Autorin der Woche KW 42: Milena Tebiri

Die Aufgabe für die 5 Autoren war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Zeitung, Regal, Ventilator, Hecke, Lampion

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Autorin der Woche KW 42: Milena Tebiri

Vorsichtig bog ich die Zweige der dürren Hecke auseinander und spähte hinaus. Ja, er war es wirklich. Genau so, wie auf dem Foto in der Zeitung. Zufällig hatte ich ihn gestern darin entdeckt. Er war also in meiner Stadt gewesen. In meiner Stadt! Seit Jahren suchte ich ihn überall und jetzt tauchte er einfach so auf. Schon den ganzen Tag lief ich planlos durch die Strassen und hielt nach ihm Ausschau. Und als ich ihn dann endlich sah, sprang ich vor Schreck in die nächstbeste Hecke. Möglichst unauffällig kletterte ich jetzt aus dieser wieder heraus, fluchte leise und ignorierte die verwunderten Blicke der Passanten. Ich schwitzte. Er bog soeben um die Ecke, ich lief ihm hinterher. Bloss jetzt nicht verlieren! Gut, da war er wieder. Als er vor der Bar Rotes Regal stehen blieb, tat ich, als würde ich meine Schuhe binden. Er ging in die Bar hinein. Ich richtete mich auf. Langsam spazierte ich am Fenster der Bar vorbei und warf hastig einen Blick hinein. Ich konnte kaum etwas erkennen, nur dunkle Umrisse. War etwa zu? Halt, dort sass er. Mein Magen zog sich zusammen. Ausser ihm war niemand in der Bar. Ich verlangsamte meinen Schritt, mein Herz schlug schneller. Sollte ich…? Ich ging vorbei. Zehn Schritte weiter blieb ich stehen. Ich musste es tun. Das war die letzte Chance. Mein halbes Leben hatte ich nach ihm gesucht. Und ich wollte wieder einen Rückzieher machen? Echt jetzt? Ich drehte mich wütend um und marschierte zurück. Meine Knie begannen zu zittern, ich ballte meine Fäuste. Vor der Tür blieb ich stehen. Noch einmal tief durchatmen. Der Schweiss lief mir den Rücken hinunter. Ich stiess die Türe auf und trat ein. Stille. Ein Ventilator surrte und liess aufgehängte Lampions an der Decke leicht tanzen. Ich wartete, bis sich meine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten.

Dort sass er. Der breite Rücken zusammengesunken, vor ihm ein Glas Bier. Ich ging unsicher zu seinem Tisch und blieb vor ihm stehen. Mein Zunge klebte am Gaumen. Ich räusperte mich. Er blickte fragend mit blutunterlaufenen Augen hoch. Jetzt oder nie.

„Hallo“, krächzte ich heiser.

„Hmpf“, antwortete er nur.

„Bist du Lorenzo Müller?“

„Und wenn ich’s wäre, was interessiert dich das? Wer bist du überhaupt?“

„Ich bin Loretta Müller. Deine Tochter.“

(c) Milena Tebiri

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