Autorin der Woche KW 43: Gabi Büttner

Die Aufgabe für die 5 Autoren war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Kondukt, Glaskaraffe, Homunkulus, Disziplinierung, urgieren.

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Autorin der Woche KW 43: Gabi Büttner

Santa 402.700.986
Grisbert Grimmbart reckte den Hals, um einen Blick auf den Trauerzug werfen zu können. Kurz war er versucht, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, doch das Risiko wollte er nicht eingehen. Vor ihm, neben ihm, hinter ihm drängten sich die Leiber der übrigen Wichtel. Nicht auszudenken, wenn er das Gleichgewicht verlieren würde.
Grisbert blieb nichts weiter übrig, als zu warten, bis er sich in die lange Schlange einreihen konnte, um an dem Kondukt teilzunehmen.
Dabei wollte er gar nicht hier sein, denn ganz ehrlich mal: Wofür, beim Barte des erstes Santas, benötigte ein Homunkulus eine Beerdigung? Sicher, auf gewisse Weise war er ein Lebewesen, doch künstlich erschaffen. Er diente lediglich dem Zweck, die uralte Mär aufrechtzuerhalten, die besagte, dass ein Wesen in nur einer Nacht überall auf der Welt die Kinder besuchen käme.
Grisbert grummelte grimmig unverständliche Wörter in seinen Bart. Sie laut zu äußern wagte er nicht. Immerhin war der Oberste aller Wichtel nicht müde geworden sie alle, die sie in der Station am Nordpol lebten, zu urgieren, an dieser Farce teilzunehmen. Mehr noch, letztendlich drohte er jeden, der die Feierlichkeit störte oder ihr gar fernblieb, zu strafen, in denen er die Zuckerstangen des Frevlers beschlagnahmte. Er nannte es eine Disziplinierung, Grisbert nannte es Folter. Jawohl! Einem Wichtel die Zuckerstangen nehmen zu wollen … Das war ja, als ob diesen lauten, stinkenden Fortbewegungsmittel, die die Menschen mittlerweile benutzten, das Antriebsmittel ausgehen würde.
Unwillkürlich umklammerte er die Glaskaraffe fester, in der sich sein Vorrat an Zuckerstangen befand. Nicht mit ihm!
Er bedauerte, seine Stangen in einer Karaffe herumtragen zu müssen. Seitdem sein schönes Glas zerbrochen war, besaß er keinen schützenden Deckel mehr, um seine Kostbarkeiten vor dem überall umher flirrenden Staub zu schützen.
Gisbert brummte betrübt. Staub am Nordpol! Alles nur wegen dieser Menschen!
Denen er, zusammen mit seinem ganzen Volk, Geschenke basteln musste! Geschenke, die sie ohnehin nicht mehr wollten! Niemand interessierte sich heutzutage noch für ein hölzernes Schaukelpferd oder Spielzeugautos, die geschoben werden musste. Nein, alles musste eine Fernbedienung haben, piepsen und rotieren. Keinen Blick hatten die Mimimenschen mehr für gute alte Wichtelarbeit. Selbst ihren Wunschzettel schickten sie per E-Mail!
Was war nur aus der guten alten Zeit geworden? Vergessen, wie all die schönen Worte, die in Gisberts Jugend noch in aller Munde gewesen waren. Wie lange mochte es wohl noch dauern, bis auch die ehrwürdigen Weihnachtstraditionen vergessen waren?
Gisbert knurrte knarzig. Sei es drum, bis es so weit war, würden sie noch hunderte Homunkulus erschaffen. Se in einen albernen roten Mantel zwängen, ihnen eine Zipfelmütze auf den Kopf setzten und sie, in dieser einen Nacht, hinaus in die Welt schicken. Einen, für jedes noch so kleine Dorf auf der Welt.
Gisbert seufzte säuerlich, als er endlich bei der Grabstätte ankam und die Inschrift der Gedenkplatte las.
›Santa 402.700.986‹
Was für eine Verschwendung …
(c) Gabi Büttner

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