Geschichte des Tages: Marlene Liebschenk – Das Dunkelhaus

Geschichte des Tages: Marlene Liebschenk – Das Dunkelhaus

29.07.2020

Das Dunkelhaus

„Hier wohnt ihr? Wow!“, meinte Christoph und nickte anerkennend.
„Wieso nicht?“
„Wisst ihr das etwa nicht?“ Christoph blickte hinüber zu dem heruntergekommenen Haus auf der anderen Straßenseite.
„Da verschwinden Menschen. Die werden Nacht für Nacht dort hingebracht in einem alten Benz.“
Ben grinste breit und zuckte mit den Schultern.
Sein Zwillingsbruder Yan hingegen spürte, wie eine Gänsehaut sich den Weg durch seine Jeansbeine von unten nach oben bahnte. Er erinnerte sich mit Grauen an die Nacht, in der er auf dem Weg zum Klo aus dem Flurfenster hinübergeschaut hatte. Dort hatte ein altes Auto gestanden, so rostig und moosig, dass er es kaum erkennen konnte. Am nächsten Morgen war es weg und Yan war sich gar nicht mehr sicher gewesen, ob er wirklich ein Auto gesehen hatte.
Mit dem Haus stimmte etwas nicht, so viel war klar. Es wurde von einem Gewirr aus Efeu, wild wuchernden Heckenpflanzen und Eiben halb verdeckt. Der Briefkasten hing schief an einem Pfosten, ein Namensschild gab es nicht.
„Dunkelhaus? So heißt das?“ Bens Neugier war geweckt, das sah Yan ihm an.
Christoph senkte die Stimme. „Ja, schon immer. Mein Papa und mein Onkel haben mal im Garten Verstecken gespielt. Als sie später durch eines der Fenster hineinschauen wollten, knallte es plötzlich ganz laut, und dann sind sie nie wieder dort hingegangen.“ Er nickte, um seiner Aussage mehr Drama zu verleihen.
„Und woher willst du wissen, dass da Menschen verschwinden? Was denn für Menschen?“ Ben forschte weiter. Jetzt wollte er es genau wissen.
„Na, keine Ahnung.“ Christoph zuckte mit den Schultern. „Irgendwelche Menschen halt. Vielleicht Alte. Oder Kinder.“ Das letzte Wort flüsterte er nur.
„Aber die würde doch irgendwer vermissen. Das ist Blödsinn, du willst uns nur Angst machen!“
„Nein, echt nicht! Das heißt Dunkelhaus, da kannst du hier jeden fragen. Und da verschwinden irgendwelche Leute. Jede Nacht.“
„Gut.“ Ben wendete sich entschlossen an seinen Bruder, auch wenn sein Herz laut und unregelmäßig gegen seine Brust klopfte. „Yan, wir werden das überprüfen.“
„Wir werden … was?“ Yan schnaufte. „Nee, lass mal, ich geh da nicht rüber! Vergiss es!“
Ben lachte.
„So ein Quatsch! Na klar kommst du mit rüber!“ Er wartete keine Antwort ab. „Ich will das jetzt wissen!“
*****
Und so saßen sie nun hier seit einer Stunde und starrten hinüber. Schatten waberten über die Hauswand. Sonst geschah nichts. Es war kurz vor Mitternacht. Die Jungs zitterten vor Anspannung. Sie spürten, dass bald etwas passieren würde.
Yan flüsterte.
„Ben, was ist, wenn der kommt und eine Leiche im Auto hat?“
„Dann rufen wir die Polizei“, flüsterte Ben zurück.
„Und wenn der uns sieht?“
Ben zuckte zusammen.
„Scheiße! Daran habe ich gar nicht gedacht!“ Er schaute sich nervös im Zimmer um, schaltete die Standby-Lichter von PC und DVD-Player aus. Yan schob sein Smartphone unters Kopfkissen. Beide überprüften noch einmal, ob ihr Zimmer jetzt auch wirklich absolut dunkel war. In diesem Moment klickte die Uhr, die über der Tür hing, leise. Mitternacht!
Die Brüder schauten sich an und schlichen vorsichtig zum Fenster.
Als sie den Mercedes in der Einfahrt vom Dunkelhaus stehen sahen, schrien beide erschrocken auf und wichen zurück bis ans andere Ende des Zimmers. Sie wagten sich bis zum Morgen nicht mehr in die Nähe des Fensters.
*****
In der darauffolgenden Nacht waren Yan und Ben vorbereitet. Nichts würde sie heute ablenken und ihre Überwachung stören. Ben hatte sämtliche Lichtquellen ausgeschaltet und mehrfach überprüft.
Diesmal hatten sie sogar daran gedacht, ihre blassen Gesichter zu schützen. Yan reichte seinem Bruder eine dunkelblaue Mütze.
»Hier. Sonnenbrille liegt drin.« Ben nickte, setzte die Mütze auf und schob sie bis fast hinunter zu seinen Augenbrauen. Den Kragen seines dunklen Pullis zog er bis über seine Nase. Zum Schluss setzte er die Sonnenbrille auf. Er versuchte, sein Spiegelbild in der Fensterscheibe zu erkennen. Zufrieden drehte er sich zu seinem Bruder herum.
»Und?«
Yan hatte sich ebenfalls vermummt und blickte zu Ben.
»Nichts«, flüsterte er zufrieden. »Und ich?«
»Super, nichts zu sehen.« Ben streckte den Daumen nach oben.
»Okay. Wie spät ist es?«
»Zwei Minuten vor zwölf«, murmelte er nervös.
»Gut, Operation Dunkelhaus beginnt«, sagte Ben leise.
Sie vergaßen fast zu atmen vor lauter Nervosität. Zwei Minuten, die sich anfühlten wie die Unendlichkeit.
Es klickte.
Punkt Zwölf.
Die Straßenlaterne am linken Ende der Straße flackerte einige Sekunden auf.
Eine Wolke schob sich über die Sichel des Mondes.
Schwärze.
Als die Zwillinge zur Einfahrt blickten, stand der rostige Mercedes da. Und neben ihr eine gebückte Gestalt in Hut und Mantel, die zu Ben und Yan hinaufschaute. Ben ging langsam drei Schritte vom Fenster zurück, aber Yan starrte wie gelähmt weiter hinüber. Und so sah er auch, wie der Alte den Kofferraum öffnete, einen Sack hinauswuchtete und zum Hauseingang zerrte.
Dann war also alles wahr, was die Leute erzählt hatten! Sie mussten zur Polizei gehen!
»Ben! Hast du das gesehen? Der hat was aus dem Kofferraum geholt und ins Haus geschleppt. Das war mindestens genauso groß wie er! Ganz bestimmt war das eine Leiche! Was machen wir denn jetzt?«
»Ich … ich hab nichts gesehen. Nur diesen Blick. Scheiße, war das gruselig!«
»Wir müssen morgen zur Polizei, Ben!«
Ben nickte in die Finsternis des Zimmers und schielte hinüber zum Dunkelhaus. Das Auto! Es war weg!

(c) 2020 Marlene Liebschenk

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