütenden Gesicht und gingen. Zu mir.
»Scheiße!«, Aspirin alle.
Laut krachend knallte er den Plastikschieber unter dem Spiegel zu, und dann passierte es. Das lauteste Geräusch, das er in seinem Leben gehört hatte. – Die Klingel der Wohnungstür.
»Das darf nicht wahr sein!« Mit letzter Kraft schleppte er sich zur Tür und öffnete.
»Gestern zulange gefeiert, Weinmann?«, begrüßte ihn Hesse. Das Bild, das sich diesem bot, ließ ihn schadenfroh grinsen.
Weinmann stand da und sah aus wie ausgekotzt. »Mann, schrei nicht so! Hab‘ genug zu kämpfen. Was steht an? Wo müssen wir hin?«
»Keine Ahnung. Müssen wir noch rausfinden.« Hesse stieß ihm gegen die Schultern und schob ihn beiseite, dann ging er einfach an ihm vorbei.
Weinmann machte sich noch einmal auf den Weg ins Bad, um den Kopf erneut unter das Wasser zu halten. »Brauch noch, ich komme gleich!«, rief er Hesse zu. Ihm ging manches durch den Kopf. Gedanken an gestern. Gedanken an heute. Hesse. Arbeit. Wenn nur dieses Hämmern endlich aufhören würde! Als Weinmann seinen Kopf unter dem Wasserhahn hervorzog und in den Spiegel sah, entdeckte er Hesse hinter sich im Türrahmen, bleich wie eine Nonnenunterhose.
Der schrie hysterisch, dass die Lippen zitterten: »Was ist mit dir los? Was ist passiert?«
»Was?«
»Ich meine dein Sofa. Wer war sie? Bist du völlig durchgeknallt?«
Weinmann, jetzt noch desorientierter: »Was meinst du? Hab‘ ein bisschen gesoffen. Ist sie etwa noch hier? Scheiße!«
»Hey, sie ist tot!«, schrie Hesse. »Du hast da drüben eine nackte Tote auf deinem Sofa liegen. Deine ganze Bude ist verwüstet und voller Blut. Außerdem sieht sie aus als wäre eine Herde perverser Psychos über sie hergefallen.«
»Lass das, bin echt nicht in der Lage für so einen Scheiß!«
»Komm mit!« Hesse packte ihn am Arm und zerrte ihn durch den Türrahmen in das Wohnzimmer. Er zeigte auf das Sofa. »Was ist hier passiert? Warst du das?«
Mit offenem Mund und kreidebleichem Gesicht sackte Weinmann nach hinten, sank – an die Wand gelehnt – in die Knie. Es war, was einen Menschen wirklich zerstören konnte. Der blanke Tritt ins Gesicht. Er hatte den Eindruck, ganz langsam zu implodieren.
Hesse sprach zu ihm, drang aber nicht mehr durch zu ihm. Weinmann reagierte nicht mehr. Nahm überhaupt nichts mehr wahr. Er schaute mit starren Augen auf die Tote und wurde immer weißer. Plötzlich fing er an zu röcheln. Atmete hastig und unkontrolliert. Seine Augen pressten die Äderchen nach außen. Und dann musste Hesse mit ansehen, wie sich Weinmann über seinen Tisch auskotzte. In diesem Moment wurde auch ihm übel, und er hob seine Hand instinktiv vor den Mund.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Weinmann wieder zu sich kam. Alles in ihm drehte sich im Kreise. Seine Gedanken fuhren Karussell, mit dem Arsch über Pflastersteine. Es war schwer. Und langsam realisierte er die Situation. Er begriff, dass auf seinem Sofa eine Tote lag, die er wahrscheinlich Stunden vorher noch gevögelt hatte, und alles sah danach aus, als ob er sie im Suff getötet hatte.
Unmöglich!, … schoss es ihm durch den Kopf. Unmöglich. Das kann nicht sein. Was ist gestern bloß geschehen? Mein Kopf. Ich muss klar denken.
Seine Hände an die Schläfen gepresst, ließ er sich rückwärts auf einen Sessel gleiten. Seine Augen waren feuerrot und stierten im Raum umher. Und wie sein Blick auf Hesse fiel, zogen sich seine Eingeweide zusammen. Dieser stand am Telefon und schrie wild gestikulierend in den Hörer. Mit einem Sprung war er bei ihm und schlug mit der Faust auf die Telefongabel. Mit beiden Händen stieß er Hesse weg. Er schrie ihn an und wollte wissen, wen er angerufen habe.
»Keine Ahnung, soweit war ich noch nicht!«, schrie Hesse zurück und lachte plötzlich. »Beruhige dich, man! Es ist ja nicht deine Schuld.«
»Was? … Wie, so weit warst du noch nicht?«
»Ja, mit Schreiben. Ich schreibe einfach drauf los, und hier gingen mir gerade die Ideen aus.«
»Was?«
»Nun, ich könnte es dir zeigen, warte mal.«
Weinmann – noch immer völlig daneben, schaute Hesse ins Gesicht und wartete tatsächlich. Sein Kopf war einfach nicht dafür geschaffen zu begreifen, was hier gerade passierte. Dann griff er mit den Händen in seine Haare, schaute als würde sein Geist gerade aufgeben, und fing an auf der Stelle zu hüpfen. Dabei machte er grässliche Grimassen.
Hesse warf sich auf einen Sessel und lachte ihn – sich den Bauch haltend – aus. »Okay, das reicht«, sagte er dann, und Weinmann hörte auf. Auch dieser ließ sich auf einem Sessel nieder.
»Verstehst du es nun? Wenn ich hier schreibe, dass du dich zum Affen machst, dann machst du dich zum Affen.«
»Wer bist du wirklich?«, fragte Weinmann bestürzt.
»Nun, ich sitze gerade betrunken auf meinem Balkon, mit einem Glas Wein in der Hand und schreibe das alles hier. Du bist nichts weiter als eine Reflexion meiner Gedanken.«
»Du trinkst Wein? Habe ich deshalb diesen bescheuerten Namen?«
»Ja, und während ich dir das erzähle, mache ich mich selber zu einer Figur auf dem Papier. Verrückt, oder? Egal – ich gehe jetzt schlafen.«

Waltraut Lang: Masken
Wer kennt nicht auch diese furchtbaren Leute,
die für lange Zeit, vielleicht sogar bis heute
nach außen sind so überaus lieb und nett,
doch haben sie sich gemacht ein anderes Bett?

In der Familie sind sie gar schreckliche Despoten,
sie herrschen schlimmer als früher die Goten.
Jeder muss nach ihrer Pfeife tanzen und parieren,
da kann noch sehr viel Schreckliches passieren.

Das Schlimmste ist, dass niemand den Kindern glaubt,
wenn diese dann ihrer letzten Würde beraubt
versuchen, von außen irgendwelche Hilfe zu bekommen.
Aber die Fassade hält, und die Kinder sind beklommen.

So war das auch in meiner Kindheit, und es war schlimm,
aber sobald ich da raus war, fühlte ich auch kein Grimm.
Ich war einfach froh, nun mein eigenes Leben zu leben,
was könnte es nach einer solchen Kindheit besseres geben?

 

Curly Sue Glander: Trügerischer Perfektionismus
Jetzt hatte ich Trottel auch noch meinen USB-Stick mit wichtigen Dokumenten und Manuskripten im Computer der Fakultätsbibliothek stecken lassen. Wo kam nur diese Desorganisation her?
Das Chaos stammte sicherlich nicht von den wilden Verbindungspartys, die jedes Wochenende stattfanden und uns völlig aus dem Konzept brachten. Sie ließen uns quasi alles vergessen, was wir über die Woche in der Uni in unser Gedächtnis abgespeichert hatten. Die Klausuren bestehen wir dennoch, und wenn nicht, rennen wir zu Mami und Papi, die uns mithilfe ihres Kontostandes aus jeder Krise heraushelfen. Kein Grund zur Sorge! So sollte das Uni-Leben aussehen, nicht wahr? Trotzdem musste ich mich bemühen, schließlich war ich – Avery Stone – die Klügste aus unserer Clique, bestehend aus Madison Young, der blonden Rudelführerin, und natürlich Heather Benetton, die den Leichtsinn in einer einzigen zierlichen und wunderschönen Person verkörperte. Sie war extrem naiv, wie wir immer wieder feststellen mussten.

Eigentlich hatte ich mir meinen Abend anders vorgestellt. Ich sollte bei meinem Freund Ethan sein, so wie wir es geplant hatten. Wir wollten die stressige letzte Woche vergessen und uns um neun Uhr in der Barcelona Wine Bar im Omni New Haven Hotel treffen. Es war eine noble Bar, nichts für jede Preisklasse. Wir können es uns auch leisten, sonst würden wir schließlich nicht auf die Sheen Edgewood University gehen, oder? Sie ist eine Uni, auf die es nicht jeder schafft. Man muss bestimmte Bedingungen erfüllen: Entweder kommt man, wie der Großteil der Studenten, aus einem reichen Elternhaus, oder man ist ein Nerd, bei dem ohnehin nichts mehr zu retten ist.
Wahrscheinlich hätten wir uns ein paar Orange Maracujas gegönnt und wären dann in die Villa seines Vaters gefahren, der ohnehin nie daheim war.
Unsere Elite-Clique hatte alles. Alles, was eine junge Dame in unserem Alter brauchte, um glücklich zu sein. Uns mangelte es an nichts. Wir besaßen Ruhm, Reichtum, Glanz, Glamour, und wir waren beliebt. Ich würde sagen, wir hatten einfach Glück. Unsere sympathische Art, unser Stil, unsere selbstverständliche Schönheit, die jeden umwarf, waren Aspekte, die dafür verantwortlich gewesen waren, wozu wir letztlich geworden waren. Man sagte uns nach, dass uns dies zu besseren Menschen machte. Stets genossen wir die Anerkennung und waren stolz, wenn wir bemerkten, wie unsere Fangirls in den dunklen Billig-Shopping-Gassen uns voller Neid hinterhergafften und sich insgeheim wünschten, so zu sein wie wir. Das mag jetzt arrogant und überheblich klingen. Und ja – das ist es auch! Schließlich lebten wir in einer selbstkreierten Scheinwelt. Doch in unseren abgehobenen Seelen schlummerten auch gute Werte: Liebe, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit … Wie könnten wir sonst so gut im Rampenlicht stehen? Wir waren die Elite, einfach makellos. Wir waren nie allein, denn Mädchen wie wir werden von unseren Mitmenschen nie allein gelassen. Das Übermaß an Glück, welches das Schicksal uns schenkte, machte uns das Leben leicht, auch wenn es nicht fair war.
Unser Leben schien so vollkommen. Aber zurzeit lief nichts nach Plan. Bei so viel Perfektion in unserem Leben kam dies selten vor. Madison führte an, und dann gab es da noch Heather und mich. Wir waren nun im zweiten Semester auf der SEU. Bereits als Erstsemester hatten wir unseren Ruf durchgesetzt. Ich studierte Literatur, meine Freundinnen hatten sich hingegen für Journalismus entschieden. Alles schien perfekt. Wir gehörten zusammen, schon seit der High School. Aber jetzt? Jetzt war alles anders.

Als ich losfuhr, war es bereits dunkel. Dabei war es gerademal sieben Uhr am Abend. Doch wir hatten November, ein kühler Hauch umgab die eisige Atmosphäre dieser Stadt New Heaven, mit der die frühe Dunkelheit einherging. Vom Verbindungshaus meiner anderen Freundinnen musste ich ein weites Stück fahren, bis ich die Universität erreichte. Der Weg war für mich kein leichter, denn ich musste am Grove Street Cemetery entlang und ich hatte es nicht so mit Friedhöfen. Eigentlich brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Schließlich war ich weder abergläubisch, noch zu Fuß unterwegs. Und dennoch hinterließ er eine unheimliche Stimmung in mir. Mit Friedhöfen assoziiere ich Tod, und über den mochte ich derzeit überhaupt nicht nachdenken! In meiner Seele verbarg sich etwas – ich fühlte es schon die ganze Zeit, doch ich hatte es so gut verdrängt, wie es mir möglich war.
Ich parkte meine Karre ordnungsgemäß auf einem der Uni-Parkplätze und stolzierte hastig zum Eingang der Fakultät. Nachdem ich den Eingang erreicht hatte, blickte ich auf eines der Plakate, die überall in der Stadt hingen: Gesucht wird … Ich las ihren Namen und zuckte dabei zusammen. Heather Benetton, meine enge Freundin. Vermisst! Nun war es schon fast zwei Wochen her, ich erschrak immer noch, wenn ich ihren Namen auf den Plakaten las. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie es abgelaufen war.
An einem Samstagabend erhielt ich einen Anruf von Madison. Maddy war furchtbar verwirrt. Sie schluchzte und schrie, sodass ich nur mühsam verstand, was sie mir sagen wollte. Noch in derselben Nacht traf ich mich mit ihr. Ich hatte Maddy noch nie so aufgewühlt erlebt. Madison stand Heather noch näher als ich. Wir waren erst seit der High School befreundet, während Heather und Madison bereits, seit sie aus den Bäuchen ihrer Mütter gesprungen waren, Freundinnen waren; verbunden wie Schwestern. Diese Nacht vor zwei Wochen war womöglich eine der härtesten in unserem sonst so vollkommenen Leben. Madison stand so sehr am Abgrund, dass sie nur noch weinte, nichts mehr aß, nicht duschte – nichts! Sie wurde zu einem Wrack, das sich von der Gesellschaft abschottete. Merkwürdigerweise traf es Maddy mehr, als ich es befürchtet hatte. Psychologen vermuteten einen tiefergehenden Hintergrund. Schließlich hatten ihre Eltern ohne Maddys Einwilligung beschlossen, Maddy für eine Weile zu ihrer Großmutter nach Middleton zu schicken. Dort sollte sie Abstand gewinnen.
Heather war fort und auch mich machte ihr Verschwinden fertig, aber ich hatte meinen Freund Ethan, der mich wunderbar ablenkte. Unsere Fernsehabende und die Cocktails, die wir davor zu uns nahmen, machten es mir leichter, mit dem Schmerz umzugehen.
Tja, auch in der Welt der Reichen und Schönen gab es Schattenseiten, auch wir wurden mit Problemen konfrontiert. Es kam nicht oft vor, aber sie existierten, ebenso wie bei allen anderen Menschen auch.
Das Plakat hinterließ nicht nur Erinnerung, sondern auch Trauer in mir. Nach intensiver Suche meines unauffindbaren USB-Sticks, machte ich mich schließlich wieder auf dem Heimweg. Allerdings war die Sorge um Heather dank des Plakats wieder frisch. Sie plagte mich mehr als dieser blöde USB-Stick. Ich beeilte mich, um noch rechtzeitig in die Bar zum Date mit Ethan zu kommen. Der Mondschein hinterließ einen leuchtenden Schatten auf den abgelegen Straßen am Rande von New Haven. Um mich herum war nichts als Wald, vielleicht ab und zu ein Haus. Nichts weiter.
Plötzlich sah ich ein Mädchen am Straßenrand. Scheiße! Ist das …? Nein, das kann nicht sein! Meine Gedanken stürmten wie ein Tornado in meinem Kopf herum. Ich parkte meinen Audi A3 Cabriolet auf dem Seitenstreifen und blieb sitzen. Ich zitterte und verschaffte mir einen Überblick über die Situation. Okay, da sitzt ein junges Mädchen am Straßenrand. Soll ich aufstehen und nachsehen? Ja! Vorsichtig und voller Angst stieg ich aus und ging auf die junge Dame zu. Sie schien nicht verletzt zu sein, aber sie weinte. Aus fünf Metern Entfernung, erkannte ich sie. Ist das vielleicht wirklich …? Mir wurde schlecht und ich begann, die Welt nur noch stückhaft wahrzunehmen. Das war tatsächlich Madison Young! Madison, meine enge Freundin! Was machte sie hier? Nun zitterte ich noch mehr, es nahm mir meinen Atem und in gewisser Weise auch meinen Verstand. »Maddy? Maddy Young?« Eigentlich traute ich mich nicht, sie anzusprechen, ich tat es dennoch. Ich
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