Geschichte des Tages: Rainer Damke – Wie Asche im Wind

05.08.2020

Wie Asche im Wind

Ich sitze an unserem Lieblingsplatz, wenige Meter von meinem Haus entfernt, an dem wir so oft waren. Erinnerst Du Dich? Dem von der Sonne aufgewärmten Felsen, auf dem Du so gerne gesessen hast, Deine Beine herabbaumeln lassend, umspült vom warmen Meer? Wie erfreut Du gelacht hattest, wenn die aufspritzende Gischt Dich getroffen hatte. Das ist einer der Momente, den ich nie vergessen werde.

Genau auf Deinem Platz sitze ich, lasse wie Du meine Beine baumeln, eingetaucht in einem Teil des Atlantiks. Nur Du, Du sitzt nicht an meiner Seite. Wirst nie wieder an meiner Seite sitzen.

Ich blicke auf die See. Die Sonne versinkt am Horizont. Aus dem dunklen Meer wird für einige Minuten ein goldenes. Du liebtest diese Minuten. Die Stille. Ich hatte mich immer gefreut, Dein Gesicht von der untergehenden Sonne angestrahlt zu sehen. Den glücklichen Ausdruck darin zu erkennen.

Aber heute sitzt Du nicht neben mir. Drei Jahre ist es her, dass Du, meine geliebte Tochter, vom Krebs dahin gerafft wurdest. Drei für mich schwere Jahre, in der mich die Schwermut mit aller Härte traf.

Es wird wieder werden, haben sie gesagt. Mit der Zeit vergehen die Schmerzen und der Kummer, haben sie gesagt. Irgendwann wirst auch du darüber hinweg sein, haben sie gesagt. Nimm diese Medikamente und dir wird es besser gehen, haben sie gesagt. Doch nichts hat geholfen. Meine Trauer, Dich verloren zu haben, lässt nicht zu, wieder glücklich zu sein.

Jeden Tag sehe ich Dich vor mir. Wie Du mit deinen langen Haaren, Deinen strahlenden braunen Augen und dem ständigen Lächeln auf Deinen Lippen versuchst, Deine Umgebung zu erhellen. Ich sehe und höre, wie Du bei Deiner täglichen Arbeit ein Lied summst.

Wie stolz und glücklich Du warst, Dein erstes und einziges Kind in Deinen Armen zu halten. Selbst als der Vater Deines Kindes Dich verließ, hattest Du nichts von Deiner Leichtigkeit Deines Lebens, des Frohsinns verloren. Nein, Du warst aufgeblüht und zeigtest Deinem Kind, dass die Liebe einer Mutter groß genug ist, die eines Vaters zu ersetzen.

Aber seit drei Jahren bist Du nicht mehr da und ich versuche, Deinem Kind Mutter und Vater zu ersetzen. Aber ich schaffe es nicht. Du fehlst mir.

Ich starre auf das nun immer dunkler werdende Meer. Ein hell beleuchtetes Schiff fährt in weiter Ferne an mir vorbei. Mit meinen Augen folge ich seiner Fahrt, bis ich es nicht mehr erkennen kann. Die Sonne ist fast verschwunden und ein voller Mond bereitet sich vor, den Platz am Himmel zu übernehmen.

Ich drehe mich um, entnehme dem hinter mir stehenden Korb ein Flasche Rotwein, ein Glas, eine Taschenlampe und zehn engbeschriebene Blätter. Stelle alles neben mich. Die Blätter beschwere ich mit einem sich in unmittelbarer Nähe befindlichen Stein, damit nicht eine stärkere Brise sie hinwegfegen kann, obwohl es nach wie vor windstill ist. Ich suche nach dem Korkenzieher im Korb und finde ihn, öffne damit die Flasche und gieße mir etwas in das bereitstehende Glas, um sogleich einen ersten Schluck zu trinken. Es ist ein schwerer Wein, der meine Stimmung unterstreicht.

Ich bemerke, dass meine Augen wieder auf das nunmehr ganz dunkle Meer gewandert sind, in dem sich der ständig wandernde Mond widerspiegelt. Normalerweise eine romantische Stimmung verbreitend, mich aber an das Gespräch mit dem Mann erinnert, bei dem ich ein neues Präparat gegen meine Depressionen kaufen wollte.

Ich betrat mit gesenkten Kopf sein Geschäft, war zu der Zeit sein einzige Kunde und fragte nach dem Präparat, von dem ich gelesen hatte.

„Ja, das habe ich hier. Aber bevor Sie es bei mir kaufen können, müsste ich wissen, welche anderen Präparate oder Medikamente Sie zu sich nehmen. Insbesondere dann, wenn es sich um Anti-Depressiva handelt. Das Präparat soll doch für Sie sein, oder?“

Jene Aussage irritierte mich und ich schaute zu ihm, sah in seine Augen, die mich verständnisvoll ansahen.

„Sie wollen wissen, welche Medikamente ich einnehme?“ erkundigte ich mich.

„Genau. Ich muss herausfinden, ob es zu unerwünschten Nebenwirkungen mit ihrer jetzigen Einnahme an Medikamenten kommen kann oder ob nicht ein anderes Präparat das bessere sein kann.“

Das hatte mich bisher noch nie jemand gefragt und ich muss ihn verwirrt angeschaut haben.

„Wissen Sie,“ fuhr er fort, „ich will Ihnen nicht irgendetwas verkaufen, mein Bestreben ist, Ihnen zu helfen. Sie sehen, im Moment habe ich keine Kunden. Setzen Sie sich dort hin“ er zeigte auf einen roten, bequem aussehenden Stuhl, „und erzählen Sie mir, welche Medikamente Sie einnehmen und ob Sie wissen, woher Ihre Depression kommt. Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, Ihnen zu helfen.“

Seine Augen strahlten Wärme und Hilfsbereitschaft aus, denen ich mich nicht widersetzen konnte. Ich setzte mich und obwohl er ein Fremder war, floss mein Kummer nur so aus mich hinaus. Er unterbrach mich nicht ein einziges Mal, hakte lediglich ab und zu nach, wenn er etwas nicht verstand oder einordnen konnte und machte sich Notizen. Dass unser Gespräch mehr als eine halbe Stunde gedauert hatte, war mir nicht aufgefallen. Auch nicht, dass er seine Ladentür geschlossen hatte, so dass wir ungestört unter uns bleiben konnten.

„Hören Sie,“ sagte er, nachdem ich geendet hatte, „ich werde Ihnen das Gewünschte erst einmal nicht verkaufen. Sie erhalten es erst dann von mir, wenn das, was ich Ihnen jetzt sage, nicht geholfen hat. Ich habe einen Ratschlag für Sie. Sie werden…“

Und ich tat, was er von mir wollte.

Ich setzte mich gestern Abend an den großen Tisch im Esszimmer, an dem wir so oft gesessen hatten und schrieb einen Brief an Dich, meine geliebte Tochter. Darin steht alles, was ich Dir nie gesagt habe oder konnte. Beim Schreiben habe ich geschmunzelt, gelacht und geweint, nur an Dich gedacht.

Jetzt greife ich zu den Blättern, lese sie erneut und ein letztes Mal im Schein der Taschenlampe unter dem vollen Mond an Deinem Lieblingsplatz. Während des Lesens genehmige ich mir ab und zu einen Schluck Wein, schmunzel, lache, weine. Das gelesene Blatt befestige ich wieder unter dem Stein. Wort für Wort, Zeile für Zeile. Ich lese den allerletzten Satz. „Ich liebe Dich und ich werde Dich immer lieben.“

Tränen rinnen über mein Gesicht, als ich das letzte Blatt unter den Stein, wo sich die anderen neun befinden, lege.

Ich suche in meiner Hosentasche nach meinem Feuerzeug, halte es fest in meiner rechten Hand. In die linke Hand nehme ich den an Dich gerichteten Brief und erhebe mich, stelle mich an den Rand des Felsens, der weiter in das Wasser ragt. Es ist windstill. Kein Lüftchen bewegt sich. Unter mir ist die dunkle See, deren gleichmäßige Wellen den Felsen treffen.

Ich entzünde das Feuerzeug, führe es zu dem an Dich gerichteten Brief. Zaghaft, aber schnell um sich greifend ,entwickelt sich ein Feuer. Ein ganz leichter aufgekommener Wind greift nach den ersten Aschestückchen. Sie fliegen langsam in das seichte Meer, wo sie aus meinen Augen verschwinden.

Die Flammen haben fast den kompletten Brief erfasst. Ich öffne Zeigefinger und Daumen, um mich nicht zu verbrennen. Ein weiterer leichter Windhauch lässt die letzten brennenden Stückchen des Papiers hoch hinaus schweben, bis auch aus ihnen Asche wird, verfolgt von meinen tränenden Augen. Rückwärts gehe ich zurück an meinen Platz. Setze mich, versuche, auch das allerletzte Stück Asche mit den Augen zu verfolgen. Ich greife blindlings zu meinem Glas, nippe am Wein, atme tief ein und aus, komme zur Ruhe.

Ich spüre, dass der Panzer um mein Herz anfängt zu brechen. Ich fühle mich etwas freier und gieße den letzten Rest des Rotweins in mein Glas. Ja, der Mann hatte Recht. Ich musste Loslassen. Ich bemerke, wie die Schwermut langsam von mir abfällt.

Zwei kleine Arme umfassen mich.

„Opa, kommst Du nach Hause? Ich habe Angst allein in dem großen Haus.“

Ich drehe mich erschrocken um und blicke in die braunen Augen meiner Enkelin, die mich verdammt stark an Dich, meiner eigenen Tochter erinnern.

„Wo kommst Du denn her? Und woher weißt Du, dass ich hier bin?“

„Ich habe Dich aus dem Fenster beobachtet und ich weiß, dass Du früher hier mit Mama gesessen hast. Das hat sie mir oft erzählt.“

Ich erhebe mich von meinem Platz, packe die mitgebrachten Sachen in den Korb und ergreife die kleine Hand meiner elfjährigen Enkelin.

„Ja, lass uns nach Hause gehen.“

In mir spüre ich eine neue Energie. Ich weiß, meine Tochter wird immer ein Teil von mir bleiben, aber meine Schwermut ist dabei, sich zu verflüchtigen, genauso wie Asche im Wind.

© Rainer Damke

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