Autorin der Woche KW 41: Nani Kamara

Die Aufgabe für die 5 Autoren war, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Marderschaden, Stiernacken, Bienenhonig, Eselsohren, Wolfsblut

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Autorin der Woche KW 41: Nani Kamara

WOLFSBLUT
Es war an einem heißen Sommertag im Juli. Seit einer guten halben Stunde lief Helge nun schon über einen vereinsamten Feldweg zurück in Richtung Harreshausen, wo er hoffte ein funktionierendes Telefon zu finden und eine große Flasche kalten Mineralwassers.
Der Motor seines alten Opel Kombi hatte wie ein bockiger Esel eine Art lautes Grunzen ausgestoßen, ein wenig gehustet und war dann ohne noch weitere Töne von sich zu geben, einfach stehengeblieben. Inmitten dieser idyllisch dörflichen Pampa. Die Landstraße hier wurde so selten befahren, dass auch innerhalb der halben Stunde die er noch im Auto sitzend verbrachte, kein weiterer Wagen aufgetaucht war. Da Pech ja meistens in mehrfacher Ausführung kommt, hatte nicht nur das Auto höchstwahrscheinlich einen Marderschaden, oder eine verstopfte Benzinleitung. Oh Nein! Auch sein Handy hatte plötzlich einen obskuren Defekt. Es schaltete sich kurzerhand ab, als er probierte den ADAC zu verständigen.
Ihm war also nichts anderes übrig geblieben, als sich zu Fuß auf den Weg zurück zum letzten Dorf zu machen, durch das er hindurch gefahren war. Insekten surrten um ihn herum und die Sonne prallte unbarmherzig auf ihn nieder, da es nur Felder und Buschwerk gab, aber kaum Schatten spendende Bäume. Ihm war heiß und er war durstig und seine Laune war auf dem absoluten Tiefstpunkt angelangt. Schweiß rann ihm in kleinen Bächen den Rücken herab und auch sein Gesicht war klitschnass und von genauso ungesunder Röte wie sein breiter Stiernacken. Dementsprechend erfreut bemerkte er an einer Abzweigung ein verwittertes hölzernes Schild, auf dem stand :“Verkauf von Bienenhonig”.
Als er in die gewiesene Richtung blickte, fiel ihm das alte Haus sofort auf. Wieso er es nicht schon vorher wahrgenommen hatte, konnte er sich nur durch seine Ermüdung erklären. Vielleicht konnte er von dort aus telefonieren. Das Haus sah freundlich aus, hatte grün gestrichene Fensterläden mit Blumenkästen voller Hortensien. Das Summen der Bienen war überall deutlich zu hören. “Hallo, ist hier jemand?” rief Helge und fuhr sich mit dem Ärmel über das verschwitzte Gesicht.
Die Eingangstür des Hauses öffnete sich quietschend und heraus kam ein alter Mann mit langen ungepflegten Haaren und einem Wuschelbart, in dem eine qualmende Pfeife steckte. “Was wollen Sie?” fragte er unwirsch, mit der leicht rauen Stimme eines Kettenrauchers. Dabei zuckte sein Kopf argwöhnisch hin und her, als würde er das Grundstück hinter Helge noch nach anderen Eindringlingen absuchen. Eine alte Frau erschien ebenfalls im Türrahmen. Struppige weiße Haare standen ihr vom Kopf ab, ihr zahnloser Mund war halb geöffnet und ein Faden Speichel rann ihr übers Kinn. In ihrer linken Hand hielt sie ein dickes schwarzes Buch, dessen Seiten voller Eselsohren auf ständige Benutzung hinwiesen. Sie sah Helge stumm an.
“Oh…ähm…ich bitte um Entschuldigung, ich wollte nur fragen, ob ich wohl bei ihnen kurz telefonieren darf. Mein Auto ist einfach stehengeblieben und…” Der Alte, dessen Augen noch immer eifrig die Umgebung absuchten, unterbrach ihn kopfschüttelnd mit einem knappen Knurren. Um sie herum zirpten Grillen, Vögel zwitscherten und es roch nach Honig. Doch trotz des sommerlich schönen Tages spürte Helge wie sich seine Nackenhaare aufstellten und ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Ich rieche es…das verdammte Wolfsblut! Wölfe! Sie sind überall! Hören sie sie etwa nicht?“ fragte der Alte. Er fixierte Helge mit einem starren Blick.“ Verschwinden sie besser, Jungchen. Die Wölfe sind hungrig!“ Damit drehte er sich um, schob die alte Frau sanft beiseite und verschwand im Haus.
Helge wollte sich gerade umwenden, als sie ihn mit ihren dürren Fingern am Ärmel packte. „Hier, nehmen sie! Schnell! Zu ihrem Schutz…“ flüsterte sie heiser und drückte ihm das Buch in die Hand. Mit dem Buch unter den Arm geklemmt, lief er so schnell er konnte zurück auf den Hauptweg und blickte sich kein einziges Mal um. Als er endlich bei der einzigen Tankstelle von Harreshausen ankam und mit der Straßenwacht telefoniert hatte, fragte er den Tankwart nach dem Haus mit dem Honigverkauf.
Der Tankwart kratzte sich am Kopf. “Ah, Sie meinen bestimmt die alte Ruine vom Haus der Goldblums. Schlimme Geschichte!“
„Ach ja? Was ist denn passiert?“
„ Die Gestapo! Die kamen mitsamt einer Wolfshundestaffel und holten die alten Leute. Brachten sie mit nem Lastwagen weg. Dann fackelten sie das Haus ab. Schreckliche Zeiten waren das.“
Der Tankwart seufzte. Helge setzte sich nachdenklich auf eine Holzbank im Schatten. Hatte er etwa einen Sonnenstich und Halluzinationen? Möglich wäre es ja…obwohl…Helge starrte auf das Buch in seiner Hand. „Hebräische Bibel“ stand darauf in goldenen Lettern und gleich darunter die Abbildung einer Menora.
Und plötzlich hörte er es….wildes Gebell und das langgezogene Heulen eines Wolfes.
(c) Nani Kamara

 

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