Autorin der Woche KW 3: Brigitte Held “So sind wir halt“

Die Aufgabe für die AutorInnen war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Milchkaffee, Schneekugel, Rattenzahn, Kokolores und kujonieren

Autorin der Woche KW 3: Brigitte Held “So sind wir halt“

Die Schneekugel
Bastian nahm seinen ganzen Mut zusammen. Rattenzahn war um diese Uhrzeit immer in dem kleinen Café und trank seinen Milchkaffee. Er war also mindestens eine ganze Stunde weg. Bastian schaute sich um, ob ihn jemand beobachten konnte, aber da war niemand, also schlich er sich schnell und leise zu dem alten Haus.
Rattenzahn, so nannten ihn alle hier,war ein böser alter Mann, der Bastian kujonierte seitdem sie im Nebenhaus eingezogen waren. Der Junge hatte einmal versucht,mit seiner Mutter darüber zu sprechen, aber sie meinte, das wäre alles nur Kokolores.
„Das ist bestimmt nur ein alter einsamer Mann. Sei einfach nett und ärgere ihn nicht.“ Es hatte keinen Zweck, mit ihr darüber zu diskutieren.
Doch Bastian musste sich etwas zurückholen, was ihm gehörte. Es war eigentlich nichts Besonderes, aber für ihn war es sehr, sehr wertvoll. Es war das Einzige, was ihm von Samantha geblieben war, diese kleine Schneekugel. Sie war ihm aus der Jacke gefallen, als er seinen Ball aus dem Garten von Rattenzahn holte. Der Alte wollte sie ihm nicht wieder zurückgeben. Bastian hatte ihn förmlich gebettelt. „Das soll dir eine Lehre sein, dich einfach in fremde Gärten zu schleichen“, hatte er nur böse geantwortet.
Bastian drückte jetzt gegen die Türe, sie ging wie erwartet einfach auf. Er schlich sich schnell hinein und zog sie leise hinter sich zu.
Wo konnte der Alte die Kugel bloß versteckt haben? Bastian durchsuchte jetzt systematisch alle Räume, aber ohne Erfolg. Dann ging er in den Keller und suchte die Regale ab. Als er schon fast aufgeben wollte, sah er etwas Rundes auf dem obersten Regal. Bastian musste sich jetzt auf seine Zehenspitzen stellen. Da stand sie, unversehrt, Gott sei Dank. Es gelang ihm auch, die Kugel zu greifen. Bastian wollte sie gerade in seine Jacke stecken, als er ein leises Knacken wahrnahm, so als würde man vorsichtig eine Türe öffnen. Sein Herz fing wie wild an zu hämmern.
Er drehte sich ganz langsam um. Da stand er. Rattenzahn. Bastian hätte vor Schreck fast laut geschrien.
„Suchst du was?“, fragte der Alte. Er hatte jetzt ein breites Grinsen im Gesicht. Die spitzen, gelben Zähne wirkten auf Bastian wie aus einem Horrorfilm.
Der Junge brachte vor Angst keinen Ton heraus. Er umklammerte die Schneekugel so fest, dass seine Finger schmerzten. Bildete er sich das jetzt ein, oder hatte Rattenzahn blutunterlaufene Augen. Oh Mann! Er musste schnell hier raus. Er versuchte, an dem Alten vorbeizurennen, aber der erwischte seinen Arm und packte mit aller Kraft zu. Bastian fing jetzt panisch an zu schreien.
„Neiiin, bitte nicht, neiiin!“
„Neiiin, nicht die Kugel, die gehört Samantha!
„Bastian!“
„Bastian, wach auf!“
„Nein, niiicht die Schneekugel!“, jammerte er.
„Wach auf Bastian.“ Michaela legte sich zu ihrem Sohn aufs Bett und nahm ihn in ihre Arme. Er hielt die Kugel fest in seiner Hand. Bastians anfängliches Weinen ging jetzt über in ein herzzerreißendes Schluchzen.
„Ich will nach Hause, Mama.“
„Du wirst Samantha wiedersehen, ich verspreche es dir.Wir fahren in den Ferien hin und besuchen sie“, antwortete Michaela und wischte mit dem Handrücken ihre eigenen Tränen weg
© Brigitte Held

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