Die Aufgabe für die AutorInnen war es, eine  Geschichte mit einer Länge von einer Normseite zu schreiben, in der folgende 5 Wörter enthalten sein mussten – Bilderrahmen, Bassist, Flieder, Einkaufskorb, Pflasterstein

AutorIn der Woche KW 23: Anne Polifka

Marie hielt das Foto in dem schlichten Bilderrahmen aus weißen Holz in der Hand und sie weinte stumm. Eine Träne nach der nächsten bahnte sich ihren Weg über ihre Wangen. Sie hinterließen eine warme, salzige Spur. Sechs Monate war es her und sie hatte noch immer nicht abgeschlossen mit der grausamen Tragödie. Es war das letzte Foto von ihnen, keine Stunde vor seinem Tod aufgenommen. Die Tränen tropften auf das Glas und verzerrten das Foto darunter. Ihre Hand fuhr über ihre Augen. Die Blondhaarige griff nach der Taschentuchbox, auf der Flieder aufgedruckt war. Sie liebte die Farbe des Flieders und selbst den süßlich-schweren Duft. Auf ihrem Balkon hatte sie ihn angepflanzt und öffnete sie die Balkontür, dann strömte der Duft ins Wohnzimmer.
Zwischen ihren Fingern spürte sie das Papier eines Taschentuches und zog es raus. Sie wischte erst das Glas sauber und stellte das Foto wieder auf das Regal neben den goldenen Ehering mit der Gravur, bevor sie ihre Nase putzte. Die Therapeutin sagte ihr, sie soll sich immer wieder das Foto anschauen und sich an die schöne Zeit erinnern, aber sie erinnerte sich nur an die Sekunde, die ihr Leben zerstörte.
Die Frau, die bereits die 50 eine Weile hinter sich gelassen hatte, ging in die Küche. Sie hatte noch ein Stück Kuchen und der war nun genau das Richtige, befand Marie. Sie lief an dem Einkaufskorb vorbei, der im Flur stand. Gestern war die Witwe einkaufen gewesen, doch die Kraft, um den Einkauf einzuräumen, hatte ihr gefehlt. Nur die Dinge, die in den Kühlschrank und in die Gefriertruhe gehörten, hatte sie verstaut. Die Therapeutin meinte, eine Depression sei nicht selten, wenn jemand so unvermittelt einen geliebten Menschen verliert. Sind Menschen todkrank, dann hat man die Chance, sich zu arrangieren und zu verabschieden, aber einfach so, binnen Sekunden den Ehemann zu verlieren, das war hart. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie wollte den Kuchen essen und dann würde sie sich hinlegen. Sie fühlte sich so schwach und müde. Es war, als hätte sie an einem Marathon teilgenommen ohne jegliche Vorbereitung. Manchmal war sie vor Anstrengung kurzatmig. Es fiel ihr auch so schwer, sich nicht völlig leer zu fühlen. Das einzige Gefühl, das sie empfand, war Trauer und dieses Gefühl einer tiefen Sinnlosigkeit. Sie war immer ein ordentlicher Mensch gewesen, doch nun stapelte sich die dreckige Wäsche und das benutzte Geschirr um die Wette. Jedes Mal dachte sie sich, sie müsse sich darum kümmern, doch dann drängte sich ihr die Frage auf: Warum? Ein Grauschleier hatte sich über ihre Welt gelegt und das einzige, was Trost versprach, war Kuchen, aber das Versprechen hielt er nie.
Marie setzte sich an den Tisch und fuhr sich kurz durch ihre kurzen, blondgefärbten Haare, doch der graue Ansatz war unübersehbar. Es war nicht mehr wichtig, schön auszusehen. Für wen wollte sie das? Sie aß einen Löffel von der Zitronentarte und es war wie das Starten eines Filmes. Der Löffel mit Kuchen war der Playknopf, denn die Tarte hatte sie gegessen, kurz bevor es geschah. Sie waren dort, in Collioure. Es war ihre Reise, die sie sich zur Silberhochzeit selbst geschenkt hatten. Seit Jahren waren sie nicht im Urlaub gewesen und nun waren sie an der südfranzösischen Küste. Sie hörte die Möwen und das Wellenrauschen, spürte die kühle und frische Meerluft und die Gischt hinterließ einen salzigen Geschmack auf ihren Lippen. Sie liebte diese Stadt mit den charmanten, kleinen Gassen, der Burg, dem alten Leuchtturm und den vielen Cafés. Jeden Tag genoss sie das Gefühl des Sandes unter ihren nackten Füßen am Strand. Die Leute waren nett und entspannt, obwohl sie beide keinen anderen Satz beherrschten als: Parlez vous anglais? Die Aussprache war nicht perfekt, aber sie beide sprachen besser Englisch als Französisch. Sie verließen das Café und dann liefen sie vorbei an den Straßenkünstlern. Es war ein Quartet. Ein Gitarrist, ein Bassist, ein Violinist und ein Sänger, die klassische Musik vorführten. Marie wusste nicht, aus welcher Oper das Stück stammte, doch sie kannte es von einer Werbung. Es war wunderschön und sie legten Geld in den Hut – ganze zehn Euro. Der Sänger, ein junger Mann, lächelte sie an und nickte kurz dankbar, während er sang. Sie liefen weiter und ihr Mann sah einen Moment zurück. Marie bemerkte es zu spät. Sie war dabei, ihr Smartphone sicher zu verstauen, mit dem sie die Künstler auf Video gebannt hatte und dann sah sie ihren Mann, der nach hinten blickte. Sie sah nach vorn, denn einer sollte schauen, was vor ihnen war und da war er: dieser verfluchte Pflasterstein.
„Ach-“, begann sie ihr Warnung, doch da stolperte er bereits und fiel auf die Straße, genau in dem Moment, wo ein Auto wie aus dem Nichts auftauchte. Quietschende Reifen, ein wildes Hupen und ein Geräusch, als würde das Auto über eine der zahlreichen Erhebungen auf der Straße fahren.

(c) Anne Polifka

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.