Wie sag ich’s meinem Verleger …

Michael Kracht ist Autor und Verleger des Fehnland Verlag. Für das Autoren_Netzwerk hat er hier einmal auf den Punkt gebracht, wie ein Autor bei der Verlagsauswahl vorgehen sollte, was er beachten sollte und was er einsenden sollte.

Vielen Dank für diese ausführliche Zusammenfassung, Michael Kracht.

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Wie sag ich’s meinem Verleger …

Mein Buch ist fertig (das glaube ich zumindest), nun geht es darum, ein Unternehmen zu finden, das mein Buch vermarktet. Die Frage, ob „selfpublishing“ für mich in Frage kommt, habe ich bereits mit NEIN abgehakt.
Wo finde ich einen Verlag?
Am einfachsten im Internet – googlen: VERLAG. Aber bitte nicht erschrecken: Es gibt allein in Deutschland hunderte – Nein, fast 2.000 – Verlage. Sollte ich jetzt AN ALLE schreiben und mein Manuskript anbieten? NEIN! Auf gar keinen Fall. Es gilt, eine sinnvolle Auswahl zu treffen. Erste, wichtige Regel: Keine Druckkostenzuschuss-Verlage! Ein seriöser Verlag verlangt niemals eine Kostenbeteiligung von seinen Autoren, egal in welcher Form! Es gibt einige brauchbare Verlagslisten im Internet, denn diese Arbeit haben sich schon sehr viele Autoren gemacht; dazu gehört die Seite „Autorenwelt“ der (lesenswerten!) Zeitschrift „Federwelt“ . Da findet man meist auch die Internetseiten der Verlage (meist) mit umfangreichen Angaben, welche Literaturgattungen (=Genre) diese Verlage vertreten.

zu Federwelt

Welche Verlage kommen in meine Auswahl?

Natürlich nur die größten – schließlich will ich ja viel Geld verdienen! Oder ?? Na ja, im Autorenleben ist es ähnlich, wie auch im „richtigen“ Leben: man muss sich den Aufstieg (meistens) verdienen. Also als Neuling lieber erstmal in einem kleineren Verlag anfragen; da ist die Chance, Interesse zu finden, deutlich größer. Die großen Verlage haben eigene Scouts oder arbeiten ausschließlich mit Agenturen zusammen, die werden irgendwann von alleine auf die guten Autoren aufmerksam. Ein Beispiel: Der Diogenes-Verlag in der Schweiz, einer der größten und bedeutendsten unabhängigen Verlage, hat nach eigener Aussage in den letzten 10 Jahren nur ein einziges Manuskript veröffentlicht, das unaufgefordert eingesandt wurde. Aber auch bei den kleineren Verlagen ist es wichtig, genau auszuwählen, denn gerade die kleineren Verlage sind oft spezialisiert. Den neuesten Erotik-Liebesroman an einen ausgewiesenen Krimiverlag zu schicken, wird kaum Erfolg haben.

An wen schicke ich denn meine Unterlagen?

Eine Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ wirkt sehr unpersönlich und steif. Wieder hilft ein Blick auf die Internetseite: oft sind da die wichtigsten Personen namentlich aufgeführt (Im-pressum!), oder es gibt sogar eine eigene Adresse für die Einsendung von Manuskripten.
Und was schicke ich nun dem Verlag?
Erstens (ich weiß, ich wiederhole mich): ins Internet schauen! Wenn da nicht genauer aufgeführt ist, was und wie man etwas schicken soll (und das kann bei jedem Verlag unterschiedlich sein!), dann gibt’s ein paar „Standards“, mit denen man kaum etwas falsch macht:

1. Anschreiben

Wie oben schon gesagt, möglichst persönlich. Dazu gehört die genaue Absender-Adresse mit Telefon und E-Mail-Adresse; wenn vorhanden, eine Web-Adresse, und ein paar Angaben, z.B. warum man dieses Buch geschrieben hat, was man damit ausdrücken will, und evtl. wie man auf die Adresse des Verlages gekommen ist („Meine Autorenkollegin hat Sie für das Thema meines Buches empfohlen“). Ganz wichtiger Hinweis: Ist das Buch fertig, oder arbeite ich noch daran?

2. Exposé

Das Exposé sollte nicht länger als etwa 3 Textseiten sein. Apropos Textseiten: Bitte nicht in einer 9-Punkt-Schrift ohne Zwischenräume und ohne Randabstand schreiben! Schonen Sie die Augen der Lektoren und Verleger, schreiben Sie in 11- oder 12-Punkt-Schrift mit ausreichendem Rand!
Ein Exposé ist eine zusammenfassende Inhaltsangabe, die den Handlungsablauf und das Grundthema des Manuskriptes vorstellt. Ohne wörtliche Rede! Aber immer mit dem Schluss. Ein Cliffhanger, also ein Textfragment ohne Ende, passt vielleicht für den Klappentext, aber niemals für das Exposé. Wer sein Exposé besonders gut machen will, kann sich in Hans Peter Röntgens Buch „Drei Seiten für ein Exposé“ Informationen holen.
Zum Exposé gehören ein paar Zusatzangaben: Umfang des Werkes (Anzahl der Wörter; die Seitenzahl sagt nichts aus, weil sie von der Schriftgröße abhängt; Ist das Werk mit dem einen vorliegenden Band abgeschlossen, oder schreibe ich weiter, eventuell eine Serie?), Wichtig: welches Genre?, Angabe der Zielgruppe („für Leserinnen zwischen 16 und 50“, oder „für Leser, denen auch die Bücher von Dan Brown gefallen“), Zeit der Handlung („Mittelalter-Roman“). Außerdem sollten die Hauptpersonen der Handlung kurz (!) skizziert werden.

3. Leseprobe

Die Leseprobe hilft dem Empfänger, den Schreibstil des Autors zu beurteilen. Ob er (sie natürlich auch!) flüssig und wortreich schreibt, oder doch eher steif; ob die Sprache jugendlich oder eher gesetzt ist, vor allem, ob die Sprache zu den jeweiligen Charakteren passt. An der Leseprobe erkennt der Lektor oder Verleger auch, ob der künftige Leser von Anfang an in das Buch „hineingezogen“ wird, oder ob er es nach wenigen Seiten wieder weglegt.
Die Leseprobe sollte – je nach Verlag (Internet!) – ein paar Kapitel bis hin zu 30 Seiten umfassen. Bevorzugt nimmt man die ersten Kapitel, denn da werden die auftretenden Personen meist charakterisiert.

4. Vita

Die Vita – ein Kurz-Lebenslauf – soll die Person „Autor“ etwas näher erkennen lassen; dazu gehört das Alter (bei den Damen zumindest in grober Angabe), eine Angabe, wie lange man schreibt, ob schon etwas veröffentlicht wurde (Was? Wo? Wann?), eventuell gewonnene Literaturpreise. Wichtige Hobbies, die einen Einfluss auf das Schreiben haben, oder relevante Ausbildungen sollten erwähnt werden (man nennt das „die Absender-Kompetenz“, z.B. ein Literatur- oder Sprachenstudium, oder einen Kriminalkommissar für einen Krimi).

Und wie geht’s nun weiter?

Wenn alle Vorgaben eingehalten wurden, alle Unterlagen zusammengepackt und verschickt wurden, dann heißt es: Warten … Warten …
Nicht unruhig werden! Selbst bei einem kleinen Verlag (oder vielleicht gerade da, weil da meist nur eine einzige Person für ALLES verantwortlich ist!) kann es ein paar Wochen dauern, bis eine Antwort kommt. Selbst in meinem eigenen, kleinen Verlag kommen durchschnittlich pro Tag 2-3 neue Manuskripte an!
Einige Einsendungen, die die oben geschilderten Minimal-Anforderungen nicht erfüllen, werden sofort abgelehnt. Ein paar wenige Manuskripte überzeugen mich sofort, da fällt die Zustim-mung nicht schwer. Andere Manuskripte passen zwar nicht genau in mein Verlagsprogramm – sind aber auf der anderen Seite so spannend, dass ich sie nicht ablehnen will. Das sind die schwierigsten Entscheidungen! In einigen (wenigen) Fällen habe ich schon Verleger-Kollegen (natürlich nach Absprache mit dem Autor) über diese Manuskripte informiert. Daraus sind schon Verträge entstanden.
Ich kann nicht warten …
Nach zwei Monaten kann man – sofern man bisher nichts gehört hat – mal schriftlich nachfragen. SCHRIFTLICH! Telefonanrufe könnten eher verärgern, denn der Angerufene hat garantiert nicht gerade das betreffende Manuskript in der Hand, geschweige denn im Kopf! Wenn man nach drei Monaten immer noch nichts gehört hat, kann man davon ausgehen, dass das auch so bleiben wird. Es ist zwar unhöflich, aber einige Verlage – besonders größere – antworten nicht immer.
Sollte ich deshalb besser gleich mehrere Verlage anschreiben?
Na ja – warum nicht? Aber, wie schon ganz am Anfang gesagt, den Hintergrund der Verlage genau anschauen! Am besten, man macht sich ein wenig mit der ganzen Verlags-Industrie vertraut, denn sonst könnte es leicht passieren, dass man sein Manuskript an den Südwest-Verlag, Heyne, Luchterhand, DVA, Diana, Knaus und Blanvalet-Verlag schickt, ohne zu ahnen, dass diese Verlage (und noch ein paar mehr!) alle zur Verlagsgruppe RandomHouse gehören. Dort landen alle Manuskripte in einer zentralen Eingangsstelle; in dem Fall also gleich 7 Mal! Peinlich!
Es hat einer angebissen …
Eines Tages kommt eine E-Mail, oder vielleicht sogar ein Brief, von einem Verlag. Man hat einen sehr wichtigen Schritt gemacht: Das Exposé und die Leseprobe haben Aufmerksamkeit geweckt! Jetzt wird das ganze Manuskript angefordert. Ich habe gewonnen!
Und jetzt wird gleich gedruckt?
Nein – noch nicht! Jetzt geht das Manuskript in das Verlags-Lektorat. Da sitzen Leute, die darin ausgebildet sind, einen Text auf sachliche und logische Fehler zu überprüfen, auf Grammatik, Orthografie, korrekte Schreibweisen, Sinnzusammenhänge, usw.
Der Autor bekommt das Manuskript nach weiteren Monaten wieder zurück, und meist bekommt er einen gehörigen Schreck: Das ganze Werk ist rot! Voll mit Korrekturanmerkungen und Änderungen. Aber das machen die Korrektoren und Lektoren nicht zum Spaß, oder um die Autoren zu ärgern. Sie wollen das Buch verbessern, lesefreundlicher machen, und (möglichst) alle Fehler ausmerzen. Wichtig: Alle Änderungen des Lektorats sind Vorschläge! Der Autor kann sie annehmen, muss es aber nicht!
Parallel wird – irgendwann – ein Vertragsentwurf ankommen
In Deutschland herrscht Vertragsfreiheit. D.h. zwei Partner können untereinander vertraglich regeln, was immer sie wollen. Hilfreich ist, wenn sich der künftige Autor schlau gemacht hat und schon einmal den Standard-Verlagsvertrag vom VS/verdi aus dem Internet geladen hat (https://vs.verdi.de/recht-urheber/mustervertraege). Je weniger der vorgelegte Vertrag von diesem Standardvertrag abweicht – umso besser! Im Zweifelsfall mal einen erfahrenen Kollegen fragen, damit man sich nicht zu billig verkauft!

zu VS/verdi 


Interview mit Michael Kracht vom Fehnland-Verlag

Fehnland Verlag