Autorin der Woche KW 46: Katja Stange

Die Aufgabe für die 5 Autoren war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Kartoffelsalat, Fusselrolle, Laterne, Badelatschen, Mühlrad

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Autorin der Woche KW 46: Katja Stange

Die blinde Müllerin
„Hier!“ Monsieur Haricot knallte ein staubiges Büchlein auf den Tresen im Buchladen.
Aurélie sprang erschrocken und neugierig zugleich auf. „Für mich?“
Erfreut betrachtete sie das bretonische Schulwörterbuch. Es war so alt, dass die Seiten gleichmäßig von einem samtgoldenen Schimmer überzogen waren. Zaghaft blätterte sie darin herum.
„Dann darf ich also doch bretonisch lernen?“ Das Mädchen strahlte den Buchhändler dankbar an, wich aber einen Schritt zurück, als sie dessen finstere Miene gewahrte. So kannte sie ihn gar nicht. Die Furchen in Wangen und Stirn wirkten beinahe versteinert.
Haricot blickte an sich hinab, brummte etwas Unverständliches und entfernte mit einer Fusselrolle Staubflusen von seinem Trenchcoat. Als er endlich damit fertig war, schaute er so freundlich wie immer.
„Du musst sogar, Aurélie!“ Er schlug eine Seite im Buch auf, ohne das Mädchen dabei aus den Augen zu lassen.
„Schau hier!“ Aurélie folgte seiner Hand. Die Sehnen und Knöchel wirkten so knorrig wie die Äste und Wurzeln im Zauberwald. Wie alt er wohl war?
Seine Finger deuteten auf eine Vokabel.
Milin – die Mühle“, las Aurélie stolz vor. Ihr erstes bretonisches Wort, wenn man vom hier üblichen kenavo zum Abschied einmal absah.
„Kennst du die alte Mühle von Madame Noir?“
„Ja“, antwortete sie zögernd.
Nur einmal war sie dort gewesen. Plötzlich hatte sich das alte Mühlrad in Bewegung gesetzt und dabei geschrien wie ein verletztes Tier. Im Licht der flackernden Laterne hatte Aurélie die blinde Müllerin erblickt, die mit ausgestrecktem Arm auf sie gezeigt hatte. Aurélie war gerannt wie der Wind.
„Gut. Dort wirst du hingehen. Frag die Müllerin nach dem Grauen Weg.“
„Der Graue Weg? Muss das sein? Gibt es nicht etwas anderes, das ich tun kann?“
„Ruft dich der Stein noch?“, entgegnete Haricot knurrend.
Aurélie seufzte und nickte. Sie hatte keine Wahl.
„So, und jetzt geh. Zu deiner Großmutter kein Wort! Und zieh dir andere Schuhe an!“
Zuhause schlüpfte sie hastig in ihre Turnschuhe und warf die blauen Badelatschen achtlos unter die Kommode. Fürs Mittagessen hatte sie keine Zeit, also naschte sie ein paar Löffel von Grandmeres Kartoffelsalat und stopfte sich eine Brioche in die Tasche.
Sie ahnte nicht, wie gut die Entscheidung gewesen war, sich zu stärken, bevor sie sich auf den Weg zur Mühle machte.
(c) Katja Stange

 

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