Geschichte des Tages: Uwe Tiedje – Eine stinknormale Woche

Eine stinknormale Woche

Ich saß am Schreibtisch in meinem schäbigen Büro und beobachtete interessiert die Kakerlake, die sich abmühte, an der Wand hinaufzuklettern. Allerdings schien die nachgedunkelte Tapete zu glatt, denn kaum kam sie zwei Zentimeter voran, da rutschte sie auch schon wieder zurück auf den Boden. Doch unermüdlich setzte sie ihr Bestreben fort, worin ich ihr ähnelte.
Während ich in meinem eigenen vergeblichen Bestreben, mein armseliges Leben zu ignorieren, an meinem Whisky nippte, erschien sie vor meinem geistigen Auge, wie sie vor ein paar Tagen mein Büro betreten hatte.
Ihr hautenges, blaues Kleid bedeckte gerade so ihre Oberschenkel und ihre körperlichen Vorzüge brachte es unter dem offenen Pelzmantel deutlich sichtbar zur Geltung. Sie war eine Klassefrau, obere Klasse, also eher nichts für einen mickrigen, arbeitslosen Privatdetektiv, der in einer abbruchreifen Zweizimmerwohnung, mit Gemeinschaftsbad auf der Etage, in der Bronx hauste und der nicht wusste, wie er die nächste Wochenmiete bezahlen sollte.
Der Whisky brannte sich den Weg durch meinen Hals zu meinem Magen, brannte dort etwas heftiger. Ich trank einfach zu viel von dem Zeug. Denn zur Zeit bestanden meine täglichen Mahlzeiten hauptsächlich aus zu viel Kaffee, Zigaretten und dem bereits erwähnten Whisky.
Sie kam einfach ohne zu klopfen in mein Büro, blieb in der offenen Tür stehen und ließ ihren Blick durch das Halbdunkel des Raumes gleiten, bis ihre Augen mich erfassten. Ein flüchtiges Lächeln umspielte ihre verlockenden Lippen. Langsam kam sie mit wiegenden Hüften auf meinen Schreibtisch zu, beugte sich über die Tischplatte und stützte sich darauf, ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt.
Ich blickte mitten in ihre großen, haselnussbraunen Augen, die mich nachdenklich zu mustern schienen. Als ich es nicht mehr aushielt und die Augen senkte, wurde mir sehr, sehr warm, denn der tiefe Ausschnitt ihres Kleides gab wirklich Sehenswertes preis.
Rasch schaute ich wieder hoch, mein Blick erwischte erneut ihre Augen und damit hatte sie mich. Kaum zwei Minuten war sie jetzt in meinem Büro und schon war ich ihr hoffnungslos verfallen.
»Sie sind der Privatdetektiv?«
Ihre Stimme war warm und dunkel und in ihren Augen lag etwas, das ich noch nicht deuten konnte. War das Angst oder nur der Anflug von Sodbrennen, den ich neuerdings selbst immer öfter verspürte?
Ich wollte ihr antworten, schluckte jedoch nur und nickte stumm.
»Sie müssen meine Freundin finden«, sagte sie knapp, während sie sich mir gegenüber in den alten Holzstuhl setzte und ihre wundervollen Beine aufreizend übereinanderschlug. Sie war heiß, so dermaßen heiß, das mir das Atmen schwerfiel und ich die Krawatte etwas lockerte, um den obersten Hemdknopf zu öffnen.

Jetzt, drei Tage später, saß ich wieder hier im Büro und dachte über den nun gelösten Fall nach und über sie.
Ihre Freundin arbeitet als Tänzerin im Cocoon, einem Club in Downtown. Er gehörte Mickey O’Rourke, einem irischen Gangster, der Prostitution, Drogenhandel und Alkoholschmuggel betrieb. Mickeys Organisation beherrschte einen Großteil der Stadt, war der Gegenpart zur italienischen Mafia, die in diesen Tagen von Luigi Camberti geleitet wurde. Die Grenzen zwischen beiden Gangs waren klar abgesteckt. Beide hielten sich an den vereinbarten Waffenstillstand. Sie hatten vorgesorgt und schmierten sowohl die Bullen wie auch Politiker, den Bürgermeister und die meisten Stadträte.
Meine Klientin war Mickeys Freundin und hieß Claire Decomte. Sie kam aus einem kleinen Kaff in Wisconsin und entfloh mit seiner Hilfe den Versuchen ihres Stiefvaters, sie flachzulegen. Begleitet von ihrer Freundin, Jane Simmons, war sie erst seit drei Jahren in der Stadt.
Und nun war Jane verschwunden. Niemand wusste, warum und wohin.
Das alles hatte ich in dem kurzen Gespräch vor drei Tagen von ihr erfahren.

Als ich nach dem Gespräch mit meiner Recherche im Cocoon begann und den Club betrat, tönte mir laute Musik und Stimmengewirr entgegen. Männer in teuren Anzügen und Smokings mit Frauen in teuren Abendkleidern besetzten die Tische und die Bar, bestaunten, wie die langen Beine der Showgirls auf der Bühne durch die Luft wirbelten.
Ich drängte mich zur Bar durch, winkte den Barkeeper heran und ließ mir einen irischen Whisky bringen.
Das Foto, das sie mir von ihrer Freundin Jane gegeben hatte, legte ich mit einem Zwanziger zusammen für den Barmann auf den Tresen.
Er warf nur einen kurzen Blick darauf, schüttelte seinen kahlen Schädel, so das die Blumenkohlohren hin und her wackelten und ließ meinen Zwanziger in der Tasche seiner weißen Smoking Jacke verschwinden, was ich mit einem wehmütigen Blick quittierte, denn es war mein letzter großer Schein.
Ich ging Richtung Toiletten, durch einen schmalen, nach allem möglichen riechenden, finsteren Gang und blieb vor der Garderobe der Tänzerinnen stehen, übersah aber die beiden Gorillas, die mir gefolgt waren.
Sie griffen mich rechts und links an den Armen und zerrten mich zur Hintertür. Draußen gingen sie auf mich los und als sie mit mir fertig waren, fühlte ich mich ausgelaugt und zerschlagen, wie ein von einem Schläger getroffener Baseball, den man eine komplette Spielzeit lang benutzt hatte.
Das hatte ich nun von meiner Neugier. Aber im Lauf der Zeit gewöhnt man sich in meinem Beruf daran. Oder glaubte es zumindest.
Während die beiden wieder im Club verschwanden, rappelte ich mich mühsam auf und wischte mir mit dem Ärmel meines Mantels das Blut aus dem Gesicht.
Als ich so dastand, mehr oder weniger hin und her schwankend, fiel mein Blick auf einen Müllcontainer, der am Ende der Gasse stand.
Einer Ahnung folgend wankte ich hinüber und hob den Deckel an. Lange, blonde Haare leuchteten mir trotz der Dunkelheit entgegen.
Ich hatte Jane gefunden. Das Loch in ihrer Stirn war umgeben von bereits verkrustetem Blut und ihre Gliedmaßen wirkten fürchterlich verdreht.
Ich ließ den Deckel fallen und lehnte mich an den Container, bevor ich der Schwäche in meinen Beinen nachgeben würde. In meinen Taschen kramte ich nach Zigaretten, förderte eine zutage, zündete sie an und inhalierte ein paar tiefe Züge.
Jane war tot und das ich sie in unmittelbarer Nähe des Clubs gefunden hatte, ließ mich darauf schließen, das Mickey sie hatte beseitigen lassen. Wahrscheinlich sah sie etwas, dass nicht für ihre Augen bestimmt gewesen war.
Da ich mich kaum allein mit Mickeys Organisation anlegen konnte, war der Fall damit für mich erledigt. Ich hatte Jane gefunden, meinen Auftrag erfüllt.

Immer noch in meinem Büro sitzend, hob ich den Hörer meines Telefons ab und rief Claire an. Ihre dunkle Stimme klang traurig, als sie mir dankte und ich glaubte, zwischen ihren Sätzen leises Schluchzen zu hören. Ich drückte ihr mein Bedauern aus und sie bat mich, ihr meine Rechnung zu schicken, dann legte sie auf.
Mein Bedauern, sie wahrscheinlich nie wiederzusehen, behielt ich für mich. Etwas mit Mickey O’Rourkes Freundin anzufangen, war sicherlich nicht dauerhaft gesundheitsfördernd. Auch wenn ich nur ein kleiner, unbedeutender Privatdetektiv in einer großen Stadt war, so hing ich doch mit aller Kraft an meinem Leben.
Seufzend goss ich mir einen weiteren Drink ein, löste die Krawatte, legte die Füße auf meinen abgewetzten Schreibtisch und schloss die Augen.
Noch immer konnte ich deutlich die Bilder vor mir sehen, wie sie in mein kleines, schäbiges Büro trat, ihr langes, weiches, duftendes Haar riechen, als sie sich zu mir herüberbeugte und den makellosen, weißen Ansatz ihrer vollen Brüste genießen. Sie war ein Rasseweib, obere Klasse, aber von so etwas konnte ich wohl bis in alle Ewigkeit nur träumen.
Ich hasste es plötzlich, ein schlecht bezahlter Privatdetektiv zu sein. Aber sicher würden auch wieder andere Zeiten kommen. Schließlich wusste ja niemand, was die Zukunft brachte.

© Uwe Tiedje
Foto: Pixabay.com

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