Geschichte des Tages: Christine Kayser

Geschichte des Tages: Christine Kayser

02.02.2020

Ein später Morgen, fast schon Mittag und ich sitze immer noch in der Küche auf dem hölzernen Stuhl vor dem glattpolierten Küchentisch und heule vor mich hin.
Ich stecke in einem Sack von Nachthemd, welches nach jeder Wäsche weiter wird.
Es ist zerknittert, mit Tränen und Tuschespuren getränkt, doch das stört mich nicht.
Gestern Abend hatte ich mich weder gewaschen, noch abgeschminkt, weil mir das alles viel zu viel war.
Um nicht nackt zu sein, schminke ich täglich mein Gesicht. Jedoch nicht zu krass, aber sodass es wie ein Schutzschild um mich wirkt. Ohne dem gehe ich nicht mal zum Müllplatz.
Sonst pflege ich mich, außer mir geht es schlecht.
Jetzt steht vor mir eklig kalter Kaffee und genau so fühle ich mich auch in jeder Hinsicht.
Ich habe kein Selbstmitleid, sondern Wut, Wut und nochmals Wut auf mich und auch Hass.
Eine Stimme in mir sagt: „Du hast nichts, du kannst nichts, und du bist nichts wert.“ „Habe ich das nicht schon oft gehört?“ Es waren die Worte von Vater und Mutter.
Ich konnte machen, was ich wollte, nie war es recht, andauernd misslang mir so vieles.
Dann kam diese ständige Angst Fehler zu machen, infolge passierten mir schlimme Dinge.

Meine Gedanken gleiten in die Vergangenheit zurück.
Ich, die „Große“ ging schon mit fünf Jahren täglich einkaufen und auch Zigaretten holen.
Als ich sieben Jahre war, kippte die wilde Sabine beim Schaukeln mit dem Kinderwagen um und fiel mit den rosa Paradekissen in eine Pfütze, während wir alle im Schnee spielten.
Für diese Unaufmerksamkeit gab es Schimpfe, sowie Prügel mit einem Quirl und der Faust.
Ich wollte dann mit dem Kinderwagen und den Geschwistern ausreißen. Das misslang und ich begann mich zu verletzen, bis Blut spritzte. Später bestrafte ich mich immer wieder heimlich.
Ein anderes Mal stürzte Sabine kopfüber in einen mit Wasser gefüllten Waschkessel, der auf unserer Wiese im Garten stand und als Tränke für Vaters Pferde diente.
Es gab aber auch schöne Tage, besonders wenn ich das „Hausmütterchen“ spielen konnte, ja, da war ich glücklich.
Es machte Freude aufzuräumen, abzuwaschen, die Geschwister zu versorgen, in die Krippe oder in den Kindergarten zu bringen. Bei Krankheit der Geschwister musste ich in der Schule „schwänzen“ und bekam dann eine Entschuldigung mit, dass ich krank war.
Ich fehlte viele Tage im Jahr, dennoch kam ich in der Schule ganz gut mit, außer in Mathematik. Unser Mathelehrer war ein Zyniker, mitunter etwas bösartig. Wenn er mit seinem Holzbein durchs Klassenzimmer humpelte, hatten wir dennoch großen Respekt.
Sein Bein hatte er im Krieg in Russland verloren. Die Frau von ihm gefiel uns sehr. Hübsch, warmherzig, mit sanfter Stimme gab sie uns Musikunterricht. Später wurde sie sogar Schuldirektorin.
Das Fach Chemie gefiel mir überhaupt nicht, der Lehrer jedoch sehr.
Hinter den Formeln konnte ich mir nichts vorstellen und blickte gelangweilt zum Fenster hinaus. Träumte mich ganz weit weg. Was er mir mit bösen und kalten Blicken zollte.
Für Diktate erhielt ich meistens die Note eins. Seine Frau war Deutschlehrerin und hatte etwas Affenartiges im Gesichtsausdruck. Trotzdem nahm ich sie sehr ernst.
Meine Aufsätze wurden manchmal sogar in anderen Klassen vorgelesen. Darüber freute ich mich sehr.
ich auch während des Unterrichts mit Blicken unter die Bank heimlich las, bis sie mir von Lehrern, wenn sie es merkten, weggenommen wurden.
Mit den Büchern weinen, lachen, leben, ließ vieles vergessen. Ich war in einer anderen Welt.

Doch, immer geschah etwas, was ich nicht wollte und wofür die Verantwortung auf mir lag.
Mein Bruder Kurt war gerade zwei Jahre alt, als er verunglückte und an seinem Fuß der Knöchel und die Sehne offen lagen. Schleppte ihn schreiend zum Arzt. Der Kleine hing an meinem Hals. „Tina, nicht weinen!“ Er war so tapfer und verzog nicht mal sein Gesicht.
Als unsere Eltern heimkamen, lagen wir in den Betten und taten so, als ob wir schon schliefen. Doch die Verletzung ließ sich nicht verbergen. Der nächste Morgen war unvergesslich.
Wir trauten uns nicht aufzustehen und hatten schreckliche Angst. Der verbundene Fuß meines kleinen Brüderchens war nicht zu übersehen. Der Kleine tat mir sehr leid.

Was dann geschah. Beinahe wären die Betten zerbrochen, so schlug mein Stiefvater auf meine Schwester und mich ein. Wir schrien. Als wir vor Angst einmachten, gab er endlich auf.
Eigentlich war er im Recht. Ich war ungehorsam. Sie waren zu seiner Schwester auf Besuch.
Wir sollten, durften ja eigentlich nicht raus. Doch meine Freundin hatte mich wieder mal überredet. Immer, wenn ich mit ihr zusammen war, dann passierten ganz schlimme Dinge.

Tage später, ich sollte die Ställe zumachen, riss Nachbars Hund des nachts unsere Schafe.
Ein anderes Mal ging ich mit dem Hund der Eltern spazieren, obwohl es mir verboten wurde. Stolz lief ich mit ihm am Straßenrand entlang. Plötzlich riss er sich von der Leine los und ein Mopedfahrer kam zu Fall.
Ich besaß ein kleines Hausschwein. Als kleines Krüppelschwein sollte es zur Tierverwertung.
Mit gutem Futter und Streicheleinheiten hatte ich es fast schon großgezogen und sollte es nun hergeben für den Unfallschaden. Der Kohlenhändler kaufte es ab. Damit wurde die Reparatur des Mopeds bezahlt. Beim Anblick der leeren Box wurde ich tieftraurig, war wie gelähmt …

©2020 Christine Kayser

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